15. März 2018

Unfallstatistik 2017 - Und ein paar Märchen

Im vergangenen Jahr starben in Stuttgart zehn Menschen im Straßenverkehr, 8 Fußgänger, darunter 3 Kinder, ein LkW-Fahrer und ein Radfahrer. Gut 2.000 Menschen wurden verletzt. 

Die Zahl der der Polizei gemeldeten Unfälle von Radfahrern ging leicht zurück und lag bei 447. Es wurden allerdings mehr Radler verletzt, nämlich, so die Polizei in der Pressemeldung, 384 (+10%). Unter diesen verunglückten Radlern befanden sich 59, die auf Pedelecs saßen. Das ist ein Anstieg (um 40 %), der nach Einschätzung der Polizei parallel zum  rasanten Anstieg der Pedelcs unter den Rädern liegt und nicht signifikant ist. 54 Pedelecradler verunglückten dabei, einer starb auf dem Z-Übergang am Kursaal in Cannstatt. Er wurde von einer Stadtbahn erfasst. In einem einzigen Fall kam es durch falsches Verhalten gegenüber Fußgängern zu einem Unfall mit einem Pedelec (Statistik, S.37). Vor allem das Befahren von Radstreifen und Radwegen in verkehrter Richtung und das absichtliche Nichtbeachten der Verkehrsregeln sei gefährlich für Radfahrende, so die Polizei. Autofahrer werden hauptsächlich dann gefährlich für Radfahrer, wenn sie abbiegen und den Radler nicht sehen und wenn sie auf Radstreifen und Radwegen parken, auch das stellt die Polizei in ihrem Bericht fest (S.32).

Nach Angaben der Polizei sind die Hauptursachen für Verkehrsunfälle in Stuttgart generell das Missachten der Vorfahrt (12 %) und roter Ampeln, falsches Abbiegen und gefährliche Wendemanöver und Rückwärtsfahrten (13 %) durch Autofahrer. Das heißt, das Missachten von Regeln ist mit riesigem Abstand zu allen anderen Gründen der Hauptgrund für Unfälle, bei denen Autofahrer sich selbst und anderen Schaden zufügen (Statistik, S. 15).


Übrigens ist die Polizei energisch der Ansicht, dass alltäglich wahrzunehmen sei, "dass sich Radfahrer infolge eines geringen Ahndungsrisikos und Uneinsichtigkeit erheblich häufiger bewusst über Verkehrsregeln (bspw. Rotlichtfahrten) hinwegsetzen als das bei motorisierten Verkehrsteilnehmern der Fall ist." (S.32) Eine steile These, denn statistisches Material dazu ist nicht erhoben worden. Es scheint eher eine gefühlte Wahrheit zu sein.
Am Tagblattturm - alle verhalten
sich regelwidrig
In Hamburg hat die Polizei das allerdings mal untersucht und dabei festgestellt: Es stimmt nicht. Die Verkehrsverstöße (vor allem Rotlichfahrten) durch Autofahrer sind häufiger und für Unbeteiligte gefährlicher als die von Radfahrenden.* Und zum Thema, "Radfahrer halten sich ja an gar keine Regeln" (Autofahrer auch nicht) machen wir in Stuttgart vor allen an Straßen, die von Autos gar nicht durchfahren werden dürfen, einschlägige Erfahrungen. So befinden sich beispielsweise außerhalb der Lieferzeiten mehr Autos in den Fußgängerzonen als Radfahrer. Oder der rege regelwidrige Autoverkehr auf der Alten Weinsteige, den die Polizei selbst dann nicht ahndet (es wurden nur Verwarnungen ausgesprochen), wenn sie ihn sieht. Und gar nicht zu reden von den unzähligen Parkverstößen (Parken im Halteverbot, auf Radwegen, auf Gehwegen, auf Gehwegecken, in Feuergassen etc.), die infolge eines doch sehr geringen Ahndungsrisikos begangen werden.

Die Hälfte der Radlerunfälle werden durch den Autoverkehr verursacht.
Der Statistik zufolge, die zwischen Radfahrern und Pedelecfahrern trennt, verunglückten 70 Radfahrer allein durch einen eigenen Fahrfehler (15 %), 157 verursachten den Unfall selbst (35 %), und bei 220 waren es andere, vermutlich Autofahrer, die den Unfall verursachten (49 %). Bei den Pedelecradlern verunglückten 12 alleine (20 %), 12 verursachten ihren Unfall selbst (20 %), einer von ihnen starb, 10 wurden verletzt, und in 35 Fällen (59 %) waren die Unfallverursacher andere, vermutlich Autos.

Wobei die Polizei (gefolgt von der Stuttgarter Zeitung) einen Fehler macht, wenn sie vom "ordnungsgemäßen Tragen eines Helms" spricht. Es gibt keine Helmpflicht in Deutschland. "Ordnungsgemäß" heißt im normalen Sprachgebrauch "vorschriftsmäßig" (und diese Vorschrift gibt es nicht) oder, milder "einer bestimmten Ordnung entsprechend, den einschlägigen Vorgaben entsprechen, wie vorgesehen" und das trifft auf unsere StVO auch nicht zu. Die Frage, ob ein Helm nützt oder schadet, mag ich hier jetzt nicht diskutieren. Es ist im Polizeibericht eine Vermutung, dass ein Helm bestimmte Kopfverletzungen verhindert hätte, und es wird auch nicht ausgeführt, welche Verletzungen Radfahrende hauptsächlich erlitten haben. Tatsache ist: Wo der Verkehr so organisiert wird, dass Radfahrende echten Schutz genießen, wie in den Niederlanden oder in Dänemark, da redet niemand übers Helm-Tragen, da wird auch keiner getragen.

Mehr Radwege als Autostraßen - tatsächlich? 
Und noch ein Fragezeichen wirft der die Statistik auf: Darin steht auf S. 31, das Stuttgarter Radwegnetz verfüge "derzeit über eine Streckenlänge von 1.640 Kilometer". Eine interessante Zahl, denn das wäre mehr als es in Stuttgart Autostraßen gibt, das sollen 1.451 km sein. Aber klar, mit dem Fahrrad kann man auch auf Fahrbahnen fahren, die werden dann offenbar sozusagen zum Radweg. Ein Viertel davon (also gut 400 km) entfallen dem Bericht zufolge auf die Hauptradrouten. Offensichtlich nimmt es die Polizei da nicht so genau und unterscheidet nicht zwischen Radfahrstreifen, Sicherheitsstreifen, kombiniertem Geh-/Radweg, freigegebenen Gehwegen und Fahrbahnen. Die Stuttgarter Verkehrsdaten nennen 171 km Radwege, 100 kombinierte Geh-/Radwege und 700 km Forstwege, die Radler benutzen dürfen. Das wären insgesamt 971 km Radrouten. Aber auch hier ist mir die Herkunft der Zahlen nicht ganz klar. Blogleser Habicht hat mithilfe von OpenStreeMaps ganze 8 km Radweg (echten, reinen Radweg, getrennt von der Fahrbahn und von Fußgängern) identifiziert. Erweitert man unsere Radrouten um Streifen und Mischverkehrswege, dann haben wir Habichts Untersuchung zufolge 207 km Wegeführungen, die fürs Fahrrad angelegt wurden, nicht mitgerechnet die 132 km freigegebenen Gehwege und nicht eingerechnet die Waldwege.

Marienplatz - gewollter Mischverkehr
für Radler und Fußgänger
Und noch ein Wort zu den Fußgängern, die ebenso wie Radfahrer ohne Blechpanzer unterwegs sind:
Klar ist, dass die Hauptgefahr im Stuttgarter Straßenverkehr von Autofahrenden ausgeht, und zwar auch und gerade für Fußgänger. Die Zahl der Unfälle mit Kindern stieg um 13 Prozent auf 106. Drei Kinder verunglückten tödlich. Das sind drei zu viel. 20 Kinder wurden schwer, 141 wurden leicht verletzt, 59  davon übrigens nicht als Fußgänger, sondern als Mitfahrer in einem Auto. Ein Kind wurde verletzt, weil es in einem Kindersitz im Fahrrad saß, das verunglückte. 19 Unfälle gab es auf Schulwegen. Insgesamt waren Fußgänger an 260 Unfällen beteiligt. Die Polizei stellte fest, dass 99 Fußgänger (38 %) selber Schuld waren, weil sie bei Rot gingen oder abgelenkt waren. Zu 62 % waren andere, vermutlich Autofahrer, schuld.

Übrigens wurden keine Kinder (auch keine anderen Fußgänger oder gar Autofahrer) von Radfahrenden getötet. Und in nur einem Fall führt die Statistik einen Unfall zwischen einem Pedelecradler und einem Fußgänger an, wo der Radfahrer den Fehler gemacht hat. Leider habe ich keine Zahlen zu Unfällen zwischen Fußgängern und Radfahrern gefunden. Ich vermute, dass sie so unerheblich waren, dass die Polizei ihr Augenmerk nicht darauf gerichtet hat. Aber das ist nur eine Vermutung.

Je mehr Radfahrer, desto sicherer wird es.
Übrigens erhöht sich die Sicherheit für Radfahrende, je mehr unterwegs sind. Sie werden besser gesehen und Autofahrer sind ingesamt langsamer unterwegs. Eine Untersuchung in Berlin zeigt, dort stieg die Zahl der Radlerunfäller in Prozent exakt wie die Zahl der Radler. Doch die volkswirtschaftlichen Unfallkosten stiegen nur um 17 Prozent. Das heißt, mehr Radverkehr mildert die Folgen von Unfällen. Das Video erklärt außerdem sehr anschaulich die uns bekannten wahren Gefahren im Straßenverkehr.

*Nachtrag: Und gerade heute melden die Stuttgarter Nachrichten, dass die Polizei am Dienstag auf dem Pragsattel innerhalb von zwei Stunden 22 Rotlichtverstöße durch Autofahrer registriert und bestraft hat. 21 Fahrer/innen hatten das Handy am Ohr.

Kommentare:

  1. "Der Statistik zufolge, die zwischen Radfahrern und Pedelecfahrern trennt, verunglückten 70 Radfahrer allein durch einen eigenen Fahrfehler (15 %), 157 verursachten den Unfall selbst (35 %), und bei 220 waren es andere, vermutlich Autofahrer, die den Unfall verursachten (49 %). Bei den Pedelecradlern verunglückten 12 alleine (20 %), 12 verursachten ihren Unfall selbst (20 %), einer von ihnen starb, 10 wurden verletzt, und in 35 Fällen (59 %) waren die Unfallverursacher andere, vermutlich Autos."

    Wieso nur gibt es in der Statistik die gleiche Aufschlüsselung der Unfallzahlen nicht auch für die Führer von mehrspurigen KFZ ?
    Die Daten dafür sind ja offensichtlich vorhanden, weil man es für Radfahrer,Pedelecfahrer und Motorradfahrer machen kann.

    Ich befürchte,das macht man nicht, weil dann klar deutlich würde, bei welchen Fahrzeugführern man zur Verbesserung der Verkehrssicherheit ansetzen muß (Nein, nicht die Radfahrer).

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    1. Bislang hat die Polizei nicht groß unterschieden zwischen Pedelecradlern und Normalfahrradfahrern, aber die Presse neigt ja dazu, Pedelecs als besonders gefährlich zu skandalisieren, und ich nehme an, deshalb hat das Polizeipräsidium diesmal getrennt gezählt und sich bemüht zu erklären, dass es auch mehr Pedelec-Unfälle gibt, wenn mehr Pedelecradler unterwegs sind. Sinnvoll finde ich das nicht. Ich würde auch gerne noch mehr wissen, beispielsweise, wie verteilen sich die Unfälle auf Frauen und Männer (Radfahrerinnen und Radfahrer), und welche Fahrzeuge (Lkw- Pkw, SUV, Elektroautos etc. ) sind an welchen Unfällen beteiligt. Eine besondere Absicht würde ich allerdings nicht unterstellen, ich glaube nicht, dass etwas verschwiegen werden soll. Es ist halt nur ein enormer statistischer Aufwand, je mehr man aufgliedert, und die Abweichungen (Steigerungen und Senkungen) bei den Zahlen sind in Stuttgart vermutlich nicht einmal statistisch relevant, dazu sind die Zahlen insgesamt zu klein.

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    2. Mir fehlt da ein Passus "von aaaa verunglückten Autofahrern verunglückten bbbb Autofahrer allein ohne Fremdbeteiligung (cc%), dddd verursachten einen Unfall mit anderen Verkehrsteilnehmern (ee%) Und ffff Autofahrer waren Opfer von anderen Unfallverursachern (gg %) " Das ist m.E. keinesfalls zu viel Mehrarbeit für die Polizeistatistiker.
      So aber kann jeder die Forderung nach mehr Sicherheit für Radfahrer abblocken mit dem Hinweis, das man da bei den Radfahrern ansetzen muß, weil sie 51% der Unfälle selbst verursachen

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    3. Das UPI-Institut spricht von systematischem Ausblenden in ihrer 2014 veröffentlichten Untersuchung der Fahrradunfälle in Heidelberg:
      http://www.upi-institut.de/UPI77Radunfaelle3.pdf

      Ab Seite 16 wird die Darstellung der Heidelberger Polizei kritisiert. Zitat:
      "[...] im Verkehrssicherheitslagebild der Polizei jedes Jahr nur die Unfallursachen der Radfahrer, nicht jedoch die der Fahrradunfälle angegeben werden. Damit werden systematisch alle Fahrradunfälle ausgeblendet, bei denen PKW, LKW oder andere Verkehrsteilnehmer schuld waren. Dadurch wird im polizeilichen Verkehrssicherheitslagebild nur ein Teil der Unfallursachen erwähnt, häufige Unfallursachen sind deutlich unterrepräsentiert. [...] Die Ausblendung der Unfallursachen von Kraftfahrzeugen bei Zusammenstößen mit Fahrrädern im jährlichen Verkehrssicherheitslagebild der Polizei führt auch zu einer verzerrten Darstellung des Themas in den Medien. [...]"

      Das Statistische Bundesamt schreibt zu Unfällen mit Personenschaden:

      "Auch bei den Fahrradfahrern war ein Pkw der häufigste Unfallgegner (74,5 %). Bei 8,7 % war ein weiterer Radfahrer und bei 6,4 % ein Fußgänger der Unfallgegner. Insgesamt galten 42,8 % aller unfallbeteiligten Radfahrer als Hauptverursacher ihres Unfalls. Bei Unfällen mit einem Pkw war der Radfahrer nur zu 24,6 % und bei Unfällen mit Güterkraftfahrzeugen nur zu 19,8 % der Hauptverursacher des Unfalls. Bei Unfällen mit Fußgängern wurde dagegen dem Radfahrer häufig (60,2 %) die Hauptschuld angelastet."

      Die Zahlen beruhen auf den Angaben der Polizei.

      Quelle Seite 9:
      Kraftrad- und Fahrradunfälle im Straßenverkehr 2016
      https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/TransportVerkehr/Verkehrsunfaelle/UnfaelleZweirad

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  2. Die Polizei München gibt jährlich eine recht umfangreiche Statistik zum Unfallgeschehen heraus. http://www.polizei.bayern.de/content/1/5/6/5/verkehrsbericht_2016.pdf
    Hier wird zwar einiges aufgeschlüsselt ("Kinder", "Junge Erwachsene", "Senioren" usw.), leider jedoch nicht zusätzlich auch nach Geschlecht.

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  3. Geringer Ahndungsdruck führt also zu vermehrten Regelverstößen - vor allem bei Radlern.

    Der Automobil Club Europa hat 2010 Zahlen vom Kraftfahrtbundesamt veröffentlicht:

    - rund 9 Millionen Einträge im Verkehrszentralregister
    - davon rund 4,7 Mio neue Einträge aus dem Jahr 2009
    - rund 2,9 Mio neue Einträge wegen überhöhter Geschwindigkeit

    Das Polizeipräsidium Westpfalz hat in seinem Unfallbericht 2017 festgestellt, das an rund 4600 Stunden mobile Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt wurden. In Rheinland-Pfalz gibt es ca. 9000 Polizisten. Nehmen wir an in der Westpfalz sind es 1000. Dann kommen wir auf 4,6 Stunden Überwachung pro Polizist pro Jahr.

    Es stimmt schon: Fehlender Kontrolldruck führt zu häufigen Regelverstößen. Für KFZler ist das nachgewiesen.

    Radler sind bestimmt nicht besser. Also werde ich hier auch ein ähnliches Ergebnis erwarten. Die Beweisführung fehlt allerdings bis jetzt.

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  4. Einen Unterschied gibt es alledings. die erhebliche Betriebsgefahrr, die vom Auto ausgeht. Autfahrer sind sind einzigen Verkehrsteilnehmer, die einen anderen verletzen, sogar töten können, ohne dabei selbs verletzt zu werden. Rdfahrer dagegen haften für jeden Fehler mit Haut und Knochen. bei Fußgängern, die auch jede Menge Regelverstöße begehen (über rote Ampeln gehen) regt sich niemand auf, ruft niemand nach Kontrollen und spricht niemand von Ahndungsdruck, und zwar weil sie niemandem anrempeln können, ohne dass es ihnen selber weh tut. Wer immer bei Radfahrern nach Kontrollen und kennzeichen ruft, unterstellt im Grunde, dass Radfahrer so gefährlich wie Autos seien. Sind sie aber nicht. Eigentlich müssten sich alle darüber aufregen, dass drei kinder tot gefahren wurden (nicht von Radfahrern), aber das regt in den Kommentarfeldern niemanden auf. Vor allen in Facebook ist das Geschrei nach Kontrollen für Radfahrer groß und nur die werden skandalisiert, nicht aber ein Straßenverkehr, in dem drei Kinder zu Tode gekommen sind ubd übrigens auch etliche jugendliche auf ihren Rädern schwer verletzt wurden.

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    1. Natürlich hast du recht, das Gefährdungspotential durch Radler ist viel geringer als durch den motorisierten Verkehr. Das entbindet aber keinen Radler, sich an Regeln zu halten.

      Meine Aussage war ja auch, dass es gerade KFZler sind, die sich in hohem Maße über Regeln hinwegsetzen. Weil eben das Risiko, erwischt zu werden, sehr gering ist. Und natürlich muss der Druck dort erhöht werden, wo ich den größten Effekt, sprich: stärksten Rückgang der Verletzten- und Todeszahlen, erzielen kann. Und das ist der motorisierte Verkehr und eben nicht der Radverkehr.

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