6. Juni 2019

Das Kreuz mit den Bettelampeln

Bedarfsampeln mögen eine sinnvolle Lösung sein, wenn Fußgänger/innen oder Radfahrende selten sind. Für Radfahrende stehen sie aber oft ungeschickt.

Die meisten Fußgänger/innen sind daran gewöhnt, auch Radler landen an solchen Masten. Oft sind die Drücker aber so installiert, dass man vom Fahrrad komplett absteigen muss, um sie zu erreichen. So wie hier der Drücker an der Löffelstraße in Degerloch, wo es über die Heinestraße geht.

Als Radlerin will ich aber nicht vollständig aus meiner Radlerhaltung auf dem Sattel herausgeholt werden und gezwungen sein, mit beiden Füßen auf den Boden zu gehen, und das Rad zu einem Mast hinschieben und danach wieder neu ausrichten müssen. Ich will an den Drücker fahren und ihn erreichen können, indem ich nur, wie beim Halten üblich, einen Fuß auf den Boden stelle.

Und selbst, wo man ans Fahrrad gedacht hat, ist es nicht geschickt. Diese Halteringe dienen ja eigentlich dem Warten ohne den Fuß vom Pedal nehmen zu müssen, wofür Rennradler mit Klickpedalen dankbar sind. Allerdings haben wir alle an solchen Masten schon mal Koordinationsübungen gemacht: Schnell den Ring loslassen und auf den Drücker drücken, dann wieder den Ring packen. (Und das, ohne zu wissen, ob es notwendig war oder nicht.) Nicht selten steht dabei der Vorderreifen über die Bordsteinkannte auf die Fahrbahn hinaus, was Autofahrenden manchmal einen Schrecken einjagt. An diesem hier geht natürlich gar nichts, weil der Fußgänger ihn als Armstütze braucht.

Dieser Drücker an der Querung vom Marienplatz über die Hauptstätterstraße zum neuen Rewe ist ganz und gar falsch platziert. Kommt man vom Marienplatz, muss man ganz nach links fahren und absteigen, um ihn zu erreichen. Mit den Fahrrad kann man auch keine sanfte Kurve zu ihm ihn fahren. Es heißt wirklich, absteigen, hinschieben, Rad neu ausrichten und wieder aufsteigen. Diese Ampel hier hat Streuscheiben, die mit Radzeichen ausgestattet sind. Die Furt ist jedoch so eng und wird von so vielen Fußgänger/innen bemutzt, dass man hier tunlichst nicht rüber radelt.

Die Ampel ein Stück weiter oben an der Böheim-/Filderstaße beim Ausgang des Heslacher Tunnesl hat nur Fußgängerzeichen, ist aber bequemer zu fahren und liegt auch auf der per Wegweiser gekennzeichneten Radoute. Auch hier gibt es Drücker, aber sie sind leicht zu erreichen und wer hier öfter radelt, weiß dann auch, dass sie unnütz sind, denn die Fußgängerampeln sind im Umlauf der Ampelschaltungen integriert.

Auch in Stuttgart Ost haben wir so eine Querung, die es nötig macht, dass der Radler vom Fahrrad springt, um an den Drücker zu kommen. Sie befindet sich in der Fortführung der Rotenbergstraße über die Ostendstaße hinüber. Kommt man aus der Rotenbergstraße und will Richtung Stuttgart Zentrum weiter, muss man auf dem Gehweg nach rechts zum Drücker hinüber radeln. Der Drücker für den Fahrbahnübergang auf der anderen Seite hängt ganz rechts hinterm Gebüsch. Und als ich ihn fotografierte, lagen auch noch alte Weihnachtsbäume dort. Bequem ist anders. Und die Versuchung, hier bei Rot rüber zu radeln, wenn gerade kein Auto kommt (meistens kommt keins), ist extem groß, denn es handelt sich ja nur um eine schmale Richtungsfahrbahn.


Besonders blöd finde ich, dass ich bei all diesen Drückern nicht weiß und auch nie erkennen kann, ob mein Fußgänger-/Radlergrün tagsüber in den normalen Ampelumlauf eingegliedert ist und ich auch ohne zu drücken Grün bekomme, oder ob das nicht der Fall ist. Wenn ich das wüsste, könnte ich mir die Absteigeaktion sparen. Es gibt viele Ampeln in Stuttgart, die mit solchen Bedarfsanforderern ausgestattet sind, sie aber zumindest tagsüber nicht brauchen. Vielleicht auch nachts nicht, wer weiß ... Oft sind sie auch nur für Sehbehinderte installiert, die sich dort ein Signal holen können, was ja auch gut ist.

Völlig überflüssig ist beispielsweise der Drücker für Radler in der Kolbstaße Richtung Marienstraße. Radfahrende bekommen hier immer im Ampelumlauf Grün. Könnte also eigentlich weg.

Ich vermute, es es gibt mehr Drücker, die man nicht mehr braucht, als Drücker, die man wirklich betätigen muss.

Fußgänger/innen mag das egal sein, aber wenn Radfahrende extra absteigen und ihr Rad dorthin schieben müssen, ist das schlecht.

Man kann Drücker für Radler auch so aufhängen, dass man im Geradeausverlauf der eigenen Fahrt an sie herankommt. Dazu muss man aber dann eben hin und wieder einen extra Haltemasten aufstellen. Das passiert eigentlich nur dort, wo man Radfahrenden die Querung einer Vorfahrtsstraße ermöglichen will, ohne Radlerampeln zu installieren. Man drückt und guckt dann, wann der parallele Fußgängerüberweg Grün bekommt. Dann kann man fahren. Das ist beispielsweise in Cannstatt der Fall und bei einer Ampel in der Forsttraße im Westen.

Vaihingen
Auch an der Möhringer Landstraße in Vaihingen gibt es einen freistehenden Drücker. Er hat dafür andere Tücken.
Wenn man auf der Filderhofstraße (wo nur eine Busspur liegt, auf der sich der Busfahrer selber Grün anfordert) nach rechts auf die Möhringer Landstraße einbiegen will, hat man diesen Drücker und vorn die Radlerampel. Eigentlich völlig unnötig, denn würde man hier auf dem Radfahrstreifen weiterfahren und nach rechts einbiegen, käme man dem Autoverkehr von Links nicht einmal in die Quere. Man bleibt ja auf dem eigenen Streifen. Und kriegt man an dieser unnötigen Drückerampel dann endlich Grün, steht man sofort hinter der Kurve wieder ganz lange an einer Autoampel und wartet.

Und wirklich verblüffend finde ich auch hier wieder, dass niemand damit rechnet, dass ein Radler auch mal links abbiegen wollen könnte. Das ist hier nämlich nicht möglich, wie so oft. Für den Bus (und damit alle Autos) gilt an dieser Stelle übrigens ein Linksabbiegegebot. Es gilt mithin für Radfahrende auch. Allerdings zeigt der Pfeil auf dem Radfahrstreifen das Gegenteil, er deutet auf ein Rechtsabbiegegebot für Radler hin. Und wieder mal befinden wir uns in einer Double-Bind-Situation, weil sich Verkehrszeichen und Radstreckenführung widersprechen. Hier können wir dann grübeln beim langen Warten an zwei roten Ampeln darüber, wie wir Verkehrszeichen und Fahrbahnmalerei auslegen müssen und dürfen.

Das Ampelsystem in Stuttgart ist für Radfahrende ohnehin sehr komplex.
Man landet an vielen verschiedenen Variationen. Radler treffen anders als Fußgänger/innen und Autofahrende nicht auf ein einziges System, sie müssen immer erst herausfinden, welche Ampel und welches System für sie an der jeweiligen Stelle gilt. Am Rosensteinbunker zeigt sich, wie gefährlich, weil missverständlich, die parallele Anlage von Radlerampel- und Fußgängerampeln ist.

Und Bedarfsampeln sind keine gute Lösung, wie schon der Spitzname Bettelampeln sagt. Sie sagen uns nämlich: Der Autoverkehr darf immer fahren, wir bremsen ihn für dich nur, wenn du unbedingt darauf bestehst. Wenn man sie aber einsetzt, dann sollten die Drücker wenigstens so hängen, dass Radfahrende sie bequem erreichen können. Und bequem heißt: Nicht die Fahrhaltung gänzlich aufgeben müssen, nicht absteigen müssen, nicht das Fahrrad zum Mast hinschieben müssen! Das ist, als würde man Autofahrende zwingen, aus dem Auto auszusteigen, um per Drücker für sich Grün anzufordern.


Kommentare:

  1. Die bescheuertste Bettelampel die ich kenne ist die von Heslach in Richtung Kaltental unter der Seilbahn. Dort ist die Bettelampel vor der Einfahrt zur Shell-Tankstelle. Drückt man, so fordert man automatisch auch grün zum Überqueren der Burgstallstraße an. Am Ampelmast ist ein Haltegriff. Um an den Drücker zu kommen, muss man über die Haltelinie fahren. Man drückt, hält man sich dann am Haltegriff fest, sieht aber die Ampel nicht mehr.

    Man hat hier also 3 Möglichkeiten: 1. Rotlichtverstoß, um überhaupt an den Drücker ranzukommen, 2. Warten – bis man schwarz wird oder auf der anderen Seite der Burgstallstraße jemand grün anfordert oder 3. Beim Radeln stets einen Besenstiel mitführen, um auch in solchen Situationen bestens gerüstet zu sein.

    Und das alles nur, um den Autofahrern eine bequeme und ungebremste Zufahrt zur Tankstelle zu ermöglichen.

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    1. Ja,die finde ich auch bescheuert. Ich habe aber über sie nicht geschrieben, weil an der Stelle doch alles neu gemacht wereden soll. Der Übergang soll ja für Radler günstiger gelegt werden.

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    2. Die einfahrt zur Tankstelle sollte man dicht machen. Die meisten fahren nur durch die Tanke um an der Ampel vorne nicht stehen zu müssen. Und von der anderen Seite kann man auch zur Tanke gelangen.

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  2. Wofür ich auch überhaupt kein Verständnis habe, sind die Leerlaufzeiten zwischen "Knopf drücken" und "Die Ampel schaltet wirklich um". Wenn der böse Fußgänger 10 Sekunden den "echten Verkehr" stoppt, dann ist es doch eigentlich egal, ob das sofort passiert oder erst in 20 Sekunden. Ein Schelm, der da System erkennt: Wer aufgrund der Wartezeit erst gar nicht drückt, der stoppt den Autoverkehr auch nicht, sondern geht bei rot. Und sollte dann wirklich mal was passieren, kann man die Phrase schmeißen: Ja warum gehst du auch bei rot?

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  3. Wenn wir uns mit den Leuten von der Verkehrsleitzentrale unterhalten, gerade über solche Fragen, kriegen wir dargestellt, wie komplex Ampeln zusammenhängen, nicht alle mit allen, aber wenn an einer großen Kreuzung der Schwung Autos grün bekommt, dann würde man nicht fünfzig Meter dahinter eine Fußgängerampel für Autos auf Rot stellen, dann staut sich der Tross nämlich auf der Kreuzung. Solche Überlegungen stellen die an. Und das folgt natürlich dem Prinzip, der "leichtigkeit des Verkehrs". Ich kann nicht beurteilen, an welchen Drückerampeln das gelten könnte. Hinzu kommt, dass zu Hauptverkehrszeiten Grünphasen für Autos zentral gesteuert verlängert werden können, was dazu führt, dass Fußgänger/innen dann auch mal vier Minuten stehen. EIn Kriterium "Leichtigkeit des Fußverkehrs / des Radverkehrs" gibt es bei uns im Straßenverkehrsgesetzt noch nicht. Deshalb ist es für uns auch schwierig, Ampelaschalteungen fahrradfreundlicher udn fußgängerfreundlicher zu machen. Im Zweifelsfall greift das Ordnungsamt oder womöglich das Regierungspräsidium ein. Das ist dicke Bretter.

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    1. OK Beispiel: Die neue Bettelampel an der Heilbronner/Ecke Friedhofsstr. Dort hat nur der Rechtsabbieger eine Ampel, seit dem die Stadtbahn nicht mehr kreuzt. Und natürlich hat der Rechtsabbieger immer grün, der Rad/Fußverkehr entlang dieser Hauptroute immer rot. Drückt man nun den Buzzer, kann man zu jedes Tageszeit die Sekunden zählen, bis die Rechtsabbiegerampel schaltet. Es ist absolut unnötig, dass Rechtsabbieger dauerhaft freie Fahrt haben, aber was rede ich über Sinn und Unsinn in einer Stadt, bei dem eine Tiefgaragenausfahrt (Milaneo) 3 Spuren braucht und Weichverkehrer bei rot verhungert.

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    2. Ralph Gutschmidt6. Juni 2019 um 20:34

      Auch wenn's in der StVO so steht: in der Realität geht es nie um Leichtigkeit des Verkehrs. Es geht immer nur um die Leichtigkeit des AUTOverkehrs.

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  4. Die Situation an der Möhringer Landstraße ist ja noch absurder als hier dargestellt.
    Das Rechtsabbiegen macht für Radler nämlich nie Sinn, es ist immer sinnvoller der Autoverkehrsführung zu folgen.

    Will man rechts in die Möhringer Landstraße einbiegen spart man sich so die lange Wartezeit an der erwähnten Autoampel. Will man jedoch in die Höhenrandstraße, hat man verloren wenn man am fotografierten Drücker steht, weil man dann nicht mehr links abbiegen darf. Folgt man jedoch der Verkehrsführung für Autos (wo es dann auch wieder einen Fahrraddrücker gibt), kann man geradeaus in Höhenrandstraße einfahren.

    Natürlich erfährt man nichts von alledem vor Ort, sondern man muss es eben wissen.

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  5. Die einzig akzeptable (Fußgänger-)Bettelampel habe ich seinerzeit bei meiner alten Arbeitsstelle in Weinheim erlebt: Knopf drücken, man hörte das Relais im Schaltkasten am Fußweg, bis drei zählen, schon war grün. So soll es sein!

    Ansonsten habe ich mir an Bettelampeln, egal wo, eigentlich immer nur die Füße oder die Reifen plattgestanden.

    Carsten

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  6. Diese Drückknopfampeln sind übrigens noch umständlicher und gefährlicher, wenn man einen Kinderanhänger zieht, weil man länger und nicht so wendig ist.

    Besonders gefährlich wird es, wenn noch Stadtbahnen im Spiel sind. Die Ampeln der Stadtbahnen und Straßen sind unabhängig, man hat also nicht immer durchgängig grün.

    In Karlsruhe fallen mir zwei besonders gefährliche Stellen ein (Landstraße L560 und Autobahnzubringer B10, Durlacher Brücke, also beide viel befahren), da gibt es an sich gut ausgebaute Radwege, aber der (benutzungspflichtige) Radweg wird halt quer über diese Straßen geleitet. Wenn man dann in der Mitte, wo die Gleise sind, nochmal drücken muss oder wegen der Straßenbahn warten muss, steht man entweder mit dem Anhänger noch auf der Straße, während die Autos schon wieder grün haben, oder man steht mit dem Anhänger auf den Gleisen und blockiert auch mal eine Straßenbahn, denn zwischen drücken und grün vergehen bis zu zwei Minuten...

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