10. Dezember 2018

Radfahren ist total unvernünftig

Das Bundesumweltamt hat zusammengetragen, welche volkswirtschaftlichen, gesundheitlichen und persönlichen Vorteile das Radfahren hat. 

Eigentlich wissen wir das alles. Nur kriegen wir es irgendwie politisch und gesellschaftlich nicht in Gang.

Parallel zur politischen Trägheit entwickelt sich Radfahren zu einem Trend. Man zeigt sich gern mit einem schicken und/oder coolen Fahrrad. Man gehört gerne zu einer wachsenden Radlergemeinde, man fährt die Critical Mass mit. Die Diskrepanz zwischen der Lust aufs Fahrradfahren und einer Stadtpolitik fürs Auto ist gerade in Stuttgart besonders spürbar. Dieser Sommer hat uns zudem sehr deutlich gemacht, dass wir die Klimakrise ernst nehmen müssen, weil sie uns alle trifft. Erfahrungen zeigen leider, dass rationale Argumente fürs Radfahren schwach sind, wenn sie ans schlechte Gewissen appellieren. Stärker sind Argumente, die Gefühle hervorrufen und deshalb ein bisschen irrational sind.

 "Radfahren ist schick", "Du bist schneller als der mit dem Porsche", "Dein Nachbar hat sich jetzt ein Pedelec gekauft",  "Du bist der Held des Tages, wenn du dem Regen auf dem Fahrrad trotzt.", "Alle fahren Fahrrad.", "Du bist fitter als deine Kolleginnen." Und die besten Werber fürs Radfahrend sind die Kolleg/innen. Wer mit dem Rad zur Arbeit kommt (und nicht wie ein Rennradler aussieht) wird intensiv befragt, wie das so geht. Ich sage immer: "Geht am schnellsten."

Die Argumente fürs Radfahren sind eigentlich überwältigend, aber leider rational. Vernunft scheint ohnmächtig gegen das in Deutschland und vor allem in Stuttgart irrationale Festhalten am Auto als Symbol für Wohlstand und Freiheit,  obgleich es genau dieses Versprechen gar nicht mehr halten kann. Wer im Stau steht, ist gefangen, er ist seiner eigenen Freiheit vollständig beraubt. Er kann das Ding nicht mal irgendwo stehen lassen und zu Fuß flüchten.

In Ballungsgebieten, so die Schätzung von Experten, könnten bis zu 30 Prozent der Autofahrten durch Radverkehr ersetzt werden. Dass das klappt, zeigen Städte wie Kopenhagen, Amsterdam oder auch Münster, wo mit 38 Prozent mehr Leute aufs Rad steigen als ins Auto (36 Prozent). Wobei eine Stadt wie Berlin zeigt, dass wenig Radverkehr nicht gleich viel Autoverkehr bedeutet. In Berlin wird viel zu Fuß gegangen und in öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren.

Das Fahrrad ist von Tür zu Tür auf Strecken bis fünf Kilometern immer das schnellste Verkehrsmittel. Und etwa die Hälfte aller Strecken, allemal in einer kleinen Stadt wie Stuttgart, sind kürzer als fünf Kilometer.

Das Fahrrad kompensiert den allgemeinen Bewegungsmangel in unserer Gesellschaft. 

Dreißig Minuten moderate Bewegung pro Tag reichen schon, um Zivilisationskrankheiten vorzubeugen. Radfahren bringt einen enormen Zugewinn an körperlicher Fitness und Wohlbefinden, und lässt sich gut in den Alltag integrieren.

Auch Feinstaub und Luftschadstoffe schaden Radfahrenden weniger als Autofahrenden. Regelmäßiges Radfahren erhöht die Lebenserwartung statistisch gesehen um 3 bis 14 Monate, während Feinstaub sie um bis zu 40 Tage und schwere Unfälle sie bis zu 9 Tage verkürzt (langer Bericht dazu hier).

Wenn dann in einer Stadt deutlich mehr Menschen auf dem Fahrrad unterwegs sind, verringert sich auch das persönliche Unfallrisiko. In Österreich sind die Radunfälle innerhalb von zehn Jahren gesunken, obgleich sehr viel mehr Kilometer mit dem Fahrrad gefahren wurden. Autofahrende gewöhnen sich nämlich an die Präsenz von Radfahrenden.

Die volkswirtschaftlichen Gewinne, die Radfahrenden einer Gesellschaft verschaffen, sind hoch.
Es gibt verschiedene Berechnungsgrundlagen, darunter HEAT, die Einsparungen von Kosten zwischen 16 Cent bis zu einem Euro pro Radkilometer errechnen, weil Menschen, die regelmäßig Rad fahren, beispielsweise zur Arbeit, seltener krank sind, weniger an Zivilisationskrankheiten (Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes etc.) leiden, aber auch weniger Lärm verursachen, der andere krank macht, und weniger Schadstoffe produzieren und weil der Straßenbau für Radfahrende sehr sehr viel billiger ist als der für Auto. Betriebe profitieren von geringeren krankheitsbedingten Fehlzeiten, wenn sie das Radfahren fördern. Ein Krankheitstag kostet ein Unternehmen rund 300 Euro.
Autos brauchen für ihre Wege und Abstellplätze unglaublich viel Fläche.
Sie wird für Stoßzeiten vorgehalten und wirkt  die restlichen 21 Stunden am Tag völlig überdimensioniert, so wie hier in der Böheimstraße von der Zacke am Marienplatz aus gesehen. Drei Spuren für Autos aus Heslach, keine einzige fürs Fahrrad.

Auf einen Autostellplatz passen sechs bis zwölf Fahrräder. Ein Autoparkplatz kostet ca. 3.000 Euro oberirdisch und 25.000 Euro als Tiefgaragenplatz. Hinzu kommen Kosten fürs Grundstück, Reinigung, Wartung, Beschilderung, Beleuchtung, Versicherung, Markierung und Entwässerung. Städte sparen Ausgaben für Verkehr, wenn viele Menschen mit dem Fahrrad fahren.

Sechs von zehn Punkten einer Radförderung. Mannheim 200, Jahre Fahrrad
Der Kauf und Unterhalt eines Fahrrads ist sehr viel günstiger als der eines Autos. Auch wenn Radfahrende noch ihr Auto für längere Fahrten haben, so sparen sie im Jahr so viele Benzinkosten ein, wenn sie die kurzen Stadtstrecken mit dem Fahrrad zurücklegen, dass sich der Kauf eines Pedelecs innerhalb von drei Jahren (allein über die gesparten Spritkosten) amortisiert hat.

Wie "Kopf an, Motor aus" zeigt, würden Kampagnen helfen, mehr Menschen öfter aufs Fahrrad zu bringen. Eine gute Fahrradinfrastruktur wäre dafür Voraussetzung, aber sie wird erst dann wirklich von noch mehr Menschen genutzt, wenn das Fahrrad ein positives Image bekommt. Witzige Werbekampagnen führen dazu, dass das Fahrrad als Mobilitäts-Alternative zum Auto stärker ins Bewusstsein der Menschen rückt.

Das Umweltbundesamt resümiert:
Um den Radverkehrsanteil weiter zu steigern, müssen die Rahmenbedingungen optimiert werden. Das kann durch Maßnahmen geschehen wie: 
  • ein durchgängiges Radnetz: direkte, schnelle, komfortable, zusammenhängende, sichere, möglichst kreuzungsfreie Radwege, sichere Gestaltung an Knotenpunkten
  • moderne Fahrradabstellanlagen: ausreichend, sichere, überdachte, beleuchtete, gut zugängliche Abstellanlagen am Wohnort (Startort), am Zielort und an den Übergängen zum Öffentlichen Verkehr, Lademöglichkeiten für Pedelecs 
  • optimale Service-Angebote für Radfahrende: Radroutenplaner, Bett&Bike-Betriebe, stationäre Luftpumpstationen, Schlauchautomaten, Reparaturservice, Fahrradmitnahme im öffentlichen Verkehr, betriebliches Mobilitätsmanagement ...
  • gute Kommunikation für ein positives Image des Radverkehrs: nachhaltige Mobilitätserziehung ab dem Kindergartenalter, Wettbewerbe, Kampagnen zur Kommunikation der Vorteile des Radfahrens, Informationen, Wissen und Forschung

Radfahren ist gut für die Luft einer Stadt, macht nicht so viel Lärm wie Autofahren. 



Kommentare:

  1. Naja, ich bin auch Rennradler, und sehe wie einer aus. Trotzdem werde ich von Kollegen ausgefragt, und konnte vielleicht auch manche schon zum Radpendeln animieren — ob mit Pedelec, oder mit dem ersten eigenen Rennrad.

    Auch wenn sie dir wohl nicht so sympathisch sind, Rennradler sind auch Radler, und auch Pendler. Meine Pendelstrecke könnte ich ohne Rennrad (oder teurem S-Pedelec) nicht bewältigen.

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    1. Soory, wollte Rennradler nicht diskriminieren. Der Gedanke dahinter war nur, manche sehen so sportlich aus, dass man für sich selbst ausschließt, dass man auch hart genug ist, so eine Radtour vor der Arbeit und nach der Arbeit zu bewältigen. War etwas schludrig formuliert.

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    2. Liebe Christine, dann empfehle ich dir mal ein Jedermann-rennen. Nur zur Ansicht. Da siehst Du natürlich auch sportliche Asketen. Aber genauso den Normalo-Familienpapa und so manchen Ü60, die allesamt keine Supersportler sind.

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    3. Alles klar, ich wollte es nur klarstellen. Ich habe bisher nur positive Erfahrungen mit Kollegen, auch das Sportliche scheint eher Ansporn zu sein. Nach dem Motto: wenn der so viel schafft, dann schaff ich auch das kleine Bisschen.

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  2. Das Radfahren noch immer als etwas Exotisches angesehen wird, merkt man, wenn man inflationär darauf angesprochen wird, als täte man was völlig verrücktes. Ich meine, ich komme ja nicht in die Firma und frag erst mal meine Kollegen, ob sie mit dem Auto gekommen sind. Anders herum werde ich aber täglich gefragt, ob ich denn (wie immer) mit dem Rad gekommen bin.
    Fahrradfahren kann übrigens ein wenig depressiv machen, wenn man sich über die mangelhafte Infrastruktur und die geringe Wertschätzung der Bevölkerung aufregt ;)

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    1. Dann regen wir uns am besten nicht auf. :-) Aber du hast Recht, wir sind halt noch Exot/innen. Vor allem im Winter.

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  3. "dass sich der Kauf eines Pedelecs innerhalb von drei Jahren (allein über die gesparten Spritkosten) amortisiert hat."

    Ich pendele seit 5 Jahren mit dem S-Ped und das mit der Amortisierung der Spritkosten stimmt tatsaechlich, allerdings nur, wenn man es mit dem Auto vergleicht.

    Der Akku muss definitiv als Verbrauchsmaterial gerechnet werden, weil man als Pendler die 500 Ladezyklen schnell erreicht. Und ich habe noch keinen Boschmotor gesehen, der nach 20-25.000 km nicht schlicht die Graetsche gemacht hat.

    OK, N=5, aber das ist nicht mehr wie beim Fahrrad, wo Teile ewig halten oder einigermassen kostenguenstig ersetzt werden koennen. Wie auch immer, ich komme auf Gesamtkosten von 12-15 ct pro Kilometer mit dem Pedelec.

    Trotzdem machts einen Sauspass, und ich moechte es nicht mehr missen. Auch nicht im Winter, und schon gar nicht, wenn ich den Stau nebenan sehe - oder ganz aktuell: den Bahnstreik.

    Gruss - Matthias

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    1. "Und ich habe noch keinen Boschmotor gesehen, der nach 20-25.000 km nicht schlicht die Graetsche gemacht hat."
      Dann informiere Dich doch mal über Räder mit Naben-Motor für Deine nächste Anschaffung. Bei denen ist die Gesamtleitung des Antriebs (sowohl Motor und auch Kette/Riemen etc.) wesentlich höher, sprich langlebiger, als bei Mittelmotoren!

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    2. Jörg
      Mobilität kostet! Voll normal.
      Ein Fahrrad mit Zubehör kostet ca. 1500 €. Man fährt es vielleicht 8 Jahre. Ab dem zweiten Jahr gibt es für 200 € Ersatzteile. Das sind 3900 € over Lifetime. Radelt man ca. 5000 km im Jahr hat meine einen Teiler von 40.000 km. Also zahlt man ca, 0,1 €/km. Das kommt auch bei billigeren Fahrrädern und weniger Kilometern raus. Wer mit einem 500 € Rad nur 1000 km fährt zahlt 50 ct/km.

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  4. Jörg
    lasst uns mal mit den Zahlen oben spielen. 2% "verrückte" fahren immer. Stuttgart hat aktuell 8% Radanteil. Das heißt 1/4 davon sind Radenthusiasten.
    Wenn mehr fahren sollen wie z.B. in Köln von 12% ging es auf 19% Radanteil hoch, muss es wirklich angenehmer werden. So dass man im "Anzug" ohne Helm radeln kann.
    So fahre ich nur zum einkaufen, allerdings nicht im Anzug.

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