15. August 2026

Autofahrende lieben den Stau - anderfalls würden viele Rad fahren

Rund 120 Stunden stehen Autofahrende durchschnittlich im Jahr bei uns im Stau. Radfahren wäre die Lösung, aber so einfach steigt es sich nicht um aufs Fahrrad. 

Fünf Tage im Jahr verbringen wir also  im Stau. Wer an 180 Tagen im Jahr morgens und abends zur Hauptverkehrszeit zur Arbeit und nach Hause fährt, braucht für den Weg fünfzig Prozent mehr Zeit als außerhalb der Rushhour.  

Wenn man davon ausgeht, dass jemand bei staufreier Straße 30 Minuten für den Weg braucht, braucht er/sie im abendlichen und morgendlichen Berufsverkehr dafür grob gerechnet 45 Minuten. Auf 180 Tage hochgerechnet sind das 90 Stunden Stauzeit, also immer noch fast vier volle Tage, die Nacht mit eingerechnet (oder 11 Arbeitstage), die er oder sie in einem Auto sitzt, das nur sehr langsam vorankommt. Vier oder fünf Tage und Nächte im Jahr sind ein kurzer Urlaub. 


Schnelligkeit und Zeitgewinn ist alledings kein Wert an sich. Auch wenn wir immer so tun, als hätten wir es eilig und müssten für irgendetwas Zeit einsparen, ist gerade für Autofahrende der Zeitfaktor offensichtlich unerheblich. Das klingt zwar paradox, versuchen doch die meisten Autofahrenden, so schnell wie erlaubt (gern auch schneller) zu fahren und rechnen wir uns doch immer vor, das Autos sei unser schnellstes Verkehrsmittel. Auf 5 km ist man mit dem Rad in der Stadt aber immer schneller, und das ist manchen zu schnell. Untersuchungen zeigen, dass vielen Menschen die Pausen zwischen Arbeit und Zuhause allein im Auto sehr wichtig und Staus deshalb ziemlich egal sind. Es kommt darauf an, wie lange wir unterwegs sind. Früher ging man fünf Kilometer zu Fuß, mit dem Fahrrad kam man weiter, aber die Zeit, die wir als angemessen für einen Weg zur Arbeit empfinden, blieb gleich. Heute kommen wir in dieser Zeit, die wir investieren wolle, um woandershin zu gelangen, halt einfach weiter. 45 bis 80 Minuten am Tag dürfen es ruhig sein, und wenn ein Stau dazu beiträgt, dann scheint das okay. Wäre den Leuten das zu lang, würden sie anderes Verkehrsmittel wählen, wenn der Arbeitsweg um die 10 Kilometer beträgt. Das Fahrrad erscheint diesen Leuten nicht als Alternative. 

Sie fordern gern mehr und breitere Staßen und Grüne Wellen, Autobahnen und Umgeheungsstaßen.
Aber - das wissen wir schon lange - der Bau von neuen oder breiteren Straßen ist kein Gewinn. Eine neue Straße füllt sich rasch, und dann steht man dort auch wieder im Stau. Straßen erzeugen Autoverkehr. Jede Umgehungsstraße führt dazu, dass noch mehr Menschen das Auto nehmen, die einen nutzen die Umgehungsstraße, die anderen fahren durch den Ortskern, der ja jetzt leerer sein müsste, was er aber bald nicht mehr ist. Aber selbst dann, wenn das Verkehrsaufkommen gleich bleibt, kann eine neue Straße dazu führen, dass sich für alle Autofahrenden die Fahrdauer erhöht und die Situation verschlechtert (Braess-Paradoxon). Straßenbau hilft überhaupt nicht, um Stau zu vermeiden. Dagegen kann die Sperrung einer Straße Stau und Verkehrschaos verringern. Wir dürfen nämlich davon ausgehen, dass wir etliche Straßen in unserem Verkehrsnetz haben, die dem Braess-Paradoxon unterliegen. In Stuttgart war das beispielsweise die Königstraße, die heute Fußgängerzone ist. Und hilfreicher als Grüne Wellen für den Autoverkehr, die ja immer nur eine Richtung bevorzugen, ist Tempo 30 in der ganzen Stadt. Das verbessert den Verkehrsfluss und mindert Stau, verlängert aber nicht die Reisezeit in einer Stadt. 

Stau entsteht durch Autofahrende
, die den schnellsten Weg suchen.
Wer im Stau steht, ist der Stau und ein Grund dafür, dass es ihn gibt. Grund für Steh- und Wartezeiten in der Stadt sind nicht die Ampeln (die werden zur Hauptverkehrszeit von der Verkehrsleitzentrale angepasst), sondern jeder Autofahrer und jede Autofahrerin, der/die selbst am schnellsten durchkommen möchte. Das Schleichwegfahren erscheint dann als Verkürzung, ist es aber nicht. Denn der Schleichverkehr staut sich dann an Ampeln, die nur drei Autos durchlassen. 

Verzögerungen verursacht auch jeder Autofahrer, der in eine Kreuzung eingefahren ist, auf der schon andere stehen und damit den Querverkehr blockiert. Oder jede, die für sich persönlich entscheidet, dass sie mit dem Auto in zweiter Reihe anhalten muss, um ein Paket abzuholen. Grund für einen Stau sind zu viele Autos. Und man kann keine Stadt jemals für die Stauzeiten umbauen, denn letzlich müsste man dann die Häuser abreißen, die neben den Straßen stehen, um sie breiter zu machen. Schon jetzt zeigen sich unsere Stuttgarter Straßen als gähnend leere weite Flächen, sobald nicht Hauptverkehrszeit ist. 

Viele der Autofahrenden könnten mit dem Fahrrad fahren.
Nicht alle, darum geht es nicht, aber viele, deren Weg zur Arbeit nur fünf bis zehn Kilometer beträgt. Sie nützen dann immer noch ein Individual-Verkehrsmittel, nur eben eines, das weniger Platz einnimt, überall durchkommt und mit dem man sogar schneller und immer pünktlich ankommt. Die meisten fahren aber nicht mit dem Fahrrad, obgleich sie es könnten. 

Gewohnheits-Autofahrende müssen eine hohe Hürde überwinden,  um das Fahrrad zu nehmen.
Die meisten kennen das Radfahren von Freizeitaktivitäten. Offenbar fühlt man sich da gelassener und eher bereit, Wegsuche und Komplikationen in Kauf zu nehmen. Der Weg zur Arbeit darf aber keinerlei Hindernisse und Irrfahrten vorhalten. Dazu muss man ihn jedoch kennen.  Radstrecken aber sind vom Auto aus meist nicht sichtbar. Man kennt sie nicht. Den Weg zur Arbeit müsste man also erst einmal an einem Sonntag abgefahren sein und ausprobiert haben. Aber will man am Sonntag zum Arbeitsplatz radeln? Und so verschiebt man die Wegsuche immer wieder. Und dann trifft man am Morgen eben auch nicht spontan die Entscheidung: Heute nehme ich mal das Fahrrad. Während die Autofahrt Routine ist, sind die ersten Radfahrten zur Arbeit ungewohnt und ein neues Abenteuer. 

Selbst versierte Freizeit- und Sport-Radfahrer/innen müssen sich überwinden, zur Arbeit zu radeln, wie Andrea im Jahr 2020 erzählt (wobei ihr Weg 20 km beträgt). Radfahren zur Arbeit ist nämlich ein grundlegender Wechsel im Alltagsmodus, eine ziemlich tiefgreifende Verändung des Lebens: Aus dem warmen Kasten mit Radio hinaus ins Wetter und unter Leute. Man braucht auf einmal ganz andere Kleidung. Man wird anderen Reizen und Gefühlen ausgesetzt. Man ist plötzlich mitten in der Welt, nicht mehr von ihr abgekapselt. Wer die Kapsel Auto als Pausenraum zwischen sich und er Arbeit schätzen gelernt hat, kann sich nur schwer vorstellen vorstellen, dass die Radfahrt ein Kurzurlaub zwischen Arbeit und Zuhause ist. Wer sich nach der Arbeit fallen lassen möchte (in den Fahrersitz), kann sich nicht vorstellen, dass das aktive Radfahren viel entspannender und erholhsamer ist als das Autofahren. Er/sie sieht nur die Anstrengung (und redet sich mit den Gefahren des Radfahrens und Regentagen raus). Es ist eine unsichtbare aber sehr hohe Hürde, die zwischen gewohnheitsmäßigem Autofahren und der Freiheit des Radfahrens steht. Wer sie nicht überwunden hat, kann nicht beurteilen, welche Vorteile das Radfahren auf diesen typischen Berufs-Pendlerstrecken von 4 bis 10 km hat.

Ich erlebe es oft, dass ich notorischen Autofahrenden nicht vermitteln kann, dass meine kleinen Strecken durch die wirklich nicht große Stadt Stuttgart viel netter mit dem Fahrrad sind als mit dem Auto, dass Regen nicht schlimm ist und dass man bei unseren meist eher sanften Wintern auch nicht erfriert. Mnache bedauern mich, wenn sie zu ihren Autos gehen und ich mir den Helm aufsetze. Sie können sich nicht vorstellen, dass ich Spaß habe. Oder dass ich noch schnell Nahrung für drei Tage einkaufe (die meisten Autofahrende denken in Großeinkäufen und Sprudelkisten). 

Ich glaube, dass die Aussicht auf die Freiheit vom Auto eher erschreckt als verlockt.

Wer neu aufs Fahrrad steigt, begibt sich ins Unbekannte. Man kennt die Regeln da draußen nicht so genau (vielleicht ist es gefährlich), man weiß nicht, wie es sich anfühlt (Regen ist meistens nass), man weiß nicht, zu welcher Personengruppe man dann gehört (Radler hat man ja immer gehasst), man befürchtet, es werde sich zu viel ändern, was zumindest scheinbar gut funktkoniert (wie bringe ich jetzt die Kinder in die Kita, wie geht Einkaufen, kann ich meine Alltagsroutine genauso schnell abwickeln?). Den Alltag neu denken, ist im Stress zwischen Arbeit, Familie und Freizeit nicht jedes Menschen Sache. Wenn man Fahrrad fährt, muss man anders planen. Man muss zwar nicht an den Parkplatz denken, aber dafür an den Regenkittel und Regenhosen oder an eine Fahrradtasche für den Einkauf. Und nicht jeder Weg abseits der Routinewege ist mit dem Fahrradd so leicht zu bewältigen wie in einem Auto mit Navi und Wegweisung an den Hauptstraßen. Allerdings lernt man schnell, dass man sehr viele Abstecher vom Routineweg machen kann, weil man nie Parkplatz suchen muss, dass man überall hin kommt, auch wenn der gesamte Autoverkehr steht. Dass man eben nie im Stau gefangen ist.

Leider ist unsere Radinfrastruktur immer noch sehr mangelhaft und macht Ungeübten keinen Mut, das Fahrrad zu nehmen.  






2 Kommentare:

  1. Ich beobachte immer wieder, das Autofahrende deutlich zu schnell durch eine 30-Zone ballern, um den "Zeitgewinn" an der nächsten Abbiegung nach rechts trotz Vorfahrt wieder zu verschenken, weil man es nicht rafft, dass man Vorfahrt hat und nicht ewig nach links schauen braucht! 🤔🤦

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  2. Da stimmt so vieles nicht. Autofahrer kaufen tatsächlich sehr oft nur Kleinigkeiten im Supermarkt. Das können sie in der Hand tragen oder in einer Tasche.
    Die zweite Ausrede mit dem Regen - oft kann man das Tröpfeln als Radfahrer einfach ignorieren. Aus Autofahrersicht mit der schrägen Windschutzscheibe ist da schon fast Weltuntergang.
    christo.

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