25. April 2018

Radeln im Vertrauen auf Regeln kann tödlich sein

Zu den grauenvollsten Unfällen gehören jene, bei denen ein abbiegender Lkw-Fahrer ein Kind auf dem Fahrrad überfährt. Immer, wenn das passiert, stelle ich mir die Frage, ob wir es uns leisten können, unsere Kinder nicht vor dem Autoverkehr zu schützen.

Diese Unfälle passieren genau dort, wo Radfahrende sich absolut regelkonform verhalten, nämlich dann, wenn sie auf einem Radweg an einer Kreuzung Grün bekommen, zusammen mit den Fußgänger/innen, und losfahren. Im Vertrauen darauf, dass der Autofahrer seine Verantwortung wahrnimmt und guckt, bevor er rechts abbiegt. Diese Unfälle gehen mit schwersten Verletzungen für den Radler einher, nicht aber für den Autofahrer, sie enden oft sogar tödlich. Und die Unfallfahrer werden nicht einmal sonderlich streng bestraft.  Der ADFC und ich auch haben die diesjährigen Unfälle mal gezählt. Ich habe 16 gefunden. Unter den Opfern sind mehr Frauen als Männer.

  1. 23. Janauar in Berlin, 52-jährige Frau (tot)
  2. 25. Januar in Brandenburg, 10-jähriges Mädchen tot)
  3. 13. Februar in Dortmund, 63-jähriger Mann (tot)
  4. 20. Februar in Dresden, Mann mit Baby im Anhänger (schwer verletzt, Baby unversehrt)
  5. 28. Februar Düsseldorf, 47-jähriger Mann (tot)
  6. 8. März in Singen im Kreisverkehr, 73-jähriger Mann (tot)
  7. 19. März in Emsdetten, 72-jährige Frau (tot, Krankenhaus verstorben)
  8. 28. März in Herne, 17-jähriger Junge (schwer verletzt)
  9. 29. März in  Leipzig, 31-jährige Frau (tot)
  10. 4. April in  Bremen, 24-jährige Frau (tot)
  11. 5. April in Berlin, 49-jähriger Mann (schwer verletzt)
  12. 10. April in Oranienburg, 59-jährige Frau (tot)
  13. 16. April in Frankfurt, 34-jährige Frau (tot)
  14. 16. April in Rosenheim, 45-jährige Frau (tot)
  15. 18.April in Hannover, 11-jähriger Junge (tot)
  16. 24. April in Köln, 56-jährige Frau (tot)
  17. 1. Mai in Leipzig, 16-jährige Frau (tot)
  18. 7. Mai in München, 9-jähriges Mädchen (tot)


2016 waren es insgesamt 77 Tote und 3.200 Schwerverletzte unter Radlern allein durch abbiegende Lastwagen, hat der NDR gezählt.

Das Schlimme daran, es grifft die, die sich an die Regeln halten. Radler, die sich auf der Fahrbahn durch den Verkehr schlängeln und auch mal eine Regel verletzen, sind viel seltener unter diesen Opfern. Darüber hat die Frankfurter neue Presse kürzlich nachgedacht. Es sind die Kinder und Frauen und die Älteren, die im Vertrauen auf die Radinfrastruktur und ihre Sicherheit völlig erlaubt und mit Vorfahrtsrecht radeln. Es sind diejenigen, die den Radweg mögen, weil er verkehrsfern verläuft, nur eben leider an den Kreuzungen nicht mehr. Man kann daraus nicht schließen, dass Fahrbahnen sicherer seien für Radler, sondern zunächst nur, dass Radler, die sich zwischen Autos durchschlängeln und alle Lücken nutzen offenbar aufmerksamer unterwegs sind und mit Querfahrten von Autos und Lkw rechnen. Sie fahren auch bei Rot über eine Ampel, und vermeiden so den Raumkonflikt mit dem startenden Autofahrer.

Von Kindern kann man nicht erwarten, dass sie mit Misstrauen und in einer Kampfradlermentalität unterwegs sind, sie müssen auf die Wege vertrauen, die man ihnen anbietet, auf die man sie trainiert. Deshalb muss die Politik Kreuzungen endlich wirklich sicherer machen. Ja, und auch Abbiegeassistenten bei Lkw könnten helfen, allerdings wohl bislang nur in 60 Prozent der Fälle, und sie verführen am Ende auch noch dazu, dass der Fahrer gar nicht mehr guckt, sondern sich auf ein Piepsen oder rotes Blinken verlässt. Sichere Kreuzungen gibt es, man muss sie wollen und herstellen. Die beständige Wiederholung, es müsse ein Helmpflicht geben, hilft bei dieser Klasse von Unfällen nicht.

Wir können es unsnicht leisten, dass bei uns auf den diejenigen tot gefahren werden, die sich an die Regeln halten, darunter Kinder, und auf Radwegen fahren.

Hier noch ein Artikel der taz vom 27.4.2018 zu diesem Thema.
http://m.lvz.de/Leipzig/Polizeiticker/Polizeiticker-Leipzig/Radfahrerin-geraet-in-Leipzig-unter-Lastwagen

Kommentare:

  1. Ich habe gestern bei einer sehr belebten kreuzung mit Rechtsabbiegerspur und rechts davon liegender Radspur gesehen, wie die Ampeln für Auto und Radfahrer nahezu gleichzeitig auf grün springt. So gesehen ist es purer Überlebensinstinkt der "Kampfradler", bei rot zu fahren.

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    1. Das Problem lässt sich nur getrennte Ampelphasen für Abbieger lösen, zumindest wenn es Radwege gibt

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  2. Das Prinzip Radweg verträgt sich halt nicht mit Kreuzungen und ist somit eigentlich schon von der Konzeption her falsch. Durch gute Führung des Radwegs kann man ihn hier weniger schlimm machen aber gleich direkt auf der Fahrbahn zu fahren ist egal wie man es baut objektiv immer sicherer.

    So einen Radweg könnte man mit einer Autobahn vergleichen auf der man nur von der linken Spur her direkt nach rechts abbiegen kann. Komischerweise würde niemand auf diesem Planten auf die Idee kommen so etwas zu bauen.

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  3. Als Radfahrer muss ich mich, soweit irgend möglich, selbst um meine Sicherheit kümmern. Ich muss mich um Sichtbarkeit kümmern und darum, ob der Auto- oder LKW-Fahrer auch wirklich reagiert. Der Leidtragende bin immer ich.

    Als Erwachsener ziehe ich diese Konsequenz und bin selten auf den halbsaidenen Stuttgarter Radwegen unterwegs. Dafür viel im Wald oder mitten auf meiner Fahrbahn.

    Gelegenheiten wie heute morgen, als wieder mahl ein Autofahrer Audi Kombi mit aufheulendem Motor hinter mir gegen meine Existenz protestierte und mich dann schneidend überholte, sind zum Glück selten.

    Was meine Kinder angeht, so macht mir das Angst.

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  4. Liebe Christine, wenn ihr politischen Entscheidungsträger (Gemeinderat) die Verwaltung auffordert, Kreuzungen und Kreisverkehre sicherer zu machen, indem sie an die aktuell gültigen technischen Regelwerke angepasst werden, ist das löblich. Unfälle werden trotzdem passieren, denn viele Autofahrer übersehen ganze Lastwagen, ja sogar Straßenbahnen, Stadtbahnen und sogar die langsam zuckelnde Zacke. Deine und meine Erfahrung ist doch: selbst bei Radverkehrs-Führung auf der Fahrbahn (Radstreifen, Vorrangstreifen oder ohne Markierung) kann man als Radfahrer schon froh sein, wenn man ignoriert und nicht bedroht, abgedrängt, verprügelt, verletzt oder gleich getötet wird (siehe auch: uneingeschränkte Macht der Straße...).

    Wirkliche Sicherheit bringt nur: KREUZUNGSFREI.

    Das belegen sämtliche Auswertungen, Analysen und Statistiken. Liebe Politiker (nicht nur Du, Christine), macht es doch bitte-bitte gleich richtig und schließt euch einer 0-Verkehrstote-Kampagne an, zieht die Konsequenzen und setzt das umgehend um!

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    1. Lieber Holger, wir haben bei den Haushaltsberatungen sogar Geld dafür bereitstellen wollen, dass der Radverkehr in Stuttgart sicherer wird, aber nach der Antwort der Verwaltung, der Radverkehr sei sicher, konnten wir dafür keine Mehrheit organisieren. Es ist ja so, dass Radwege und diese Kreuzungen, wo Rad und Auto Grün bekommen, als sicher angesehen werden. Und in Stuttgart hat es da ja auch noch nie einen tödlichen Unfall gegeben (ich weiß von keinem), allerdings sehr wohl Unfälle auf dem Radweg entlang der Heilbronner Straße. Und ja, das ist das Hauptproblem: Autofahrer neigen dazu, auf gar nichts mehr zu achten, ich vermute, weil etliche total überfordert sind. Eigentlich wäre es ganz einfach, sich nach Schildern zu richten, dann weiß man, was man tun muss und nicht tun darf, aber gerade das scheint nicht mehr angesagt zu sein. Dabei haben es Autofahrer ja viel leichter als wir, weil für sie alles seit Jahrzehnten ausgeklügelt und bestens geordnet ist. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man beim Autofahren nicht mehr denken muss, weil ja Ampeln und Schilder alles ansagen. Das führt dann zu einem extrem unaufmerksamen und wenig gefahrenbewussten Fahren.

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    2. Hier in Deutschland wird die "Vision Zero" leider nicht dadurch unterstützt werden, dass Automobilverkehr verringert und Verkehrsinfrastruktur verbessert wird. Stattdessen werden Subventionen an die Automobilindustrie ausgeschüttet, damit diese an Assistenten forscht, die helfen sollen, Unfälle zu vermeiden.

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    3. Die Aussage, die Radinfrastruktur in Stuttgart ist sicher, ist einfach unsinn. Hier zum Beispiel: https://goo.gl/maps/U5sgUiYLK4D2 , wenn man da geradeaus radelt, muß man auf der Kreuzung in den gleichzeitig startenden Autoverkehr einfädeln weil der Schutzstreifen hinter der Kreuzung nicht mehr weiter geht. Gefährlicher kann man das nicht bauen.

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    4. Christine schreibt " aber nach der Antwort der Verwaltung, der Radverkehr sei sicher, ..." Ist der Radverkehr wirklich sicher? Oder ist das nur eine Schutzbehauptung, da "die Verwaltung" ja andernfalls Versäumnisse einräumen müsste.

      Als sicher dürften Radwege gelten, die den ERA 2010 entsprechen. Vermutlich gilt das in Stuttgart nicht, zumindest nicht flächendeckend.

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    5. @ Matthias: Die technischen Verwaltungsvorschriften incl. ERA 2010 werden in Stuttgart flächendeckend NICHT eingehalten. Mein Angebot aus einem früheren Blog-Beitrag steht: Ich wette, es gibt keine zusammenhängende 2 km vorschriftsmäßige Radroute.

      Leider hat darüber hinaus auch die ERA noch ihre Schwächen. Beispielsweise lässt sie Vorrangstreifen so dicht an Längsparkplätzen zu, dass man ihn nicht benutzen darf: Mehrere Gerichtsurteile weisen dem Radfahrer Teilschuld am Dooring-Unfall zu, wenn man weniger als 1 m bis 1,5 m Abstand hält.

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    6. @ Christine: mit so einer offensichtlichen Lüge der Verwaltung habt ihr euch abspeisen lassen? Auch die Verwaltung weiß, dass die Behauptung falsch ist. Einer der Co-Autoren der ERA 2010 ist schließlich bei der Stadt Stuttgart angestellt und spätestens seit 2014 gibt es ein vollständiges Kataster der Radinfrastruktur. Also hat die Verwaltung den kompletten Überblick.

      Doch, wir wissen von tödlichen Unfällen in Stuttgart.
      2017 gab es eine getötete Pedelec-Fahrerin, 2016 einen tödlichen Unfall im Kreisverkehr.
      Du hast sogar schon selbst darüber berichtet, siehe z.B.

      https://dasfahrradblog.blogspot.de/2016/06/todlicher-fahrradunfall-in-weilimdorf.html

      Meines Wissens gab es vor ein paar Jahren auch einen tödlichen Dooring-Unfall in Stuttgart-Vaihingen.
      Einen Gesamtüberblick habe ich aber auch nicht.

      Beim Radweg entlang der Heilbronner Straße handelt es sich um einen einseitigen Gegenverkehrs-Radweg, was bekanntlich gefährlich ist. Deshalb dürfte für den keine Benutzungspflicht angeordnet werden.

      Worüber wir diskutieren können: Ist die perfekte Regulierung tatsächlich gut? Zwischen Radfahrern und Fußgängern gibt es ja ziemlich wenige Unfälle auf den Kreuzungen, wo sich Rad- und Fußverkehrsstrom ohne Fahrbahnmarkierung kreuzen. Alle haben zwar Angst davor, es bremst aus, nervt, aber die Praxis, Kreuzungen auf den Hauptrouten einfach als verkehrsberuhigten Bereich auszuweisen (bzw. Gehweg - Fahrzeuge frei) funktioniert ja offensichtlich.

      Wäre doch eine Idee, die Kreuzungen an B10/B14/B27 (z.B. Charlottenplatz) entsprechend umzugestalten. Alle Fahrbahnmarkierungen weg, Fußgänger haben Vorrang, alle auf Schritttempo verpflichten.
      Wenn die Leute als Fahrradfahrer damit klar kommen, warum nicht auch als Autofahrer?

      Als Autofahrer hat man es sogar einfacher und ist weniger vorm Verkehrsgeschehen abgelenkt:
      Man muss nicht balancieren, hat bessere Bremsen, schlingert nicht automatisch beim Schulterblick, kippt nicht um, wenn man in eine Rille gerät.

      Und wenn doch mal ein Unfall passiert, gibt es bei FFZ-Beteiligung nur einen Verletzten und nicht zwei (wie zwischen Radfahrern oder Radfahrer-Fußgänger).

      Ärgerlich an dem Ansatz ist, dass der Radverkehr weiter ausgebremst wird. Der Autoverkehr zwar auch, der KFZ-Anteil am modal mix soll aus verschiedenen Gründen bekanntlich sowieso reduziert werden, also passt es ja, wenn die KFZ-Nutzungh etwas weniger attraktiv wird.

      Klingt etwas utopisch, bremst alle Nicht-Fußgänger aus, ist möglicherweise aber sicherer als Regelungen, die dann doch viele ignorieren.

      Es läuft mal wieder auf die Frage heraus, welches Verkehrsmittel man bevorzugen will. Ausgerechnet das gefährlichste am schnellsten fahren zu lassen, ist widersinnig, oder?

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    7. @ Holger. Falls du heute die Stuttgarter Zeitung gelesen hast, dann hast du gelesen, dass in Stuttgart etwas weniger Radunfälle passieren als in anderen Städten und als im Umland. Keine Ahnung, woran das liegt. Der letztes Jahr getötete Pedelec-Fahrer war keine Pedelec-Fahrerin, und er hat einen Z-Bahnübergang überquert und die Bahn nicht gesehen. Ich bin zwar dagegen, Radler über Z-Übergänge zu schicken, auch weil man die Stadtbahn nicht sieht, wenn man mit dem Rad kurvt, weil das Gesicht in die falsche Richtung zeigt (sie sind für Fußgänger gemacht), aber man kann nicht wirklich der Stadt oder der Verwaltung eine Mitschuld daran geben. Auch Autofahrer übersehen ständig Stadtbahnen. Über Sicherheitsfragen kann man während der Haushaltsberatungen nicht diskutieren, da müsste man ein Seminar ansetzen, in dem sich Gemeinderat und Ordnungsamt mal darüber unterhalten, wie wir Sicherheit für Radfahrende sehen und wie sie wissenschaftlich gesehen wird. Und es hat auch keinen Sinn, sich auf Wortgefechte einzulassen, die über den Begriff Sicherheit gehen, wenn es eigentlich darum geht, so schnell wie möglich Personal und Geld für eine Beschleunigung des Baus der Radinfrastruktur bereitzustellen. Vielleicht sollten wir RAdler mal ein echtes Sicherheitssymposium einberufen.

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    8. Sicherheitssymposium, klingt nach einer guten Idee. Du kannst mich mal persönlich ansprechen, ob/wie ich evtl. was beitragen kann. Meine 10 cm - Narbe motiviert mich, das Thema hochzuhalten, bin aber kein ausgebildeter Fachmann.

      Nein, ich habe einen regionalen Ableger aus dem Verlagsverbund.

      Danke für die Erläuterungen. Auch Stadtbahnübergänge sehe ich als Kreuzung, auch hier die Forderung: "kreuzungsfrei". Das war übrigens ein Vorteil der (verbotenen) Strecke über den Wertweg(?) und die Elefantenbrücke als Verbindung zwischen HRR1 und Neckartalradweg statt der Kurverei über die Stadtbahnhaltestelle, am Leuze vorbei über die Engstelle bei der Zählstelle auf der König-Karl-Brücke und der vermurksten Gestaltung der Kreuzung (Abzweigung, Rampe und Hall of Fame).

      Heikel für "Gewohnheitsfahrer" ist bei den Stadtbahnübergängen auch, dass gelegentlich eine Stadtbahn in Gegenrichtung kommt. Ist einem Kollegen mal passiert: Es ging das Wechsellicht an, es stand aber keine Bahn am Bahnsteig, er dachte "was soll das", also ist er doch rüber. Wäre anscheinend fast schiefgegangen...

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  5. Gestern ein Artikel über Kriegsrhethorik, heute von Kampfradlern schreiben. Kann man machen. Muss man aber nicht verstehen.

    Aber Schlüsse ziehen. Die von dir geschmähten "Kampfradler" fahren beileibe nicht so wie von dir beschrieben. Die meisten mißachten nicht mal rote Ampeln. Aber sie wissen einfach um die Gefährlichkeit von Radwegen/-streifen und "Schutz"streifen. Das ist der Unterschied. Und die kann man auch nicht sicher machen, weil Strecken ohne Querung einfach sehr selten sind.

    Martin

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    1. Die Formulierung war ungeschickt und ich habe sie geändert.

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  6. Sozusagen "Kampfradler" vs. "Opferradler"?

    Wäre eigentlich alles ganz einfach: Radinfra ausbauen, aber Benutzungspflicht abschaffen.

    mfG
    Andreas

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    1. Vielleicht muss man darüber sogar noch mal länger nachdenken. Es gefällt mir persönlich ja gar nicht, dass Frauen hier ständig Opfer werden. Fand ich jedenfalls ziemlich bestürzend.

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  7. Was ist daran "Schlimm", als (erfahrener) Radfahrer so zu fahren, wie es nachweislich objektiv sicherer ist? Ich halte mich auch nicht sklavisch an jedes Blauschild, wenn dort die Unfallgefahr um ein Vielfaches höher ist, als auf der Fahrbahn. Ich gehe lieber das Risiko ein, mal eine Knolle für ein missachtetes Blauschild zu kriegen - als ständig auf gemeinsamen Geh- und Radwegen zu verunfallen, mir auf solchen Wegen ständig die Vorfahrt nehmen zu lassen oder an bescheuerten bis gemeingefährlichen Querungsstellen über den Haufen gefahren zu werden. Wer es natürlich nicht einmal versucht, wird niemals zu dieser Erkenntnis gelangen.

    Letztens wurde hier ja noch die Ansicht vertreten, "Männer" gingen im Straßenverkehr öfters drauf, weil sie stets blind auf ihr Recht auf Vorfahrt pochen würden. Es ist jedoch im Grunde nicht ungewöhnlich, dass Frauen, Rentner und Kinder bei dieser Form von Unfall stark überrepräsentiert sind. Sind es doch genau die Gruppen, für die nun einmal gesonderte Radwegeinfrastruktur angelegt wird. Dass sie auf der Fahrbahn sicherer unterwegs wären, interessiert dabei nicht; die kognitiven Dissonanzen werden einfach unterdrückt - und noch mehr Radwege gefordert. Was die Unfallzahlen weiter steigert; diese Toten werden ja auch - weil es dem vermeintlich guten Zweck (mehr Radverkehrsanteil) dient, selbst vom ADFC mit einkalkuliert...!

    Das "Prinzip Radweg" wird aber (wie bereits von anderen Kommentatoren angemerkt) weiter Todesopfer fordern, weil (tödliche und schwere) Unfälle an Knotenpunkten um ein Vielfaches häufiger vorkommen als Unfälle im Längsverkehr. Radwege wären höchstens dann objektiv sicher, wenn jene auf einer eigenen, kreuzungsfreien Ebene verlaufen würden. Das wird sich aber schlicht niemals in größerem Umfange realisieren lassen!

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  8. "Es sind die Kinder und Frauen und die Älteren, die im Vertrauen auf die Radinfrastruktur und ihre Sicherheit völlig erlaubt und mit Vorfahrtsrecht radeln."

    Die Agitation gegen Radinfra greift bei Lkw vs Radfahrerinnen Unfällen schlecht. Der Auflistung der getöteten Radfahrerinnen in Berlin, bei der Radwege als Unfallort und Lkw bzw Pkw als Unfallgegner benannt werden, kann man entnehmen, dass es quer durch Mischverkehr, Streifen und Radwege geht.
    https://adfc-berlin.de/radverkehr/sicherheit/information-und-analyse/145-unfallorte/416-getoetete-radfahrende-2017.html

    Auch die abnorme Häufung von Radfahrerinnen als Opfer von Lkw-Rad Unfällen in Großbritanniens Städten (der Frauenanteil am Radverkehr ist dort viel kleiner als bei uns), wo es kaum Radwege gibt, spricht dafür, dass wir es mit einem Zivilisationsproblem im engeren Sinne zu tun haben: Mit Strassenverkehr als unzivilisierten, d.h. rechtsfreien Raum. Im rechtsfreien Raum gilt (tendenziell bzw überwiegend) nichts Anderes als die Macht des Stärkeren. Rücksicht, auf Menschen oder auf Regeln, die vor allem von Frauen erwartet wird (und die von ihnen als Voraussetzung für ihre Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum erwartet werden muss), ist dort eben (tendenziell oder überwiegend) nicht zu erwarten. Jedenfalls nicht in dem Maße, dass nicht überwiegend Frauen zu Opfern der mit Abstand stärksten (und deshalb rücksichtslosesten) Player im Asphaltdschungel werden. Das zeigen die Zahlen.
    Meine Überlegungen und die von mir ausgegrabenen Zahlen dazu:
    https://radverkehrhamburg.wordpress.com/2016/02/09/lkws-und-radlerinnen-eine-unheimliche-singularitat/

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    1. Lieber Strizzi, ich agitiere nicht gegen Radinfrastruktur, ich mach nur deutlich, dass ich darüber entsetzt bin, dass es gerade die trifft, die den Regeln vertrauen und darauf vertrauen, dass andere sie auch einhalten. Mehr nicht. Verkehrsferne Radwege sind wunderbar, wenn es sichere Kreuzungslösungen gibt. Es geht um das Vertrauen in die Verantwortung der Autofahrer, das vor allem Kinder ja irgendwie haben müssen.

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    2. Liebe Christine, es geht bei den Unfällen Lkw vs Rad vor allem um Frauen, nicht um Kinder (Das Verhältnis Frauen zu Männern bei den getöteten Radfahrern ist ca 4:1, Zahlen: BASt).
      Sichere Kreuzungslösungen betreffen NICHT nur "verkehrsferne Radwege" (was ein contradictio in adjecto, ein Widerspruch in sich ist), sondern ohne Ausnahme alle Radverkehrsführungen. Das systematische Verwechseln von "Radwegen" und für alle Radverkehrsführungen unsicheren Kreuzungen ist, du weißt es, ein beliebtes Narrativ der Agitation gegen geschützte Radinfra.

      (Radverkehrs-) Sicherheit lässt sich auch nicht durch "Vertrauen auf die Verantwortung der Autofahrer" herstellen. Das Vertrauen auf die individuelle Regeltreue jedes einzelnen Autofahrers (jeder Einzelne darf nicht mal müde, mal gestresst, mal eilig, mal abgelenkt, mal rücksichtslos sein) kann niemand haben, muss schon gar nicht - das würde ich auch niemandem einreden wollen, am wenigsten Kindern.

      Wir brauchen nicht: Das auf Gnade und Ungnade Ausgeliefertsein auf die 'Verantwortung' der Autofahrer. Die gibt's im Zweifel nicht.

      Wir brauchen: Sichere Infrastruktur, die baulich, durch ihr Design, Wahrnehmungsereignisse entzerrt und so Aufmerksamkeit, d.h. Rücksicht, aktiv begünstigt und steuert. Die gibt's.

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    3. Sag ich doch! Wir brauchen eine sichere Radinfrastruktur, denn das Vertrauen auf die Aufmerksamkeit der stärkeren motorisierten Verkehrsteilnehmer ist halt gefährlich. Wobei auch du im Prinzip schon mit einem gewissen Grundvertrauen unterwegs sein dürftest, dass die meisten Autos bei Rot halten oder nicht Schlangenlinien auf der Fahrbahn fahren, denn würden wir immer und ununterbrochen mit unerwarteten Richtungswechseln und Narreteien rechnen, könnten wir uns nicht mehr unter Menschen (auch Autofahrern) bewegen. Regeln regeln ja eben unser Zusammenleben, und würden wir ihnen nicht trauen, wären wir schnell angstvolle Nervenbündel.

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    4. Alfons Krückmann26. April 2018 um 21:50

      Ich denke eher, dass wir eine sichere VERKEHRSinfrastruktur brauchen.
      Das Problem simplifizierend zusammenzukürzen auf "sichere RADinfrastruktur" wird der Tragweite des Problems m.E. keinesfalls gerecht, sondern verschleiert unnötigerweise die sozialen und ökologischen Probleme der gegenwärtigen autofixierten Mobilitätskultur.
      Der bloße Aufbau einer zweiten separaten Infrastruktur für den Radverkehr löst keines der Schlüsselprobleme der Mobilität im 21.Jhd. (klimawandel, Emissionen/Imissionen, Lärm, Zerstörung von Lebensraum und Bewegungsraum, Flächenfraß, Zersiedelung, etc.), sondern stellt ein wohlfeiles Placebo dar, das die Verkehrsleistung des MIV durchaus noch zusätzlich steigern kann (Stadt - Umlandverkehre), und das durchaus - wie vor Jahren der 'Biosprit' - einen negativen Reboundeffekt auslösen kann.
      Dieser neue Trend: 'Rad braucht Radweg' und 'mehr Infra' setzt doch einfach auf das bestehende Übel zusätzlichen Asphalt ohne Grundlegendes auch nur im Ansatz anzugehen.
      'Bike vs. cars' mit dem Ziel einer ökologischen Verkehrswende wird verwandelt in 'bike + cars' mit dem Ziel der Verlagerung von Kurzstreckenverkehr aufs Rad zur Entlastung der FAhrbahnen für eine weiter gesteigerte Verkehrsleistung der Automobile.
      Wo wird das nichts.

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  9. Das wird derzeit halt als das Problem der Opfer gesehen, nicht der Täter. Die Berliner Polizei kontrolliert eine Woche lang, findet erschreckend viele Fehler beim Abbiegen und schämt sich nicht, noch ein Fazit hinterherzuschieben:

    "An vielen Kontrollorten war die Feststellung erschreckend, wie sorglos und leichtfertig Radfahrende die Fahrbahn selbst unmittelbar vor abbiegenden Lkw queren – in Anbetracht der hohen Selbstgefährdung mehr als unverständlich. Die Polizei Berlin rät deshalb eindringlich, sich an Kreuzungen und Einmündungen besonders sensibel zu verhalten, möglichst Blickkontakt zu den Abbiegenden aufzunehmen, das stark eingeschränkte Sichtfeld bei Lkw zu berücksichtigen und im Zweifelsfall lieber auf den eigenen Vorrang zu verzichten."

    Victim-Blaming vom Feinsten.

    https://www.berlin.de/polizei/polizeimeldungen/pressemitteilung.695528.php

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    1. Das ist ja interessant. Die Polizei Berlin billigt also LKW-Fahrern zu, in eine Kreuzung einzufahren ohne dass er was sieht.

      Ich habe letztes Jahr in Freiburg eine Möglichkeit gesehen, solche Gefahrenstellen zu entschärfen. Es werden Spiegel so über oder neben den Ampeln montiert, dass der KFZler den Radweg einige 10 Meter nach hinten überblicken kann.

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    2. Trixi-Spiegel? Feine Sache, aber der LKW-Fahrer oder die LKW-Fahrerin muss trotzdem draufschaun.

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  10. Du kennst auch bereits https://radunfaelle.wordpress.com/radwege-radeln-im-toedlichen-winkel/ ?

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