19. Dezember 2021

Wer Rad fährt, liebt es

Das Auto ist das beliebteste Verkehrsmittel, titelt die Zeit und bezieht sich auf die Ergebnisse der Studie Mobilität in Deutschland, die von 2017 ist, also vier Jahre alt. 

In Deutschland fahren im Durchschnitt 57 Prozent der Leute mit dem Auto ihre wöchentlichen Strecken, 22 Prozent gehen zu Fuß, 11 Prozent fahren mit dem Rad und 10 Prozent mit Bussen und Bahnen. An Wochenenden wird mehr gelaufen und Rad und weniger Auto gefahren. Ohne Zweifel gibt es Menschen, die wahnsinnig gern Auto fahren, ich frage mich aber, ob all die Menschen, die heute Auto fahren, dies auch gern tun und nicht nur als gutwillig akzeptierte Notwendigkeit empfinden. Im ländlichen Raum ist der öffentliche Verkehr unterirdisch und die Strecken fürs Radfahren oft zu lang. In Städten sind Jugendliche dagegen eher weniger aufs Auto fixiert als früher. In Deutschland kommen auf 1.000 Einwohner:innen 527 Autos. Und fast jeder Haushalt hat ein Fahrrad.

In Großstädten besitzen die Leute weniger Autos, von denen 40 Przent an einem durchschnittlichen Tag gar nicht gefahren werden. Im Durchschnitt werden Autos 45 Minuten am Tag bewegt, den Rest der Zeit stehen sie herum. Die meisten Fahrten sind solche zur Arbeit oder dienstliche Fahrten. Es scheint so, dasss viele in Deutschland das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs nicht attraktiv finden. Das kann viele Gründe haben: die Haltestellen sind zu weit weg, man muss zu oft umsteigen, es dauert zu lang, die Taktung passt nicht, im morgendlichen Berufsverkehr sind die Bahnen zu voll oder sie erscheinen unzuverlässig. Wenn man im eigenen Auto im Stau steht (auch eine Unzuverlässigkeit der Mobilität mit dem Auto), sitzt man wenigsens allein im Warmen am eigenen Radio. Die meisten fühlen sich im Stau weniger fremdbestimmt und ausgeliefert als in einer Stadtbahn, die im Tunnel eine technisches Problem hat. 

So gut wie jeder Haushalt hat der Studie zufolge ein Fahrrad. Ein Drittel fährt damit mindestens einmal pro Woche, ein Drittel fast nie. Kinder unter 10 Jahren und Alte über 70 radeln deutlich öfter. In Großstädten wird etwas öfter geradelt als auf dem Land. Zum Stichtag der Studie fuhren mehr Ältere Pedelecs als Jüngere, und vor allem in kleinen Städten radeln ältere mit Pedelecs. Die neuen Trends in der Moblität, so schließt die Studie, fänden nicht so sehr Widerhall bei den jungen urbanen Menschen, sondern bei den Älteren, weniger urban lebenden. Wer aufs Pedelec steigt, legt meist doppelt so viele Kilometer zurück wie jemand, der/die ein Normalrad benutzt.

Am Rande interessant finde ich, dass etwa ein Drittel der Radler:innen immer Helm trägt, allerdings fast alle Kinder, und dasss dort, wo es wenig Radverkehr gitb, eher Helm getragen wird, als dort, wo viele radeln. Die Macher:innen der Studie erklären es damit, dass Radfahrende sich sicherer fürhlen, wenn sie unter vielen anderen Radler:innen sind. Ich könnte mir aber auch denken, dass dort, wo mehr Menschen anstelle anderer Verkehrsmittel ein Fahrrad nutzen, mehr Menchen sind, die sich ohnehin keinen Helm aufsetzen wollen. Die steigen in Gegenden mit geringem Radverkehr hingegen gar nicht erst aufs Fahrrad. 

Auf Site 128 versucht die Studie ein Antwort auf meine eingangs gestellte Frage zu geben, wie beliebt eigentlich das Auto tatsächlich ist. Grundsätzlich geben viele Leute an, das Verkehrsmittel gern zu nutzen, das sie mehrmals in der Woche nutzen. Der öffentliche Nahverkehr ist jedoch auch dann etwas unbeliebter bei seinen Nutzer:innen als das Autofahren. Interessant finde ich, dass die Leute, die sich selber bewegen, also Rad fahren oder zu Fuß gehen, das ausgesprochen schön finden. Anders als beim Autofahren oder bei der Nutzung von Bussen und Bahnen findet von denen, die viel Rad fahren oder zu Fuß laufen, so gut wie niemand diese Art der Fortbewegung nicht gut, wobei der Unterschied sich im 1-3-Prozentbereiche bewegt. 

Der Knackpunkt ist, wo man parken oder das Rad abstellen kann. 90 Prozent derer, die regelmäßig radeln, haben zu Hause einen bequemen und sicheren Abstellplatz. Ich vemute, dass diejenigen, die das nicht haben, eher nicht aufs Fahrrad umsteigen. Bei den Autobesitzenden haben 75 Prozent einen Stellplatz auf dem Privatgrundstück, in Städten und Großstädten sind das allerdings nur noch 60 bis 40 Prozent, der Rest parkt auf der Straße. Das Parken im öffentlichen Raum wird Autobesitzenden sehr leicht gemacht und kostet, wenn es kostet, wenig.  In Stuttgart kann man sein Auto auch illegal sehr leicht überall abstellen, ohne dass es geahndet wird. Ein Rad im öffentlichen Raum abzustellen ist schon schwierger, es gibt zu wenige Radbügel, und das Fahrrad steht meist im Regen und ist dem Risiko von Vandalismus und Diebstahl ausgeliefert.

Wie schaffen wir eine Mobiltätswende? Mir scheint, es gibt Stellschrauben, mit denen wir unser Mobilitätsverhalten verändern könnten. 

Der öffentliche Nah- und Fernverkehr muss besser werden, es muss ihn überall und mit akzeptablen Taktzeiten geben, und er muss bequem und angenehm sein. 

Die Bahnhöfe dürfen vor allem bei Dunkelheit keine Angst machen, auch Frauen müssen sich dort wohl fühlen können.

Die Radinfrastruktur muss besser werden, damit mehr Menschen für kurze Strecken das Fahrrad nehmen, die sich das bisher nicht trauen, weil sie Radfahren für gefährlich halten

Nach meiner Einschätzung könnte es sein, dass mehr Leute Rad fahren würden, wenn sie wüssten, wo sie es dauerhaft bequem und sicher abstellen können, es braucht also Radgaragen in Wohngebieten. 

Der öffentliche Raum darf nicht mehr selbstverständlich in weiten Teilen (entlang fast aller Fahrbahnen) Autos zum Abstellen zur Verfügung stehen. Illegales Parken muss konsequent geahndet werden.

Da Menschen, die sich regelmäßig selbstaktiv bewegen, also Rad fahren oder zu Fuß gehen, sehr zufrieden mit sich und ihrer Fortbewegungsart sind, dürfte sich auf Strecken bis 10 km vor allem der Radverkehr deutlich steigern lassen, wenn die Bedingungen stimmen: Abstellanlagen, sichere und durchgängige Infrastruktur. 

7 Kommentare:

  1. Warum ist Vandalismus bei Fahrrädern ein Problem, bei Autos hingegen weniger? Kommt mir jedenfalls so vor.

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    1. Ich glaube, das ist gar kein spezifisches Problem. Einerseits höre ich immer wieder, dass jemand Autos zerkratzt und Außenspiegel abgebrochen hat, andererseits hat mein Fahrrad noch niemand verwüstet, nicht mal die Uhr geklaut, die ich am Lenker habe. Der Unterschied ist vielleicht, dass man ein zerkratztes Auto noch fahren kann, ein Fahrrad, bei dem irgendwas beschädigt wurde, aber vielleicht unter Umständen nicht mehr. Am ehesten werden Fahrräder mal umgewofen, wenn sie ungeschickt stehen. Aber auch das sehe ich selten.

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    2. Bei meinem Fahrrad wurden letzten Monate beide Reifen aufgestochen. Das war schon ärgerlich. Ansonsten ist in über 3 Jahren nichts passiert. Ich kette mein Rad an das Geländer vor meiner Mietwohnung im Westen. Es ist mir zu Mühsam das Rad jeden Tag in den Keller zu tragen.

      Mich würde interessieren, was andere Blogleser bezüglich Vandalismus zu berichten habe. Wenn ich an die ramponierten Räder bei der Uni oder am HBf denke, ohne Sattel oder mit verbeultem Vorderrad, ist Vandalismus wohl doch nicht so selten?

      Überdachte Fahrrad Abstellplätze in den Quartieren wären eine gute Idee am Besten mit Überwachungskameras. Es gibt viele alte Wohnungen ohne geeigneten Fahrrad Abstellplatz im Haus. Bei Neubauten ist das wohl anders? Gibt es da eine Pflicht vom Bauamt für Fahrradgaragen bei Neubauten?

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  2. Hallo Christine,

    wie du schon festgestllt hast, ist die Aussage der Beliebheit differenzierter. Ich persönlich glaube, dass "Beliebtheit" oft mit "Notwendigkeit" verwechselt wird. Wer jeden Tag mit dem Auto pendelt, muss es wohl lieben, weil er keine anderer Wahl für sich sieht. Man sieht ja in der besagten Abbildung 83, dass die "Beliebtheit" beim Auto massiv in den Keller geht, wenn man es wohl nicht täglich nutzen will oder "denkt es zu müssen, weil Zeitbudget und so". Niemand pendelt gerne mit dem Auto, es sei denn man hat sich daran gewöhnt, dass Stau, Ärger und Unfälle gottgegeben sind. Interessant: die Mobilitäts-Studie lässt sich viele Seiten "out-context" zum "nicht-gesetlich-vorgebenen" Helmtragen aus. Reines poliisch motiviertes Framing, denn wenn man "Sicherheit" ansprechen will, dann bitte auch Tempolimit, Infrastrukturdemokratisierung, etc. in die Studie aufnehmen!

    Grüsse
    Michael

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    1. Ich glaube auch, dass Leute gerne Auto fahren, weil sie nicht erlebt haben, dass sie vielleicht viel lieber Radfahren würden. Also sagen wir so: Sie fahren nicht ungern. (Wobei ich auch Leute kenne, die wirklich gerne Autos fahren und Auto fahren). Anderseits haben die Leute ja auch im Kopf, dass es sie nervt, im Stau zu stehen. Wenn ich eine Umfrage machen würde, würde ich solche Gefühle abfragen. Wäre mal interessant, ob die Beliebtheit des Autos daran hängt, ob man damit auch schnell und gut durchkommt. Umgekehrt beim Fahrrad auch. Wobei da ja der sinnliche Kontakt zur Welt, durch die man radelt, dazu kommt, und das mögen die meisten Leute ja.

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    2. Also ich bin in den letzten Wochen ein paar mal mit dem Auto gependelt. Das Autofahren ist wirklich attraktiv.

      Mein Arbeitgeber hat die Tiefgarage für Autos (und Fahrräder) während der Pandemie kostenfrei nutzbar gemacht und zu Hause habe ich eine Garage und einen Stellplatz. Abstellen/Parken ist also gleichwertig.

      Mit dem Auto bin ich schneller - selbst bei unfallbedingtem Extra-Stau spare ich 20 Minuten zusätzlich zu der Viertelstunde, die ich für Duschen und Umziehen benötige. Es ist warm. Ich habe Radio-Unterhaltung.

      Es ist entspannt - alle fahren im gleichen Tempo. Die anderen Autofahrer, selbst Lastwagen beachten und respektieren mich, fahren diszipliniert und flößen mir keine Angst ein, zu Boden zu gehen und überrollt zu werden. Sollte es doch mal zu einer Berührung kommen, wenn einer aggressiv drängelt oder unaufmerksam ist, dann bleibt es höchstwahrscheinlich bei einem Blechschaden aber ohne Verletzung. Über Kreuzungen komme ich in einem Rutsch rüber und muss nicht5 Mal über Bordsteinkanten hoppeln und durch Umlaufsperren schlingern. Die Fahrbahnen sind alle super-bequem breit. Ich habe keine Ampelpfosten und Baustellenschilder mitten auf meiner Fahrbahn. Keine klammen Finger und tauben Zehen. Ich muss nicht auf Fugen achten. Scherben können mir egal sein. Fußgänger laufen mir nicht rein. Wegweiser und Umleitungen geben keine Rätsel auf. Ein Radfahrer, der noch schnell vor mir über die Kreuzung brettert, gefährdet sich selbst, mich aber nicht.

      Das ist der Status Quo.

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  3. Für die Statistik: ich habe 2 gestohlene Fahrräder zu beklagen, die angeschlossen (nicht nur abgeschlossen) waren und mehrfach Vandalismus (abmontierte Teile, zerstörte Teile bis hin zu "Kleinigkeiten" wie dem Diebstahl von Akkus aus dem Frontscheinwerfer) sowie (möglicherweise unbeabsichtigte) Beschädigungen durch umgeworfenes oder umgefallenes Fahrrad: verbogene Felgen, kaputte Schaltung bzw. verbogenes Schaltauge. Dazu gelegentliche Unfug-Aktionen in der Schulzeit, z.B. dass das Fahrrad ans Dach des Fahrradabstellplatzes gehängt wurde.

    Das Fahrrad lasse ich so gut wie nicht mehr draußen stehen; evtl. beim Bäcker-Einkauf, wo ich es im Blick behalte. Zur Bank beispielsweise nehme ich es mit herein.

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