3. April 2019

Wie kriegen wir die Ängstlichen aufs Fahrrad?

Radfahrend darf keine Mutprobe sein. Solange Nicht-Radler das Radfahren in Stuttgart für gefährlich halten, wird der Radverkehr nicht nennenswert zunehmen. 

Das Potenzial ist aber riesig. Die, die radeln würden, aber sich angesichts unseres Gestückels und der Automassen nicht trauen, liegt bei über 50 Prozent.

2005 hat Roger Geller (Portland, Oregon) vier Radfahrtypen identifiziert, die man sich hier journalistisch zusammengefasst anschauen kann.
  • Die Starken & Furchtlosen (ca. 1 Prozent, hauptsächiche junge Männer)
  • Die Begeisterten & Zuversichtlichen (7 Prozent)
  • Die Interessierten & Besorgten (60 Prozent)
  • und die, die unter keinen Umständen jemals Fahrrad fahren wollen (33 Prozent). 
Die Typisierung wurde im Lauf der Jahre noch verfeinert und variiert je nach Städten. Immer aber gibt es eine Mehrheit von über 50 Prozent, die man aufs Fahrrad locken könnte, wenn sie eine Infrastruktur sähen, die ihnen sicher und bequem vorkommt. Bei uns in Stuttgart radeln bei einem Anteil von 8 Prozent Radfahrenden imVerkehrsmix die Eisenharten und die Begeisterten & Zuversichtlichen. Die, die gerne würden, sich aber nicht trauen, radeln nicht.

Die Angst vor dem Autoverkehr hält viele Menschen vom Radfahren ab.
Wie viel Angst auch die haben, die schon Rad fahren, wurde deutlich bei der Diskussion in den Bezirksbeiräten West und Süd über eine Regelung für den Schwabtunnel. Obgleich der Schwabtunnel eine normale, wenn auch schmale Straße ist, auf der die Autos 50 km/h fahren, potenziert sich im Tunnel das Gefühl von Lebensgefahr. Es ist laut, Autofahrer überholen, obgleich sie nicht dürfen, der Bus kommt entgegen oder ist hinter einem. Jedes Hupen hallt in den Wänden wider. Das stresst alle (bis auf die 1 Prozent der Furchtlosen) so, dass von den rund 440 Radlern, die da an einem Tag durchfahren, rund 240 den verbotenen Gehweg nehmen. Zumal die Fahrbahn vom Süden in den Westen auch noch eine Steigung hat und Normalradler langsam sind. Auch Fußgänger haben so viel Angst im Tunnel vor dem Autoverkehr, dass sie den Spritzschutz behalten wollen. Das sind Tunnel-Effekte, die sich abmildern könnten, wenn der Tunnel renoviert und hell gemacht wird. Diese Angst dem Autoverkehr mit 50 km/h, ist allerdings mehr oder minder latent immer vorhanden, sobald wir auf Fahrbahnen radeln.

Tempo 30 auf allen Innenstadtstraßen (vielleicht von ein paar Hauptachsen abgesehen) wäre ein wichtiger Schritt. Und dann muss man für die 60 Prozent der Willigen, aber Ängstlichen schleunigst ein Radfahr-Umfeld schaffen, dass Vertrauen erweckt und sich sicher anfühlt (natürlich auch sicher ist). Macht man das nicht, kriegt man die Zuwächse beim Radverkehr nicht, die man sich wünscht und die alle Innenstädte dringend brauchen für mehr Ruhe und bessere Luft. Für Protected Lanes (eine haben wir ja auf der König-Karls-Brücke, wenn auch ein viel zu schmale), sind viele Straßen im Stuttgarter Kessel allerdings nicht breit genug. Und oft verhindern Grünbeete und Bäume eine Neuaufteiliung des Straßenraums zwischen Autoverkehr, Fußänger/innen und Radfahrenden.

Dieser Artikel in radfahren.de diskutiert die Möglichkeiten, die Städte haben. Die Diskussion läuft. Und auch wir haben in den sechs Jahren, die ich das Blog mache, hin und her diskutiert über die Vor- und Nachteile von Radstreifen, Radwegen, Fahrradstraßen und Schutzstreifen, über geschützte Radwege (also gegen den Autoverkehr abgepollert) und Radschnellverbindungen. (Die eisenharten 1 Prozent plädieren für gar keine Radinfrastruktur und das Fahrabhnradeln.)

Ich denke, entscheidend ist, dass eine Radinfrastruktur nicht endet, wo es schwierig wird. Jede Kreuzung und jeder Kreisverkehr muss so gestaltet werden, dass Radfahrende eine kompromisslos durchgehende Infrastruktur sehen und befahren können, ohne dabei von rechtsabbiegenden oder durchstartenden Insassen von Staßenpanzern bedrängt werden. Sonst wird das nichts. Und unsere Stuttgarter Autofahrenden, vor allem die, die samstags unterwegs sind, müssen lernen, Radfahrer nicht anzuhupen, wenn sie auf Fahrbahnen fahren, und nicht knapp zu überholen. Wir brauchen auch eine Kampagne für ein Miteinander im Straßenverkehr. 


Kommentare:

  1. Ich glaube, das die Interessierten & Besorgten (60 Prozent) nicht fahren, da sie befürchten die Steigungen in Stuttgart nicht zu bewältigen. Diese sind nicht zu vernachlässigen. Erst wenn man wirklich mit dem Rad unterwegs ist, dann merkt man ob/wie gefährlich es ist. ....just my 2 cent...

    AntwortenLöschen
  2. Nein, das ist sicherlich nicht die Angst der Besorgten. Die haben nämlich fast alle schon mal von Pedelecs gehört (auch E-Räder oder E-Bikes) genannt. Seit es die gibt (seit mehr als zehn Jahren) sind die Berge unter Radfahrenden kein Thema mehr. Im Gegenteil, wer einmal auf so einem E-Rad die Alte Weinsteige hochgeradelt ist ohne ins Keuchen zu kommen, ist begeistert und will so ein Ding haben, einfach weil es Spaß macht. Dieses Argument, in Stuttgart könne man nicht Rad fahren, weil es Berge gibt, ist so was von aus dem vorigen Jahrhundert.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich habe ein Pedelec und bin Berufspendler zwischen Feuerbach und Waiblingen. Man kann aber nicht davon ausgehen, dass jeder ein Pedelec hat. Ich kann da nur als Beispiel meine Frau nehmen. Sie fährt gerne mit dem Rad, aber nicht in der Umgebung, da es ihr einfach zu hügelig ist. Jetzt hat sie ein Pedelec und fährt gerne überall hin. Aber genau das ist der Punkt. Man muss erst wissen, dass es kein Problem ist um es zu machen.

      Löschen
    2. Sehr geehrte Frau Christine Lehmann
      Sie sollten mit ihren Blog die ängste nicht noch schüren!Sie sollten zuversicht verbreiten und Mut machen das die Radfahrer die Straße benutzen und sie auffordern offensiv zufahren!Wenn möglich an den Autos links zuüberholen oder vorbei fahren wie es die STVO vorschreibt!Auch sollten sie die zuständige Politiker auffodren die sicherste Straßen,die Autobahnen und die Kraftfahrstraßen das diese für den Radverkehr freigeben werden!Das ist ein große Ungerechtigkeit! Das die Radfahrer`in dies verwehrt wird!Welche Regierung beziehungsweise Partei hat dies eingeführt? Welche Regierungen und Parteien haben dies weiter geführt? Ist Adolf Hittler tot?
      Hochachtungsvoll Der Straßenradler

      Löschen
  3. Stimmt, man kann nicht davon ausgehen, dass jeder und jede in Pedelec hat, aber man kann sich überall Pedelecs kaufen und die dann fahren. (Autos sind in der Anschaffung und Haltung ja sehr viel teurer als Pedelecs.) Wer also Rad fahren will, kann das mit einem Pedelec auch tun, ohne sich zu überanstrengen. Man muss halt nur mal für sich die Entscheidung treffen, dass man lieber mit dem Fahrrad die Alltagswege zurücklegen würde als mit dem Auto oder mit Bahnen. Dann lohnt sich die Anschaffung eines Pedelecs, wie du ja selber weißt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das ist richtig, man kann sich überall Pedelecs kaufen.
      Es ist aber auch richtig, dass Pedelecs nicht unbedingt günstig sind
      und ein Auto in den wohl meisten Fällen schon vorhanden ist.
      Bitte nicht falsch verstehen, ich bin auf der Seite der Radfahrer,
      aber, wie Du selber schreibst, man muss halt nur mal für sich die Entscheidung treffen,
      dass man lieber mit dem Fahrrad die Alltagswege zurücklegen würde als mit dem Auto oder mit Bahnen. Und da liegt (noch) der Hase begraben.

      Löschen
  4. Genau so ist es! Die Radinfrastruktur muss so gestaltet sein, dass auch die Ängstlichen aufs Rad steigen. Und die - wie ja auch von Dir immer wieder unterstrichen - Älteren und Kinder.
    Mein Sohn ist 9 und mittlerweile bereit, Wege alleine mit dem Rad zurückzulegen. Aufgrund der dürftigen Radinfra können wir ihn viele Wege noch nicht alleine zurücklegen lassen, die er bei einer sicheren und übersichtlichen Verkehrsführung für Radfahrer schon längst alleine bewältigen könnte - zum Beispiel den täglichen Schulweg vom Vaihinger Freibad aufs Österfeld (insbesondere in der morgendlichen Rush-Hour).
    Ich selbst lege beinahe alle Wege per Rad zurück und komme sehr gut mit den Vaihinger Verhältnissen inkl. Fahrbahnradeln auf der Hauptstr und über den Schillerplatz klar. Für unsere Kinder ist jedoch genau diese Achse (+ Robert Koch Str und Katzenbacher während der MamaTaxi-Zeiten) ein No-Go.
    Gestern war ich von Vaihingen aus auch seit längerem mal wieder in der Stadt. Die HRR ist ja echt erbärmlich. Der ohnehin schmale Radstreifen in Kaltental fehlt aufgrund der Baustelle einfach (nochmals: für mich kein Problem, aber meine Kinder fahren da nicht), die Kreuzung am Tagblattturm muss man seit der Neuregelung erst mal verstehen und eine legale Überquerungs des Charlottenplatzes dauert gefühlte 20 min.
    Jetzt wo ich schon mal schreibe: Die hier immer wieder erwähnte Aggressivität der Autofahre erlebe ich nicht. Ich fahre durchaus offensiv und werde eigentlich nie angehupt oder geschnitten. Knapp überholt schon. Ich finde auch, dass mittlerwiele wirklich viele RadlerInnen unterwegs sind (die bescheidenen Abstellmöglichkeiten vor den Supermärkten oder der Schwabengalerie reichen ja schon lange nicht mehr aus), sodass die meisten Autofahrer bei Begegnungen nicht völlig hilflos sind.
    Christine, an dieser Stelle noch mal vielen Dank für Deine Arbeit und den fast immer interessanten und bereichernden Blog!
    Dein Kärtchen hat eines unserer Räder schon erreicht und wird "berücksichtigt" werden.
    Jan Hamming

    AntwortenLöschen
  5. Danke, Jan. Ja, das ist das Problem: Unsere noch recht kümmerliche Radinfrastruktur ist nur für die 7 Prozent derer ausglegt, die ohnehin Rad fahren, aber gar nicht für Schüler/innen. Es ist so unendlich viel zu tun, damit sich das ändert, und wir müssen um jeden Meter kämpfen. Aber so ist es halt.

    AntwortenLöschen
  6. Sehr geehrte Frau Christine Lehmann
    Mein Rat fahr mit dem Fahrrad durch die Stadt wie wenn sie im SUV sitzen w Hauptstraßen las dich nicht an den rechten Fahrbahn drücken und sie werden bemerken das die Autofahrer rücksicht nehmen und wirst sehen die Gefahren werden minimiert,aber Vorsicht,das sie nicht auf die sicherste Straßen kommen die Autobahnen bzw.Kraftfahrstrßen den dann kommt die Polizei und jagt sie dann von der Straße zeigt ihnen auf das man als Radfahrer Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse ist.
    Mit freundlichen Gruß
    Straßenradler

    AntwortenLöschen
  7. Ralph Gutschmidt5. April 2019 um 09:50

    Ja, die Ängstlichen darf man nicht aus den Augen verlieren. Ich bin schon oft den Schwabtunnel gefahren und wäre mir auf die Idee gekommen, dass er gefährlich oder abschreckend sein könnte.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ralph Gutschmidt5. April 2019 um 09:52

      Ja, die Ängstlichen darf man nicht aus den Augen verlieren. Ich bin schon oft den Schwabtunnel gefahren und wäre niemals auf die Idee gekommen, dass er gefährlich oder abschreckend sein könnte.

      Löschen
    2. Warum fahren die Autos alle auf den Hauptstraßen,weil diese eine übersichtliche Verkehrsführung bieten.Dort wird man als Radfahrer besser gesehen.Die Hauptursache aller Radunfälle mit Kraftverkehr ist das der Radfahrer`inn übersehen werden!Veraussetzung dafür ist man darf sich nicht an den rechten Fahrbahnrand drücken lassen.Man sollte vom rechten Fahrbahnrand einen guten halben Meter wegbleiben.Falls es zuengen Überholvorgänge von Seiten der Autofahrer kommt es vor das man als Radfahrer reflexartig nach rechts ausweicht für dieses Fahrmanöver ist dieser Abstand zum rechten Fahrbahnrand unbedingt ein zuhalten.Falls diese Begründung ihnen diese Angst nicht nehmen sollte.So stell sie sich vor sie sitzen im SUV und sie haben 2 to Metall um sich herrum. 100% Sicherheit gibt es nirgends auch nicht im SUV!
      Mit freundlichen Gruß
      Der Straßenradler

      Löschen