27. Juni 2019

Baken auf der Tübinger Straße führen zu Fahrradunfall

Am Montagnachmittag gab es einen Unfall auf der Tübinger Straße bei der Cottastraße an der Baken-Schleuse für Radler.

Als ich dort eine Stunde später vorbei kam, war die Polizei noch bei der Unfallaufnahme. Ein Smart stand quer zur neuen Schleuse an der Cottastraße Richtung Silberburgstaße, ein Fahrrad stand rechts daneben auf der Sperrfläche (sie Fotomontage unten). Die Polizei fotografierte Blechschäden über dem rechten Hinterrad des Smarts. Für mich sah es so aus, als sei der Radler mit Kinderanhänger gegen den Smart geprallt, der  entweder gerade links einbog oder schon vor der Einfahrt einer Garage stand. Doch die Fahrzeuge könnten auch nach dem Unfall so hingestellt worden sein, um die Fahrbahn frei zu machen. Aber so war es wohl nicht.

Die Berichte in unseren Zeitungen werfen  mehr Fragen auf, als sie beantworten.Und eine wichtige Frage stellen sie nicht.


So sah das aus, als ich es sah, Fotomontage.
Die zugundeliegende Polizeimeldung lautet: "Ein 37 Jahre alter Pedelec-Fahrer hat sich am Montagnachmittag (24.06.2019) bei einem Sturz an der Tübinger Straße schwere Verletzungen zugezogen. Rettungskräfte waren vor Ort, kümmerten sich um den Radler und brachten ihn in ein Krankenhaus. Der Fahrradfahrer, der vom Marienplatz in Richtung Silberburgstraße unterwegs war, touchierte offenbar aus Unachtsamkeit eine am linken Straßenrand fest verankerte Warnbarke und prallte im Anschluss gegen einen verkehrsbedingt haltenden Smart einer 33-Jährigen."

Für die Zeitungen stand fest, dass der Radler allein Schuld hatte, dass er die Kontrolle über sein Pedelec verloren hatte und dass sein Unglück damit zu tun hat, dass er keinen Helm trug, und sie machten sich sofort daran, das Pedelec-Fahren zu skandalisieren.

Sie skandalisierten aber nicht eine Radinfrastruktur, die keine kleinen Fehler verzeiht.

Diese Schleuse ist eng. Sie wurde auschließlich wegen der Autofahrenden eingerichtet, die hier sonst die Verkehrsschilder missachten und geradeaus gegen die Einbahnrichtung weiterfahren. Radfahrende brauchen sie nicht. Feste Baken verengen die Fahrbahn optisch für regelunwillige Autofahrende, tatsächlich und physisch aber für die regelkonformen Radfahrenden. Sie machen die Fahrt an der Kreuzung Cottastraße zu einem Hindernisparcour. Allemal für Räder mit Kinderanhänger und für Lastenräder. Das ist, wie dieser Unfall zeigt, gefährlich. Aber nicht für Autofahrende, sondern für Radfahrende. Die geraten ins Schlingern oder stürzen, wenn sie Hindernisse streifen, während Autofahrende nur einen Blechschaden haben. 


Ich bin ziemlich erschrocken darüber, dass diese festen Baken einen Unfall heraufbeschworen haben, der ohne sie nicht stattgefunden hätte, egal, ob der Radler nun nicht aufgepasst, die Breite seines Kinderanhänger unterschätzt hat, oder ob er sich genötigt sah, einem Hindernis vor sich auszuweichen. Radinfrastruktur darf nicht zusätzliche Gefahren heraufbeschwören. 

Ohnehin stellt diese Kreuzung für Radfahrende eine Herausforderung dar, weil Autofahrende hier zögern, halten, überlegen, ob sie doch geradeaus weiterfahren können, und abrupt abbiegen. Eine zusätzlich Schikane auf der Hauptradroute 1, einzig und allein, weil man Autofahrenden wegen Bauarbeiten am Österreichischen Platz eine Umleitung über die Fahrrdstraße anbieten möchte.

Ich finde, wir müssen uns (auch medial), statt über Helme darüber unterhalten, wie gefährlich künstliche Hindernisse für Radfahrende sind, die man nur wegen der Autofahrenden aufstellt, die sich nicht an Verkehrsregeln halten wollen. Nicht das Radfahren, auch nicht das Pedelec-Fahren mit und ohne Helm im hohen Alter oder jung ist der Skandal, denn wir wollen ja den Autoverkehr durch den umweltfreundlichen Radverkehr ersetzen, sondern eine hindernisreiche Radinfrastruktur, die keine kleinen Fehler verzieht.

Kommentare:

  1. Ich denke, Jeder kennt auch mehrere Stellen, wo am Beginn eines Radweges Poller in der Mitte des Weges stehen um zu verhindern, das Autofahrer diesen Weg benutzen. Das blaue Schild reicht da offenbar nicht aus.

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  2. "Ich finde, wir müssen uns (auch medial), statt über Helme darüber unterhalten, wie gefährlich künstliche Hindernisse für Radfahrende sind, die man nur wegen der Autofahrenden aufstellt, die sich nicht an Verkehrsregeln halten wollen. "

    Dem kann ich nur voll zustimmen. Die anonym genannten Poller eingangs der Radwege sind mit einem 2er Kinderanhänger eine echte Herausforderung. Entweder man bremst ab und rollt gaanz langsam durch. Dann muß man zur Strafe sich und das Kind wieder in Schwung bringen. Oder man donnert mittig durch und hofft, nicht hängenzubleiben. Hat bei mir immer geklappt, würde aber so wie im Artikel ausgehen wenn nicht.

    Auch auf den geschotterten Wegen in den Wald, meine bevorzugte Fahrradinfrastruktur, sind oftmals Schranken, die teilweise nur schwer mit dem Fahrrad zu umkurven sind. Sie dienen dazu, dem "Durchfahrt Verboten für Kfz" Schild Nachdruck zu verleihen, versierte Scheicher haben allerdings oftmals den nötigen Dreikantschlüssel aus dem Baumarkt dabei und machen die Schranke auf. Sie verfehlen daher ihren Nutzen oftmals, stören aber den Radverkehr.

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  3. "Radinfrastruktur darf nicht zusätzliche Gefahren heraufbeschwören."

    Also in Stuttgart gilt schon immer genau das Gegenteil.
    The greatest teacher, failure is.

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  4. Da kann ich nur zustimmen. Diese Gefahrenstelle wurde durch die Baustellenumleitung und die Verkehrs"sicherungs"maßnahmen erst neu geschaffen. Wenn dann tatsächlich mal was passiert, ist das natürlich die Schuld des pöhsen E-Bikers, der sich auch noch erdreistet hat, keinen Helm zu tragen. (Es steht leider nirgends, welcher Natur die Verletzungen waren. Vielleicht hat er sich ja auch einfach den Arm gebrochen?!). Klassisches Victimblaming.

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  5. Am Schlimmsten finde ich das, was die Medien daraus gemacht haben: Der unachtsamme Fahrradfahrer, die wilde Sau, mit Elektroantrieb unterwegs und überfordert. Wir brauchen eine Helmpflicht und Kennzeichnen!!!

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  6. Ja, am schlimmsten finde ich auch die Pressereaktion. Die haben die Perspektive auf den Verkehr noch nicht geändert. Es ist ja der Autoverkehr, der die Gefahr für Radfahrende darstellt, direkt oder indirekt wie hier. Es ist auch nicht so, dass ich meine, Radler müssten nicht aufpassen, müssen sie natürlich. Aber hier zeigt sich, wie schwierig Standart-Infrastrukturen für unkonventionelle Radler (mit Anhänger, Dreiräder, Lastenräder) ist.

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  7. Ich erinnere mich noch gut daran, wie die Reaktion auf die Demo gegen die Pläne des Tiefbauamts war. Wir würden übertreiben, dramatisieren, wäre doch nur für ein paar Wochen. Es gab sogar einen privaten Kommentar eines Stuttgarter Journalisten, ich erinnere mich an den Namen nicht mehr, hier oder auf FB, in dem uns genau dieser Vorwurf gemacht wurde. Es kann icht sein, was nicht sein darf. Deswegen die laute Reaktion und das Framing, "der Radfahrer ist schuld!". Dabei haben die Journalisten genauso wenig Ahnung was tatsächlich passiert ist wie wir! Diese Umleitung des Verkehrs über die Fahrradstr war und ist falsch. Das Tiefbauamt sollte Kosequenzen aus dem Unfall ziehen. Ich hoffe, dass der Kollege bald wieder auf den Beinen bzw auf dem Rad ist und wünsche ihm alles Gute!

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    1. Eigentlich ist die Regelung auf dieser Strecke viel besser als im vergangenen Jahr. Die blödsinnige Ampel an der Cotta-Straße ist nicht mehr da. Die Ampel an der Fangeslbachstraße steht im Prinzip auf Grün für Radler und nur wenn Autos von den Seiten rüber wollen, fordern sie über Induktionsschleifen Grün an und dürfen fahren, imemr nur drei Autos. Auch das ist viel besser. Und diese komischen Radstreifen zwsichen Cotta und Silberburgstraße sind auch nicht mehr da. Unsere wilden Proteste im vergangnen Jahr haben durchaus was genutzt. Aber die Tücke steckt eben im Datail. Eine Standardslösung, nämlich einen durch Klemmfixbaken geschützter Radstreifen, führt zu einem Unfall, weil Radler in Krisensituationen eben keinen Raum zum Ausweichen haben oder genau zielen müssen. Ich finde die nirgendwo gut, habe auch öfter darüber geschrieben,weil sie für breiter Räder schwerer zu fahren sind. Aber hier zeigt sich nun deutlich, dass sie ein gefährliches Hindernis für Radfahrende darstellen, übrigens tatsächlich einzig und allein deshalb installiert, damit Autofahrende keine für sie verbotenen Strecken fahren. Das ist schon sehr bitter. Vor allem für die Familie und des Unfallopfers und für das Opfer selbst.

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  10. "Sie skandalisierten aber nicht eine Radinfrastruktur, die keine kleinen Fehler verzeiht."
    Whataboutism. Und was sind bitte schön zählt als "kleine Fehler". Die Folgen kennt man doch immer erst hinterher und können bei der selben Ursache sowohl banal als auch fatal sein.

    "Radinfrastruktur darf nicht zusätzliche Gefahren heraufbeschwören. "
    Auch hier, was bitte schön sind "zusätzliche Gefahren". Im Vergleich zu was?

    Alles schöne Parollen und Ziele, aber letztlich nur das.

    Betrachten wir jetzt aber nur mal diese Stelle und diesen Unfall dann, ja, wäre es bestimmt besser keine Braken zu haben, aber dafür den ein oder anderen Falschfahrer.

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  11. Als ich an der Unfallstelle vorbeikam, waren Polizei und Krankenwagen schon da. Ich fuhr auf dem Fahrrad hinter einem Transporter her, der sich genau so verhielt, wie oben beschrieben: er fuhr auf die Kreuzung, an der er nicht mehr geradeaus weiterfahren darf, zögerte kurz, überlegte und befand dann, dass es wohl nicht so schlimm sei, wenn er es trotzdem täte.
    Allerdings bemerkte er dann wohl die Polizeifahrzeuge und beschloss, dort lieber nicht vorbeizufahren. Das erschien ihm dann wohl doch ein bisschen zu risikoreich. Also bremste er abrupt ab und legte den Rückwärtsgang ein.
    Hätte ich nicht im Vorfeld schon einkalkuliert, daß der Fahrer des Transporters sich so verhalten würde, wäre ich bei seiner abrupten Bremsung sicher hinten auf ihn aufgefahren. Es hätte dann gehiessen, ich sei unaufmerksam gewesen und schuld an dem Unfall.
    Es darf einfach nicht sein, daß die schwächeren Verkehrsteilnehmer permanent das regelwidrige Verhalten der stärkeren einkalkulieren müssen. Wir müssen (wieder) dahinkommen, daß Verkehrsregeln aus der Einsicht heraus, daß sie einen Sinn haben, eingehalten werden. Verstösse gegen Verbote und Regeln sind keine Kavaliersdelikte, sondern gefährden Menschenleben.

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    1. Ja. Ja Problem ist, dass wir nicht wissen, wie. Wir stellen uns dann vor, die Polizei müsse halt die Regeln durchsetzen. Aber wie viel Polizei werden wir brauchen, um eine Gesellschaft, die sich an Regelverstöße gewöhnt hat (also daran, dass ihnen nichts passiert, wenn sie die Regeln verletzen) wieder in eine ordnungsliebende Gesellschaft verwandeln, und wollen wir das? Sind wir selber nicht auch gerne mal Nonkonformist/innen oder finden, dass unser Verstoß doch eine Lapalie ist. Die Frage, wie man den Straßenverkehr so organisiert, dass sie die jeweils Schnelleren und damit Gefährlicheren an den jeweils Schwächeren orientieren, ist nicht banal. Ich weiß keine Lösung außer massive positive Kampagnen für Rücksicht. Wobei diese Forderung nach Rücksicht sofort auch die auf den Plan ruft, die Spaß haben an unkorrektem Verhalten (davon haben wir ja auf politischer Ebene viele, aber auch in den getunten Poser-Autos, die irgendwo rauf rasen).

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    2. Man kann entweder den Kontrolldruck erhöhen, oder das Strafmaß. Zum Beispiel bei unseren schweizer Nachbarn sind Strafen für vergehen im Verkehr drakonisch, und dort werden die Regeln trotz niedrigem Kontrolldruck in der Regel eingehalten. Die Argumentation, dass bei uns Regeln nicht durchsetzbar sind, ist für mich eine Schutzbehauptung.

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    3. "Hätte ich nicht im Vorfeld schon einkalkuliert, daß der Fahrer des Transporters sich so verhalten würde, wäre ich bei seiner abrupten Bremsung sicher hinten auf ihn aufgefahren. Es hätte dann gehiessen, ich sei unaufmerksam gewesen und schuld an dem Unfall."

      Wenn du bei einer Bremsung des Vordermanns, der dich nicht gerade erst überholt oder geschnitten hat, auf diesen auffährst dann hättest du mehr Abstand halten müssen. Eine Teilschuld erhält er eventuell trotzdem, vor allem wenn der Unfallgegner ein Radfahrer ist. Aber insbesondere an Einsatzstellen und bei ortsfremden/zögerlichen Fahrern sollte damit gerechnet werden, dass gebremst wird oder werden muss.

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