24. Dezember 2018

Unser aller Mobilitätsegoismus

Verkehrsfragen werden am liebsten als Konkurrenz diskutiert, als Kampf um Raum und das eigene ungestörte und schnelle Vorankommen. 

Derzeit nimmt die Konkurrenz um den Gehweg zu. Denn dem Auto will man keine Fläche wegnehmen. Deshalb landen Parkscheinautomaten und Radständer auf dem Gehweg. Autos parken dort. Fahrräder stehen da, Schildermasten sowieso. Und oft schickt man auch noch die Radfahrenden auf Gehwege, weil man auf der Fahrbahn kein angemessene Radinfrastruktur planen und anlegen will. Die Zufußgehenden haben zunehmend den Eindruck, dass der Radverkehr nur auf ihre Kosten geht. Dabei wird der Radverkehr hin und her geschubst zwischen Fahrbahn und Gehweg. Niemand will ihn haben. Aber wir leben hier nun einmal alle miteinander.

Degerloch: aller Platz dem Auto. Der Gehweg ist für Radler
freigegeben, Autos dürfen dort auch noch parken.
Für Autos gibt es unglaublich viele Straßen und auf sie zugeschnittene Ampelschaltungen, sogar Gehwege werden ihnen zum Parken zur Verfügung gestellt. Für Zufußgehende gibt es Gehwege und Überwege. Das charakteristische dieser beiden Infrastrukturen: Es gibt sie schon sehr lange, sie sind für Autos durchgängig und ausgefeilt und für Fußgänger/innen immerhin weitgehend durchgängig. Die Infrastruktur für Radfahrende ist dagegen extrem lückenhaft, brüchig und mit permanenten Systemwechseln verbunden. Und sie wirkt oftmals gefährlich. Radfahrer wurden mit Aufkommen des Autos schnell von den Fahrbahnen verbannt und dann so gut wie nicht mehr mitgeplant. Radinfrastrukturen sind jung, nur etwa dreißig Jahre alt, wenn sie alt sind. Das Fahrrad ist die dritte Verkehrsmittel einer Individual-Mobilität in Städten, wird aber zwischen Fußgängerwegen und Autostraßen hin und her geschoben.

Radler stören Autofahrer und Fußgänger. Aber sie können nichts dafür. Für sie sind, vor allem bei uns in Stuttgart, die Wege nicht angelegt. Auf den Fahrradstraßen rangieren die Autos und Lieferwagen, auf den Radstreifen halten und parken Autos. Radwege enden alternativlos an Baustellen. Radstreifen hören vor schwierigen Kreuzungen auf. Radfahrende suchen sich ihre Route durch Nebenstraßen, über Kreuzungsecken, über Gehwege, durch den Wald, durch ein paar Meter Grünanlage. Und alle ärgern sich.

Wir ärgern uns gern, immer über die anderen. Wir träumen von Trennung. Alle sollen extra Räume zugeteilt kriegen.  Aber ist das die Lösung? Zumal wenn der Platz begrenzt ist. Auch wenn wir eine perfekte Radinfrastruktur hätten und wunderbar breite Gehwege für Fußgänger, auf denen auch kein Auto parkt, wird es immer Stellen geben, wo man die Verkehrsarten nicht trennen kann oder auch nicht trennen will. Der Schlossgarten ist so ein Ort oder die Tübinger Straße beim Gerber, die die Stadt als Mischverkehrsbereich deklariert hat, oder die Kronprinzenstraße. Wenn man nicht anfängt, sich aufzuregen und mit dem Finger auf die jeweils anderen zu zeigen, dann funktionieren diese Mischverkehrsräume eigentlich recht gut. Auch wenn Radler sich ärgern, dass sie langsamer fahren müssen und Falschparker den Raum verengen, auch wenn Fußgänger sich über Radler ärgern, die ihrer Meinung zu schnell sind, auch wenn sich Autofahrer ärgern, weil sie das gar nicht fahren und parken dürfen.

Auf Waldwegen funktioniert der Mischverkehr allerdings nicht mehr so gut. Fußgänger/innen ,die im Wald zwischen Degerloch und Stadtmitte unterwegs sind, beschweren sich über Radler, die nach ihrem Gefühl zu schnell zur Arbeit radeln und abends nach Hause. (Für Radler aus der Stadtmitte gibt es keinen anderen Weg nach Degerloch hinauf als diese Waldwege.) Aber gerade Waldwege gehören niemandem allein, weder den Radlern, noch den Fußgängern. Und jetzt nicht gleich wieder anfangen, auf Radler im Wald zu schimpfen. Und auch nicht gleich wieder anfangen, eine Aufhebung der Zwei-Meter-Regel zu fordern. Wir Radfahrende müssen lernen, Fußgänger/innen mit und ohne Hund oder Kind rücksichtsvoller zu behandeln. Auch wenn wir selbst abschätzen können, dass der Platz reicht  für das Tempo, in dem wir fahren, ist es für die Zufußgehenden jedes Mal Schreck und Stress, wenn wir von hinten an ihnen vorbeizischen. Wir Radler ärgern uns über die Eile der Autofahrer, die uns in der schmalsten Straße überholen zu müssen meinen, aber als Radler verhalten wir uns oft den Fußgängern gegenüber genauso. Wir fahren zu schnell und zu eng an ihnen vorbei. Wir haben es unerklärlich eilig.

Ich finde, wir brauchen auch so etwas wie eine Mobilitätskultur. Das Wort Kultur bezeichnet alles, was der Mensch denkend und gestaltend hervorbringt und womit er sich als geistiges und soziales Wesen ausweist. Egoismus ist das Gegenteil von Kultur. Wir kritisieren den ungeheuren Mobilitätsegoismus der Autofahrenden (die in unserer Gesellschaft hohe Kosten verursachen, die durch Lärm, Krankheit, Luftverschmutzung, Flächenverbrauch und Unfälle entstehen), aber nur weil wir nicht Auto fahren, sondern Fahrrad, dürfen wir nicht Fußgänger/innen gegenüber so tun, als hätten wir ein Recht auf Tempo und Platz-da. Und die Menschen, die zu Fuß gehen, sind auch nicht mit besseren Rechten ausgestattet und nicht jeder Radler hat sie in Lebensgefahr gebracht, auch wenn sie selbst sich erschreckt haben.

Wir müssen miteinander auskommen auf den begrenzten Flächen einer Stadt. Viele Niederländer sagen von sich selbst, bei ihnen gehe es nicht so sehr darum, dass die Vorfahrt, die man hat, auch durchsetzt, sondern darum, dass der Verkehr fließt und man sich nicht behindert. Manche sagen, in Stuttgart gingen die Verkehrsarten besonders ruppig miteinander um, und das heißt aus Fußgängersicht: Am Zebrastreifen hält das Auto nicht, und hält es doch, dann saust einem garantiert ein Radler vor der Nase vorbei. Vielleicht neigen wir Radfahrenden dazu, den Stress, den uns Autofahrende bereiten, an Fußgänger/innen weiterzugeben, nach dem Prinzip: Der Autoverkehr hupt mich von der Fahrbahn, also darf ich den Fußgänger auf dem Gehweg an die Hauswand klingeln. Vielleicht neigen auch einige Fußgänger dazu, den Radverkehr zu dramatisieren und ihren Ärger über den Autoverkehr, der ihr Fortkommen behindert, an Radfahrern auszulassen als einem neuem Element, das Aufmerksamkeit erfordert und weniger gut einzuschätzen ist als der Autoverkehr. Auch das reflexhafte Schimpfen auf die Gehwegradler, sobald man über Radständer, einen schlechten Radweg oder irgendwelche Radlerbelange spricht, hilft nicht nicht zur Lösung bestehender Probleme, sondern zementiert Feindseligkeit.

Kreuzung am Heslacher Tunnel: Ein kurzer Radstreifen,
Mindestens 12 Autofahrsteifen, vier Gehwege. Radler
benutzen Fußgängerüberwege
Wer die Radler vom Gehweg runter haben will, muss Radstreifen und Radwege fordern und unterstützen. Und wer für Radstreifen keinen Platz auf der Autofahrbahn und keine Parkplätze hergeben will, muss sich damit abfinden, dass Radler vor ihm auf der Fahrbahn fahren und ihn auf Tempo 25 runterbremsen. Oder dass sie auf Gehwege flüchten, wenn ihnen der Überholstress durch Autofahrer zu groß ist. Und wer dann auf Radler auf Gehwege schimpft, sollte sich fragen, ob er durch sein Beharren auf dem kostenlosen Straßenrandparkplatz vielleicht den Radstreifen verhindert hat oder durch seinen eigenen Fahrstil Radfahrende auf der Fahrbahn einschüchtert, ach ja, und wann er zuletzt auf dem Gehweg geparkt hat. Und wenn wir Radler uns darüber beklagen, dass alle auf uns schimpfen und niemand uns Platz einräumt, sollten uns fragen, ob wir nicht gestern oder vorgestern die Frau mit Rollator auf dem Gehweg eigentlich viel zu schnell und knapp überholt haben und wann wir zuletzt über eine Gehwegecke eine rote Ampel umfahren und dabei einen alten Herrn oder eine Mutter mit Kind erschreckt haben.

Ansonsten gilt eben immer noch: Je höher das Tempo und je schwerer das Fahrzeug, desto größer muss die eigene Umsicht und die Rücksicht auf alle Verkehrsteilnehmer/innen sein, die langsamer sind. Und in diesem Gefüge das Auto das gefährlichste Element. Daran gibt es nichts herumzudeuten.

Und damit wünsche ich uns allen fröhliche und friedvolle Festtage und ein gutes neues Jahr. Es wird alles schöner, wetten?

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