23. Mai 2019

Wir können das, wenn wir wollen

Neckartalstraße, S-Münster
Kopenhagen war einst genauso Autosstadt wie wir das sind. Dann hat man angefangen, das Radfahren bequemer zu machen als das Autofahren. Und jetzt fahren mehr Leute mit dem Rad in der Stadt herum als mit dem Auto. 

Wir sind dreißig Jahre zurück, was die Mobilitätswende betrifft, aber anders als die Kopenhagener könnten wir es schneller schaffen, weil wir auf deren Erfahrungen zurückgreifen können. Welche das sind, hat der Tagesspiegel hier dargestellt. Ich fasse das unten zusammen.

Am Sonntag sind Gemeinderats- und Europawahlen. Die Zusammensetzung des Gemeinderats ist entscheidend dafür, ob in Stuttgart die Radpolitik fortgesetzt wird, die wir mit dem Zielbeschluss fahrradfreundliches Stuttgart massiv angestoßen haben. Zwar hat der OB den Auftrag, in seinem Haushaltplan im Herbst die Gelder bereitzustellen und die Verwaltung so zu organisieren, dass es mit der Radinfrastruktur schneller geht, aber wenn der Gemeinderat bei den Haushaltsberatungen dagegen stimmt, weil es für eine moderne Mobilität keine Mehrheit gibt oder weil eine grundsätzliche Oppositions-, Wut- und Ablehnungsstimmung herrscht, dann nützt uns das nichts.
Und so geht das mit der Radförderiung:

Getrennnte Wege anlegen. In Kopenhagen radelt man auf 82 Prozent der Wege auf bis zu vier Meter breiten Radwegen, die durch Bordsteine von der Autofahrbahn abgesetzt sind. Bordstein ist besser als weiße Linie, weil Autofahrer dazu neigen, den Radstreifen als Parkplatz misszuverstehen.
Eine zentrale Planung einrichten. Die haben wir zwar in Stuttgart, allerdings scheitern derzeit fast alle Radinfrastrukturpläne zunächst in den Bezirksbeiräten, weil den einen die Anlagen zu dürftig oder gefährlich erscheinen und die anderen meinen, es dürfe dem Auto kein Parkplatz und keine Fahrspur weggenommen werden.
Radschnellwege in die Region anlegen. Damit die Pendler aus den Außenbezirken nicht das Auto nehmen, hat man Radautobahnen gebaut und baut noch weiter. Das führt dazu, dass die Zahl der Fahrradpendler stark steigt.
Service-Stationen am Wegesrand anbieten. Gerade auf Radschnellwegen sind Luftpump- und Werkzeugstationen nützlich. Es gibt Wasserspender. Auch sind Mülleimer nütztlich, die schräg hängen, damit man sie beim Radeln trifft.
Brücken bauen. In Kopenhagen gibt es neun Fahrradbrücken, die die Stadtteile verbinden. Das macht Radfahren schön und zum schnellsten Verkehrsmittel. Und es zeigt Radlern, dass sie der Stadt auch echt was wert sind.
Mit Tempolimits Unfallzahlen senken. Radwege haben die Unfallzahlen reduziert, die aber an den Kreuzungen dafür angestiegen sind (das Radwegproblem). Daraufhin hat man zunächst einmal die Geschwindigkeiten an und auf Kreuzungen reduziert.
Kreuzungen sicher machen. Dann hat man versucht sichere Kreuzungslösungen zu finden. Und zwar: Getrennte Haltenlinien (vorgezogene Aufstellpätze), Fahrradampeln, die früher Grün geben, Markierungen von Radstreifen an gefährliche nKreuzungen durch Farbe (alledings nur als Ausnahme, damit die Alarmwirkung erhalten bleibt). Erfolg hatte aber auch die Lösung, Radler und Autofahrer auf der Abbiegespur zu mischen. So sind alle in Alarmbereitschaft, fühlen sich leicht unsicher und passen besser auf.
Freude am Radfahren ermöglichen. Die Dänen wollen, dass Radfahren schön ist. Es soll eine ästhetisch befriedigende Angelegenheit sein, Radstrecken sollen durchs Grüne führen, die Brücken machen Freude, die extrabreiten Radwege machen es bequem und gesellig.

In Stuttgart brauchen wir außerdem:
Eine breite öffentliche Kampagne, die zu mehr Rücksicht auf Radfahrende aufruft und über Verkehrsregeln informiert.
Eine konsequente Verfolgung (Bußgelder, Abschleppen) von Autofahrenden, die auf Radwegen und Radstreifen parken.
Eine positive Einstellung von Behörden und Polizei den Radfahrenden  gegenüber.

Und hier noch mal der Link zum Berliner Tagesspiegel

Kommentare:

  1. Deutschland hinkt weit mehr als 30 Jahre hinterher. Das Schutzstreifen und Fahrradweichen nicht funktionieren, hat man in Dänemark bereits in den 70ern festgestellt. In Deutschland fängt man gerade erst an, diese Fehler zu machen. Es wird also noch gut 20 Jahre dauern, um diesen Murks rückgängig zu machen. Dann haben wir also 2040 den Standart erreicht, den Kopenhagen 1980 anstrebte. Der geplante Umbau der Stresemannstraße ist ein gutes Beispiel dafür: Anstatt den Radverkehr geschützt vom Autoverkehr anzulegen, ist geplant, den Radstreifen zwischen fließenden und parkenden MIV zu packen. Man hätte ja auch Planer aus Kopenhagen befragen können, aber dafür sind Deutsche scheinbar zu stolz.

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    1. Naja, auch in Deutschland gibt es Unterschiede. Stuttgart hängt Kopenhagen sicher weit mehr als 30 Jahre hinterher. Andere deutsche Städte sind aber weiter, da sind es wohl "nur" 20 Jahre. Mich als Zugezogenen stört es, wenn hier nicht differenziert wird. Stuttgart liegt ganz klar auch innerhalb Deutschlands weit hinten. Da muss ich nicht erst ins Ausland schauen.

      Ok, ich brauche nur nach Esslingen zu fahren. Dann sehe ich das es noch weitaus schlechter als in Stuttgart geht.

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