23. September 2018

Am Fahrrad ist die Klingel das Lauteste

Städte sind laut. Alle fünf Jahre muss eine Stadt die Lärmbelastung erfassen und veröffentlichen. Das hat Stuttgart jetzt für 2017 getan. 

Lärm kostet übrigens richtig Geld, uns alle und die Stadt. Das Fahrrad ist unbestreitbar das leiseste Verkehrsmittel. Es steht diesem ungeheuren Geräuschpegel als stille Alternative gegenüber. Es ist billig in der Anschaffung, macht Spaß und macht die Stadtgesellschaft gesünder.

Elektro-Autos sind auch nicht immer die Lösung. Sie mögen in der Stadt leise sein, auf Autobahnen sind sie es nicht. Denn das Hauptautobahngeräusch sind die Reifengeräusche, die auch ein E-Auto macht. Für Anwohner/innen in Autobahnnähe würde sich also durch einen E-Autoverkehr nichts ändern.
Es gibt immer wieder Vorschläge, den Autoverkehr in Tunnels zu verlegen (das Foto zeigt den Heslacher Tunnel). Das bedeutet für den Stadtteil eine kleine Entlastung, erzeugt aber woanders mehr Verkehr und eine neue Lärmbelastung. Auch in Heslach, das durch diesen Tunnel entlastet werden sollte, kreist immer noch viel Autoverkehr. Außerdem sind Tunnelbauten extrem teuer. Billiger wäre es, den Autoverkehr in den Innenstädten insgesamt zu reduzieren und mehr auf den extrem leisen Radverkehr zu setzen. Das bedeutet, ihn so angenehm und sicher gestalten, dass die sechzig Prozent, die sich bislang nicht trauen, aber interessiert wären, aufs Fahrrad zu steigen, dazu Lust bekommen.
(Die Zielgruppe für die Radverkehrsförderung besteht laut dem Institut für innovative Städte aus 2 Prozent Furchtlosen, 5 Prozent Gewohnheitsfahrenden, 60 Prozent Interessierten und 33 Prozent Nicht-Radfahrer/innen.)

Die Lärmbelastung wird übrigens nicht gemessen, sondern gemäß EU-Vorgaben aus mit einem Schlüssel errechnet. Und zwar aus dem Durchschnittsverkehr tags und nachts. Der Lärmpegel wird für die Höhe des ersten Stocks (4 Meter über Boden) errechnet. Im ersten Stock kann es da noch lauter sein. Und immer geht es im ein Mittel, Spitzenlärmpegel werden nicht erfasst. (Grafiken: siehe unten.) Der einzelne Poser/Raser, der zwischen Mitternacht und halb zwei die Stuttgarter Hänge hinauf pfeift und dabei mithilfe des Motors einen Überschallknall zu erzeugen versucht, ist da auch nicht erfasst. Als gesundheitsschädlich gelten Geräuschpegel von über 65 Dezibel. Ein normales Wohngebiet hat Pegel zwischen 35 und 45 dB.*

Alle motorisierten Verkehrsmittel machen Krach, das Auto am meisten, die Bahnen, S-Bahnen und Stadtbahnen sind aber eben auch nicht leise. Von einem Dauerlärm von über 55 Dezibel am Tag und über 50 dB in der Nacht sind in Stuttgart rund 180.000 Menschen betroffen. In einem Pegelbereich zwischen 65 und 80 dB leben immerhin noch ungefähr 30.000 Menschen, vor allem an der Cannstatter Straße, an der Hauptstätterstraße, in Autobahn- und Autobahnzubringernähe. von Nachts sind nur noch, aber eben immerhin auch noch 2.300 Menschen von eine Lämrpegel über 70 dB betroffen. Das bedeutet, hohen Stress für den Körper und ein deutlich erhöhtes Risiko von Herzinfarkten*. Im Stuttgarter Osten leben die meisten, die von Lärm betroffen sind, gefolgt West und Süd. Es sind eben dicht besiedelte Stadtteile.

Lärm ist auch ein Wirtschaftsfaktor: Dauerhafte Lärmbelastungen von über 60 dB wie sie an Hauptverkehrstraßen üblich sind, führen auf die Dauer zu Bluthochdruck und mehr Herzinfakten, aber auch zu Schlafstörungen. Dadurch entstehen medizinische Kosten (die die Gemeinschaft der Krankenversicherten bezahlt), aber auch Unfälle infolge von Unausgeschlafenheit und Produktionsausfälle, weil die Betroffenen krank geschrieben sind. Aber auch die Stadt selber verliert Geld, nämlich Einnahmen aus Mieteinkünften, Grunderwerbssteuer, Grundsteuer. Und diese Kosten werden nicht vom Lärmverursacher getragen, also auch nicht von den Autofahrenden, auch nicht über die doch recht geringe KfZ-Steuer).

Lärm kostet uns alle, die wir in Stuttgart leben richtig Geld. 

Nach Berechnungen des Lärmkartierungsberichts belaufen sich die lärmbedingen Gesundheitskosten in Stuttgart auf rund 17 Millionen pro Jahr, wovon 13,5 Millionen auf den Autoverkehr, gut 2 Millionen auf den Eisenbahnverkehr und 1,4 Millionen auf die Stadtbahn entfallen.
Nicht mit eingerechnet sind da die Kosten einer verminderten Produktivität, von Todesfällen oder der immaterielle Wert des Verlusts von Wohlbefinden.
Hinzu kommen die Kosten für Immobilienwertverluste. Studien zufolge verliert ein Vermieter pro dB knapp ein Prozent an Miete, sobald der Dauerlärmpegel die 50 dB überschreitet.



Nachtrag: Mit Tempo 30 nachts könnte man vielen Menschen helfen. Der Gemeinderat hat ein Gutachten beantragt, an welchen Straßen das zu einer Beruhigung führen könnte. CDU im Gemeinderat, Teile der FDP, Freie Wähler, die Ultrarechten und der Stadtist, Schertlen, lehnen das Gutachten ab. Weil das so ist, konnte das Gutachten nicht im zuständigen Ausschuss UTA beschlossen werden und musste im Plenum des Gemeinderats abgestimmt werden. 

*Umweltbundesamt: "Gesundheitliche Folgen erhöhter Lärmbelastung Lärm löst abhängig von der Tageszeit (Tag/Nacht) unterschiedliche Reaktionen aus. Im Allgemeinen sind bei Mittelungspegeln innerhalb von Wohnungen, die nachts unter 25 dB(A) und tags unter 35 dB(A) liegen, keine nennenswerten Beeinträchtigungen zu erwarten. Diese Bedingungen werden bei gekippten Fenstern noch erreicht, wenn die Außenpegel nachts unter 40 dB(A) und tags unter 50 dB(A) liegen. Tagsüber ist bei Mittelungspegeln über 55 dB(A) außerhalb des Hauses zunehmend mit Beeinträchtigungen des psychischen und sozialen Wohlbefindens zu rechnen. Um die Gesundheit zu schützen, sollte ein Mittelungspegel von 65 dB(A) am Tage und 55 dB(A) in der Nacht nicht überschritten werden."

Kommentare:

  1. Sehr konstruktiver und informativer Bericht, hauptsächlich über Lärmentstehung und gesundheitsgefärdender Lärm!

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  2. Es ist mir schleierhaft, warum die Spitzenlärmpegel der einzelnen Poser/Raser immer noch möglich sind. Sowas kann doch nicht zugelassen sein.
    Allerdings habe ich auch noch nicht erlebt, dass das kontrolliert werden würde. Warum muss das halbe Viertel am Samstag Mitten in der Nacht wissen, dass Herr X seinen neuen Bock auf der Hohenheimer Straße ausfährt?

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    1. Mir ist es auch komplett ein Rätsel, wieso die Stadtgesellschaft dieses nächtlich Getöse hinnimmt. Wahrscheinlich fehlt so was wie "Anwohner in Stuttgart", also eine Plattform, wo die sich finden und organisieren können, um zu protestieren, Briefe zu schreiben und auf die Straße zu gehen. Viele ziehen weg von solchen Straßen. Aber ich höre die durch die halbe Stadt orgeln.

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    2. Die Poser in der Nacht sind die Laubbläser am Tage. Am besten mit Verbrennungsmotor. Ich freue mich schon auf den Winter, dann verschwinden viele dieser akustischen Bomben, inklusive der KFZ-Zweiradfraktion.

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  3. Es ist auch immer wieder faszinierend wenn man mit der Critical Mass durch die Stadt fährt, nicht gerade neben der Musikanlage, wie leise es an den sonst so lauten Stellen der Stadt wird. Gerade die Anwohner sollten mal nicht bloß schauen was da für komische Radler kommen, sondern auch hören wie leise das dadurch wird, zumindest da wo keine Musik spielt.

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