15. Januar 2019

Fahr doch Auto, aber hup uns nicht an!

Radfahrer sind nicht die Guten. Sie sind auch nicht die Bösen. Radfahrer sind Radfahrer. In Deutschland ist das Radfahren dennoch ideologisch aufgeladen. 

Die meisten Menschen fahren nicht aus ideologischen Gründen Fahrrad, sondern, weil es für sie praktischer, bequemer und/oder schöner ist als andere Verkehrsmittel. Am wenigsten fahren Menschen Fahrrad, um damit die Stadtluft besser zu machen, am ehesten noch, weil sie an ihre Gesundheit denken. Aber auch der Gedanke, es ist gesünder, ist meistens gar nicht der Anlass, statt des Autos das Fahrrad zu nehmen. Dennoch werden Radfahrende von Autofahrenden als der radelnde Vorwurf angesehen.

Der Vorwurf, "Du tust nichts gegen die Klimakrise", erzeugt ein schlechtes Gewissen, das erzeugt Ärger und der Ärger reichtet sich gegen die Radfahrer. Die sind dann im Straßenverkehr diejenigen, die sich an keine Regeln halten und dabei auch noch frech werden. Sie werden zu Ideologen erklärt,  die das Autofahren verbieten wollen. Dabei kann man doch in in Stuttgart gar nicht Rad fahren, wegen der Berge und weil der Autoverkehr lebensgefährlich ist.

Diesen Vorwurf machen wir Radfahrenden dir aber gar nicht, liebe Autofahrerin, lieber Autofahrer. Fahr doch Auto, wenn du musst oder willst! Hup uns aber bitte nicht an! Wir haben einfach nur eine andere Idee, wie wir uns durch die Stadt bewegen wollen und wir fahren oftmals Pedelecs, die uns die Berge nicht spüren lassen. Macht Spaß und ist ja nicht verboten. Und du möchtest uns sicher das Radfahren auch nicht verbieten. Verbieten ist ja immer schlecht. Und falls du, wenn du auf der Heimfahrt im Auto wieder mal im Megastau steckst und dein Weg, der eigentlich nur zehn Minuten dauert, sich auf vierzig Minuten verlängert, dann hätten wir einen Vorschlag für dich: Fahr doch mal mit dem Fahrrad zur Arbeit. Du wirst merken, so lebensgefährlich ist es in Stuttgart nicht, mit dem Rad zu fahren, sondern eigentlich ganz schön, wenn nur diese paar aggressiven Autofahrer nicht wären. Was geht nur in deren Köpfen vor? Was die alles anstellen, um dich als Radler zu überholen! Unfassbar! Dürfen die das eigentlich? Und warum tut die Stadt denn nicht mehr für durchgehende Radwege? Dann könnte man viel besser Rad fahren.

Willkommen in der Fahrradstadt Stuttgart. Es geht doch mit dem Fahrradfahren. Es macht Spaß. Jetzt gehörst du zu den Stadtabenteurern, die Wind und Wetter trotzen und fit sind. Und so leicht geht das mit dem Einkaufen, hättest du nicht gedacht. Einfach auf dem Heimweg anhalten und in den Laden gehen. Das nächste Mal nimmst du eine Tasche mit und dann kaufst du dir eine Satteltasche oder einen Korb für den Gepäckträger. Drei Innenstadttermine nacheinander anfahren kosten auf einmal kaum noch Zeit, du bist in zehn Minuten fast überall, und immer pünktlich. Auf den neuen Wegen entdeckst du den einen oder anderen Laden, den du in Stuttgart nicht vermutet hättest (was der verkauft, musst du künftig nicht mehr bei Amazon bestellen, super!) und ganz neue, schöne Ecken, die du vom Auto nie gesehen hast, ein Biergarten, eine Kneipe, ein Café. Stuttgart ist ganz anders, als du bisher dachtest. Viel bunter und abwechslungsreicher.

Und wenn du eine Weil Rad gefahren bist, dann verstehst du vielleicht, dass wir Radfahrenden uns manchmal fragen, warum unsere Infrastruktur so sehr viel schlechter und komplizierter ist als die für Autofahrende. Und ob das eigentlich so sein muss. Und was man verbessern könnte. Ist das schon Ideologie?

Kommentare:

  1. Manche fahren auch Rad, weil sie sich ein Auto nicht leisten können - sozioökonomische Gründe fehlen leider fast immer, wenn es um die Frage der Verkehrsmittelwahl geht. Und auch hier sehen sich viele Leute, die einen Großteil ihres kargen Einkommens für ein Auto aus dem Fenster werfen, dann in gewisser Weise angegriffen.

    Ich sehe hier 1:1 Parallelen zum Thema Rauchen. Als das vor einigen Jahren dann wirklich konsequent verboten wurde, waren die Reaktionen die gleichen. Die Leute wissen, dass es nicht gut ist, können(!) oder wollen darauf nicht verzichten. Es gehört leider zum typischen menschlichen Verhalten, diesen "Selbsthass" auf andere (hier Radfahrer) zu projizieren.

    Besonders schlecht ist das eben für jene, die wirklich keine Alternative sehen bzw. auch keine haben (bspw. körperlich / gesundheitlich eingeschränkt, alt, auf dem Land lebend). Außerdem wurden die Leute ja über Jahrzehnte regelrecht "süchtig" gemacht: Von denen kannst du nicht erwarten, dass die von heut auf morgen ihrem Suchtmittel - welches nebenbei in unseren Breiten auch eins der bedeutendsten Statussymbole ist - abschwören.

    Im Übrigen ist es ja auch wirklich so, dass nicht wenige Radverkehrsaktivisten und "Verkehrswende"-Freunde fast nur noch ideologisch argumentieren - und die teils nicht unberechtigten Einwände von Autofahrern einfach ignorieren. Den Frust darüber bekommt halt einfach der nächste Radfahrer ab.

    Und wenn du eine Weil Rad gefahren bist, dann verstehst du vielleicht, dass wir Radfahrenden uns manchmal fragen, warum unsere Infrastruktur so sehr viel schlechter und komplizierter ist als die für Autofahrende.

    Einmal mehr: Die "Infrastruktur" Fahrbahn gehört eigentlich allen gleichermaßen. Bis man benutzungspflichtigen Murks daneben baut! Wer vorher Auto gefahren ist - und dann auf bescheuerten Radwegen fahren soll, dem wird es noch deutlicher auffallen, dass "Radwege" Radfahrer im Ergebnis nur behindern, benachteiligen und nur dazu dienen, den Autofahrern "ihre" exklusive "Infrastruktur" zu erhalten.

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    1. Lieber DS, über den Suchtfaktor Auto habe ich auch schon geschrieben. (https://dasfahrradblog.blogspot.com/2018/01/das-auto-im-kopf.html). Ich gebe dir Recht, viele sind hochemotional und mit einer gewissen Verlustpanik ans Auto gekoppelt. Auch dagegen schreibe ich an. Dieser Artikel richtet sich an Autofahrende. Deshalb habe ich diejenigen nicht drin, die sich kein Auto leisten können. Oftmals war bei Diskussionen in Facebook von den Autolobbyisten übrigens auch die blanke Verachtung für die "Armen" zu spüren, die sich kein Auto leisten können, und immer wieder wurden Radler als diejenigen hingestellt, die nichts verdienen und darum nichts zum Wohlstand der Stadt beitragen. Auch von diesem Image wollte und will ich weg, zumal es auch nicht stimmt. Das Fahrrad, allemal das Pedelec, ist ein Luxusartikel, den sich viele leisten können und leisten, gerade aber die sozial Schwachen nicht. Zweitausend Euro für ein Fahrrad erscheinen dann unbezahlbar, und an mich ergeht der Vorwurf, ich würde ja nur für die Reichen, die sich so was leisten können, schreiben. DAs ist ein Denkfehler, denn das Fahrrad ist allemal billiger als jedes andere Verkehrsmittel, wenn man es regelmäßig und auf Dauer nutzt, und Pedelecs kann man auch für weniger Geld gebraucht kaufen. Übrigens teile ich deine Ansicht nicht, dass man Leute damit zum Radfahren verführt, dass man sie unter die Autos auf die Fahrbahnen schickt. Der Mangel an RAdwegen und an einer sichtbaren Radinfrastruktur ist in Stuttgart gerade der Grund, dass viele sich nicht trauen. Es ist das Hauptargument, das ich höre, wenn mir jemand erklärt, er oder sie müsse Auto fahren, denn in Stuttgart könne man ja gar nicht Rad fahren, weil die Radwege nach wenigen Metern aufhören. Du weißt, dass ich gegen die Benutzungspflicht für Radwege bin. Du bist ein leidenschaftlicher Fahrbahnradler, aber du kannst nicht von anderen, ungeübteren, unserereren oder ängstlicheren Menschen erwarten, dass sie wie du sich das Recht erkämpfen, auf der Fahrbahn zu radeln. Der Einstig ins Radfahren geht leider nur über Radwege und Radstreifen, also über eine Infrastruktur, die dem Fahrrad Platz auf den Fahrbahnen einräumt.

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    2. "Der Einstig ins Radfahren geht leider nur über Radwege und Radstreifen, also über eine Infrastruktur, die dem Fahrrad Platz auf den Fahrbahnen einräumt."

      So sicher? Auch ohne erkennbare Zunahme an Radwegen und -streifen ist die Zahl der Radfahrer in Stuttgart gestiegen. https://dasfahrradblog.blogspot.com/2019/01/knapp-die-million-radler-passierten.html
      Eventuell hilft es mehr, Rad fahren ins Blickfeld zu rücken, sei es durch Zeitungsartikel, Aktionen, oder einfach durch Rad fahren.

      Martin

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  2. Ich fahre soviel wie es geht mit dem Fahrrad, in Baumarkt aber meistens mit dem Auto, wenns arg regnet mit dem Roller ins Geschäft, wenns schneit mit der Straßenbahn. Ich bin Multimobil, aber meine Platz muss ich nur auf dem Fahrrad verteidigen, da werden die Bus- und Autofahrer neidisch das es schnellere und trotzdem billigere Verkehrsmittel gibt.

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    1. Ich hatte kürzlich mit einem Busfahrer der SSB ein längeres Gespräch dazu. Er war keineswegs neidisch auf Radfahrer, sondern berichtete von der Notwendigkeit, seinen Fahrplan einzuhalten. Er war der Ansicht, auf der Fahrbahn könne man oft einen Radfahrer mit dem Bus nicht überholen, vor allem wenn er nicht anzeigen rechts im Rinnstein fährt sondern selbstbewusst auf der Fahrbahn. Und wenn das überholen doch geglückt ist, überholt der Radfahrer bei der nächsten Haltestelle und das Spiel beginnt von vorn. Er sagte mir, Berufskraftfahrer hassen Radfahrer, und er hatte Null Verständnis für mein Argument, dass Radfahrer gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer sind.

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