9. Juni 2018

Der Radentscheid ist auf dem Weg

Heute geht es los mit der Unterschriftensammlung für einen Radentscheid in Stuttgart. Und zwar bei den Radaktionstagen am Stand des Zweirats. 

Wer sich mehr Sicherheit, mehr Radwege, mehr Radförderung, mehr Radabstellanlagen in Stuttgart wünscht, kann ab heute unterschreiben, sowohl auf den Listen, die ausliegen, als auch auf denen, die man sich von der Internetseite des Radentscheids herunterladen kann.  20.000 Unterschriften werden benötigt, damit er in einen Bürgerentscheid mündet und alle Stuttgarter /innen darüber abstimmen können, wie es mit dem Radverkehr weitergehen soll.

Das geht übrigens nicht nur Radfahrende etwas an, sondern auch diejenigen, gerne Rad fahren würden, wenn es eine bessere Infrastruktur gäbe, es sich jetzt aber noch nicht trauen.
Für den Radentscheidn könnten zum Beispiel auch diejenigen stimmen,

  • die gerne mit dem Fahrrad fahren würden, wenn die Infrastruktur besser wäre und sie nicht das Gefühl hätten, Radfahren sei in Stuttgart ja lebensgefährlich, denn der Radentscheid dringt auf sichere Radrouten für Menschen jeden Alters
  • die ihre Kinder mit dem Fahrrad zur Schule schicken wollen, aber keinen sicheren Weg gefunden haben
  • Zufußgehende, die es hassen, wenn Radler auf dem Gehweg fahren, denn der Radentscheid möchte erreichen, dass Radfahrende auf den Fahrbahnen fahren können und nicht mehr auf den Gehweg ausweichen
  • Autofahrer, die auf ihr Auto angewiesen sind und jeden Tag im Stau stehen. Denn wenn wer auf dem Fahrrad unterwegs ist, sitzt schon mal nicht im Auto. Und je mehr Radverkehr eine Stadt hat, desto mehr Platz haben Autofahrende auf ihren Straßen
  • Autofahrer, die sich ärgern, wenn sie hinter Radlern hängen, denn der Radentscheid fordert den Ausbau von Radwegen und Radstreifen, damit die Geschwindigkeiten auf der Fahrbahn getrennt werden. 
  • Und natürlich der lokale Handel. Denn Radfahrende kommen überall hin, müssen nie Parkplatz suchen, sehen vom Rad aus in die Schaufenster und können immer halten und einkaufen. Radfahrende kaufen insgesamt mehr im lokalen Handel ein als Autofahrende. Sie sind sehr gute Kund/innen. Und wo weniger Autos und mehr Radfahrer unterwegs sind, kommen auch mehr Fußgänger, die ebenfalls einkaufen. 
  • Es gibt viele Gründe, sich eine Stärkung des Radverkehrs zu wünschen, auch wenn man selber gar nicht so viel Fahrrad fährt ... aber wer weiß, vielleicht würde man ja mehr fahren, wenn es angenehmer wäre und weniger gefährlich erscheint.

Der Radentscheid muss mindestens 20.000 Unterschriften von allen Stuttgarterinnen und Stuttgartern (einschließlich allen EU-Bürger/innen über 16) zusammenbekommen, damit ein Bürgerbegehren zustande kommt. Der Bürgerentscheid wird dann nach einer Prüfung  von der Verwaltung organisiert und könnte beispielsweise bei den Kommunal- und Europawahlen im kommenden Jahr stattfinden. Mindestens 75.000 Stuttgarter/innen (das ist ein Quorum von 20 Prozent) müssten dem Radentscheid zustimmen, damit Gemeinderat und Stadt die Forderungen umsetzen.

Die elf  Ziele findet ihr hier in aller Ausführlichkeit.

Es geht, kurz gesagt, um "Rollen, einfach sicher." 

  1.  Mindestens 15 sichere Radanlagen werden pro Jahr geschaffen. 
  2. Mindestens 15 km  Nebenstraßen werden für Radfahrende attraktiv gemacht.
  3. Pro Jahr mindestens 33 km der geplanten Hauptradrouten werden angelegt.
  4.  Mängel und Gefahrenstellen im Rad- und Fußwegnetzt werden unverzüglich beseitigt.
  5. Mindestens 31 Kreuzungen und Einmündungen werden im Jahr sicher gestaltet.
  6. Die Radinfrastruktur wird gepflegt, im Winter der Schnee geräumt 
  7. Die Zahl der Radabstellanlagen wird innerhalb von drei Jahren verdreifacht
  8. Stuttgart wirbt mit Kampagnen fürs Radfahren
  9. Die Stadt sensibilisiert alle für den Radverkehr und macht Informationskampagnen.
  10. Die Stadt legt jedes Jahr einen Bericht über Stand und Fortschritt bei den Maßnahmen für den Radverkehr vor.
  11. Die Stadt schafft die organisatorischen und personellen Voraussetzungen, damit die Ziele verwirklicht werden können. 


Radentscheide sind bereits in etlichen Städten auf den Weg gebracht worden oder werden derzeit auf den Weg gebracht. Den Anfang hat Berlin gemacht, wo der Senat derzeit an einem Radgesetz arbeitet.



Kommentare:

  1. "Mindestens 75.00 Stuttgarter/innen (das ist ein Quorum von 20 Prozent)"

    Sollten das nicht eher 75.000 sein?

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    1. Danke, fehlte eine Null. Immerhin war der Punkt an der richtigen Stelle.

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  2. Moin, habe ich als Nicht-Einwohner, der einen Arbeitsplatz in Stuttgart hat, eine Möglichkeit, dieses Vorhaben zu unterstützen?

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  3. " Und je mehr Radverkehr eine Stadt hat, desto mehr Platz haben Autofahrende auf ihren Straßen "
    Für den Fall eines weitgehend separierten Radverkehrs ist das sicher richtig.
    Nicht nur richtig, sondern auch bedeutsam!
    Die Frage ist natürlich was daraus folgt.
    Münster hat quasi eine Laborsituation. Voll separierter Radverkehr, bei dem auf den Kurzstrecken der Radverkehr gegenüber dem Autoverkehr dominiert.
    Ein von vielen beneideter 'Radverkehrsanteil' von 40% mit steigender Tendenz.
    Die Kehrseite:
    Ca. 2016 / 2017 hat der Pendler-MIV bei der Wegeanzahl den Einwohner-MIV endgültig überholt.
    Auf Münsters Strassen ist durch den separierten Kurzstreckenradverkehr genügend Kapazität für den MIV freigemacht worden um nunmehr über 300.000 tägliche Autofahrten von Auswärtigen (vornehmlich Pendler plus Konsumreisende aus dem Umland) abwickeln zu können.
    Zwar kommt es gelegentlich zum Totalstau (Rückstaueffekte) auf den Radialen, aber in der Regel kommen die Pendler relativ zügig durch.
    Da hat der separierte Radverkehr tatsächlich dem Autoverkehr erfolgreich unter die Arme gegriffen.
    Die entscheidende Frage ist aber doch:
    W O Z U ???
    Brauchen wir heutzutage (Stichwort Klima) noch steigende MIV Stadt-Umlandvekehre?
    Wieso wird das von den Radentscheiden als positiv dargestellt?
    Ökologisch gesehen ist das ne mittlere Katastrophe. Was nutzen drei verlagerte 'Bäckerfahrten' (3x3KM und zurück = 18KM), wenn dabei gleichzeitig eine Stadt/Umlandfahrt von 20KM (20KM und zurück = 40KM) induziert wird?
    Ergänzend kommt im zeitlichen Nachgang ja noch die verstärkte Suburbanisierung hinzu (Reisezeitkonstanz).
    Gibt es bei den 'Radentscheiden' eigentlich irgendeine qualifizierte Folgenabschätzung mit Szenarien für dem Gesamtverkehr?
    Die geforderten Maßnahmen schaffen ja im Erfolgsfall infrastrukturelle Tatsachen, die für Jahrzehnte wirksam sein werden.
    Sowas braucht doch zumindest mitfall / ohnefall Prognosen und dergleichen.
    Zumindest sollte doch gesichert sein, dass im Erfolgsfall des Radentscheides keine ökologische Verschlechterung eintritt.
    Ist das zuviel verlangt?
    Wie wurden denn eigentlich bei der Konzeption der Massnahmepakete die induzierten Autoverkehre berechnet? Und wie sieht die ökologische Bilanz dann aus?
    Ich fürchte all diese Fragen werden Schulterzucken auslösen und stattdessen werden die populistischen Denkbahnen aufgerufen: 'Hauptsache Radweg' und 'more people bike more often'?

    Ich sehe ein, dass die Forderung von 'Alternativen stärken' realpolitische Vorteile bietet, da so der Widerstand der Autolobby und der automobilverrückten BürgerInnen gering bleibt, aber es sollte doch klar sein, dass mit 'pull' ohne 'push' aus ökologischer Sicht NICHTS erreicht werden kann.
    Im Gegenteil.
    In NL heisst die Losung seit einigen Jahren 'Zuckerbrot und Peitsche', nachdem klar geworden war, dass die Förderung der Alternativen mitnichten den weiteren starken Anstieg der MIV Verkehrsleistung verhindern konnte.
    Die wenigen Erfolge, die aus ökologischer Sicht im Verkehrsbereich erzielt werden konnten haben eines gemeinsam:
    wirksame Repressionen GEGEN den Autoverkehr.
    Mit diesem 'wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass' erweist ihr der 'ökologischen Verkehrswende' vermutlich einen echten Bärendienst.
    Vielleicht sammelt ihr erstmal Geld oder Know-how für eine fundierte Folgenabschätzung, bevor ihr Unterschriften für etwas sammelt, dessen Auswirklungen ihr selbst überhaupt nicht eruiert habt?

    Ich lasse mich aber gern eines Bessern belehren, sollte meine Kritik ganz oder in Teilen unberechtigt sein.

    Alfons Krückmann

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