19. Februar 2021

Wehe, wenn Radfahrende links abbiegen wollen!

Ich finde es immer wieder verbüffend, was sich die Stadt- und Verkehrsplanung zum Linksabbiegen einfallen lässt.

Denn Linksabbiegen ist für Radfahrende generell nicht vorgesehen. Es ist immer der Sonderfall in der Verkehrsplanung. Weil die meisten Radspuren und Radwege rechts aller Autospuren liegen, muss man die Geradeausspur der Autos kreuzen, um mit dem Rad direkt links abzubiegen. Das könnte man mit Ampelschaltungen regeln, aber die machen natürlich dir Rotphase für Autos länger. Also macht man das nicht.

Bleibt das indirekte Linsabbiegen. Und das ist immer kompliziert. 

Es wird nicht etwa an jeder Kreuzung gleich geregelt, sondern an jeder anders. Hier auf der Schlosstraße zum Berliner Platz gibt es auch gar keinen Radstreifen. Es ist Radfahrenden nicht verboten, auf der linken Spur mit den Autos direkt links abzubiegen. Aber sie sehen sich diesem gelben Schild gegenüber. Darunter steht: Bitte Fußgängerfurt benutzen, ein Teil des Textes ist  überklebt.

Der Geradeausradler kann es missachten, sieht sich unvermutet hinter dem Spritzschutz einem roten Radstreifen mit Geradeauspfeil gegenüber und merkt spätestens auf den Straßenbahnschienen, dass es drüben nicht weitergeht und er/sie besser auf dem Fahrstreifen für Autos geblieben wäre, so aber muss er/sie sich wieder zurückfädeln. (Bei so was fluche ich dann immer leise vor mich hin.)

Wer zur Liederhalle will, fängt an zu grübeln. Er/Sie muss im Heranrollen (mit grollenden Automotoren hinter sich) verstehen, was das Schild sagt. Also Hochgucken, wo man eigentlich auf die Fahrbahn und die Spurführung fürs Fahrrad gucken möchte. Er/sie muss sehr schnell verstehen, dass die Linksabbiegespur ganz rechts auf den Gehweg gemalt ist, über einen kleinen Bordstein hoch, bremsen und sich nun nach dem Fußgängerampelsystem richten.

Wir Radfahrende sind ja Pfadfinder:innen, wir kapieren spätestens beim dritten Mal, wie kompliziert Stadtplaner:innen sich das Ganze für uns ausgemalt haben.

Die Fußgängerampeln hatten übrigens hier am 14. Dezember noch keine Radzeichen auf der Streuscheibe. Nach reinen Fußgängerampeln müssen sich Radler:innen aber nicht richten. Ich kann also drüberfahren, wenn kein Auto aus der Schlosstraße kommt. Dann darf ich mich durch einen Z-Übergang auf die gegenüber liegende Seite der Schlosstraße schlängeln und stehe nun auf dem Gehweg (der hier teils nur freigegeben ist, teils als Radweg fungiert). Und nun? Wie geht es weiter, wenn ich zur Liederhalle will? Noch mal zwei Z-Übergänge rüber auf die Straße, die später Seidenstraße heißt, und vom letzten Fußgängerüberweg auf die Fahrbahn einschwenken? Ist das so gemeint? Kinder, wie kompliziert! Oder radle ich durch die Grünanlage, wo ich mit dem Fahrrad dann wieder an einer Rad-/Fußgängerampel über die Seidenstraße lande, die mich auf die falsche, die linke Straßenseite führt, wenn ich zur Liederhalle will. Meinen die das ernst? 

Vor den Autos aus der Schlosstraße auf der linken Spur über viele Gleise nach links radeln (und in der Kurve knapp überholt werden) ist reine Nervensache. Ich finde aber, Radfahren in Stuttgart soll weder Nervensache noch ein derartig kompliziertes Gewinkel zum Ziel sein.

Übrigens, das Rechtsabbiegen auf den Radstreifen Fritz-Elsas-Straße ist auch nicht vorgesehen. Der Pfeil auf dem roten Radstreifen zeigt geradeaus, was ja eigentlich den Charakter eines Verkehrszeichens hat (Schilder gebieten es nicht). Würde ich mich auf der Autofahrspur befinden, dann dürfte ich bedenkenlos rechts abbiegen. Aix!!!!

Und hier noch ein Link zum Blog von MartinTriker zu derselben Ecke.

Kommentare:

  1. Straße, Straße, Straße! Schlüssig, eindeutig und klar.
    Aber nichts für Kinder, Ältere und die meisten Andereb. Und so bleiben wir eben auf Ewigkeit bei 10% Radverkehrsanteil.

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  2. Das Problem an der Planung liegt daran, dass der Planer keinen Plan hat. Wer nicht selbst Rad fährt und die Probleme erkannt hat, plant alles nach Standard und der Standard taugt nichts.
    Ich habe hier (Heidelberg) mal versucht, mir von den Verkehrsplanern erklären zu lassen, wie ich hier mit dem Rad regelkonform über eine frisch umgebaute, neu gestaltete Kreuzung komme. Die Antwort blabla, "noch nicht fertig.." und - Seit der Zeit antworten die mir auch nicht mehr. So kann man ja auch agieren. Statt zuzugeben, ja dumm gelaufen, wir kucken mal danach und korrigieren es, kommt einfach nur toter Mann. Solche Planer kann man getrost in der Pfeife rauchen, die braucht niemand. Die sind aber der Grund, warum wir solch eine grottige Infrastruktur haben.
    Karin

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    1. Selbst Rad fahrende Planer planen so. Deshalb sage ich immer, Radverkehrsplanung muss von Frauen federführend gemacht werden, sie haben weniger Spaß am Stellungskampf mit den Autos und mehr Verständnis für ängstliche Radfahrende. Das Blödie hier: Für Ängstliche gibt es ja das Gewurstel über die Fußgängerampel, und damit ist dem auch Genüge getan.

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    2. Das ist sicher was dran. Frauen sind sträflich unterrepräsentiert. ABER: die grosse und wachsende Gruppe der 'Auch-Radfahrer' ist auch als 'Auch-Radfahrerinnen' zu finden und stellt mittlerweile sicherlich die Majorität.
      In Praxis heisst das dann: guter Autoverkehr plus guter Radverkehr, wie es etwa in NL zu besichtigen ist.
      Das ist nicht zukunftsgerecht und führt m.E.im Kontext der gegenwärtigen Rahmenbedingungen von Suburbanisierung und weiter steigenden Pendlerdistanzen ziemlich unweigerlich in die Sackgasse zusätzlich induzierter MIV-Verkehre auf den ökologisch besonders schädlichen längeren Distanzen.
      Leider stecken wir (Radfahrende) immer noch in These-Antithese fest was die Verkehrsführung des Radverkehrs angeht.
      Die Kontroverse besteht ja bereits seit über 100 Jahren. Schon in den 20ern hat es in etlichen Ländern ja die 'bösen' Fahrbahnfahrenden gegeben, die sich nicht auf die Nebenwege abschieben lassen wollten.
      Immerhin konnte z.B. in der Schweiz für etliche Jahre eine gute Lösung gefunden werden: Verbot des Autoverkehrs in der gesamten Region.
      Hier lesenswert nachgezeichnet:
      https://www.woz.ch/-aba8?fbclid=IwAR0K_22quUkJxUceIOcBYsXaxNf6va9o8M84y3r-RbU28Hr9hS7IC4yzUwE

      LEIDER wird wieder und wieder und wieder an der falschen Stelle gesucht!
      Die Lösung liegt NICHT in immer kurioseren Konstruktionen für separierten RAdverkehr, in Brücken- (Hovenringwahnsinn) und Unterführungskonstruktionen, die bei unvermindertem MIV lediglich ein wenig den Komfort für inklusiven Radverkehr erhöht, sondern in einer beherzten Beschränkung des Autoverkehrs.
      Problemlösungen funktionieren regelmässig dann gut, wenn sie einen starken Anteil an Ursachenbezogenheit aufweisen.
      Da liegt der Fall doch klar auf der Hand. Ursächlich für die alltäglicen Desaster des Radverkehrs ist (und bleibt?) der längst vollkommen aus dem Ruder gelaufene Autoverkehr.
      Das wäre doch dann auch eine mögliche dialektische 'Synthese':
      inklusiven Radverkehr bzw. Umweltverbundverkehr herstellen durch gründliche 'Wende' in der Mobilitätspolitik mit ganz signifikanter Schrumpfung des Autoverkehrs.
      Das ist aus vielerlei Gründen (Ökologie, Ressourcen, Artenvielfalt, Klimaumbruch, soziale Spaltung, Zersiedelung und Flächenfrass, ...) doch sowieso unabkömmlich für eine menschen- und mitweltgerechte Modernisierung unserer Mobilitäts- und Raumkonzepte.
      Ich glaube auch, dass das mit mehr Frauen in der Planung eher in Reichweite kommen könnte, dass dann auch eher mal realisiert werden würde, dass sich die Mobilitätsmuster nach Geschlecht stark und signifikant unterscheiden, es kommt aber SEHR darauf an welche Frauen das dann sind, die dann eingestellt werden. Die Auswahl wird aber hoffentlich stetig grösser, da auch in der Verkehrsplanung die starre 'Männerdomäne' endlich aufgebrochen wird.
      Alfons Krückmann

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  3. Ich fahre Straße. So nen Murks,wie diese Radverkehrsführung, kann man sich ja nicht ausdenken.... Kinder, Familien und Alte beißen die Hunde ähhhh Kühlergrills der G-Klasse

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  4. Ich habe das 1x gemacht mit dem indirekten Linksabbiegen. In Bad Cannstatt, Waiblinger Str. Kreuzung mit der Daimlerstr.
    Erst steht man auf der Waiblinger vor der Einmündung Daimlerstr. an der roten Autoampel, bei grün rückt man dann auf die aufgemalte Markierung vor und steht da dann, wer hat's gedacht, an einer roten Radampel. Bis man endlich abgebogen ist gute 5 Min! Das mach ich nicht nochmal.
    Wenn ich die Strecke kenne verlasse ich frühzeitig den Radweg/-streifen etc. um mich auf der Linksabbiegespur einzuordnen oder ich bin gleich auf der Straße unterwegs.
    Sandy

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    1. So geht es mir auch. Ich finde das unmöglich, dass wir immer nur an roten Ampeln warten.

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  5. Hallo Christine,

    bitte füge doch größere Bilder ein. Deine vergrößerten Bilder (also wenn man drauf klickt und sich eine größere Version öffnet) sind nicht mal doppelt so breit/hoch wie die kleinen im Text. Nutz doch deine ganze Seitenbreite aus, das macht es für die Leser einfacher.
    Ich erkenne da nur schwer was drauf.

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    1. Vielleicht helfen dir die Bilder in dem Beitrag unter https://wp.me/p9HsPS-2h

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  6. Hm ja, wenn ich zu große Bilder reinlade (die dann auch beim Draufklicken riesig werden), dann wird die Ladezeit für meinen Blog noch länger. Das habe ich früher gemacht, kann ich aber jetzt nicht mehr so unbefangen machen.

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  7. Hallo Christiane,
    schau mal bitte die Kaltentaler Abfahrt an, da gibt's was Neues, aber leider nichts Gutes.
    Bin mal gespannt auf deine Meinung.

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  8. Jörg
    Das indirekte Linksabbiegen wären kein so ein Murks, wenn es wie Holland kleine Verkehrsinseln an den Ecken gäbe. Das ermöglicht es vor und nach der Kreuzung auf die Linke Seite zu gelangen.
    Die Welt wäre besser wenn Frauen an der Macht wären. Ich glaube unsere Verkehrsministerin war mal Tanja Gönner, das Bundeskanzleramt wird nach meinen Wissen von einer Frau bekleidet. Christine erklärst Du vielleicht die weibliche Planung die in der aktuellen Fairkehr angesprochen wird. Im ersten überfliegen erschien es mir als leere Worthülse.
    Ich sage auch nicht mein Sohn macht alles besser als meine Tochter. Aber ja, bitte erkläre weibliche Verkehrspolitik.

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  9. sehe ich da im dritten Bild eine zweite Radspur, die rechts neben dem roten Radfahrsteifen auf den Ampelmast hinzu führt? Sollte man solche Widersrpüche nicht besser beseitigen?

    Ich denke das indirekte Abbiegen auf Radwegen war bislang die sicherste Methode. Nur Dank dem ADFC, der uns ja seit 40 Jahren das selbstbewusstere Radfahren auf der Fahrbahn beibringen will und fordert, werden solch Radwegführungen immer mehr abgebaut.

    Hier hat man auch ein "direkteres" Abbiegen mit Linksabbiegerspur rechts neben der PKW-Linksabbiegerspur eingerichtet, die Radfahrer fahren zumeist trotzdem in zwei Zügen über die bisherigen Überwege, welche nun reine Fußwege sind. Es erscheint mir auch nicht wirklich sicher, lebensmüde mitten in die Kreuzung zu fahren, den Gegenverkehr durch zu lassen und dann auch noch auf die nahende Stadtbahn zu achten.

    Id dann auch ganz "toll" gemacht, alte Radwegfurten und Ameln abgebaut, neue Radfahrstreifen aufgemalt, dazu linksabbiegeraufstellflächen im Bereich der Querfahrbahn mit weiteren Zusatzampeln. Wo früher mal vier Ampeln waren sind jetzt acht und jede Menge teils wieder abgeriebene Fahrbanhnmarkierungen.... irgendwo muss man ja Steuergelder versenken und die sinnlosen ABMs am Laufen halten, statt worklich weichtige Dinge anzupacken.

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