20. März 2025

Dann drehen wir doch mal den Zebrastreifen

Der Vorschlag kommt von einem Institut in Leipzig und dem dortigen Bürgermeister.   

Ich habe das mal für die Eberhardstraße (durch die eigentlich keine Autos fahren dürfen) ins Bild gesetzt. Der Zebrastreifen ist um neunzig Grad gedreht, bildet für Fußgänger:innen sozusagen die Leitlinien ihres Wegs und für Autofahrende und Radfahrende eine optische Barriere. Er wirkt von weiter weg wie eine dicke Haltelinie und, nähert man sich, wie viele Haltelinien. Das ist der Hintergedanken der Idee. 

Es gibt keinerlei Untersuchungen, ob dieses Design Lenker:innen von Fahrzeugen eher dazu bringt, anzuhalten, wenn Fußgänger:innen queren wollen. Das muss in Leipzig erst ausprobiert werden, sofern es eine Genehmigung für einen Test gibt. Spontan leuchtet ein, dass es so sein könnte. Spontan fällt mir dazu aber auch ein: In ganz Deutschland (womöglich ganz Europa) viele Tausende von Zebrastreifen ändern, erscheint unnötig aufwändig und kostenintensiv. Alle müssten sich umgewöhnen. Und wir gewöhnen uns ja in Europa nicht gern um. 

Dennoch ist es von Anfang an vielleicht tatsächlich ein Manko gewesen, dass die weißen Streifen quer zum Weg der Fußgänger:innen gelegt wurden und wie Leitschienen längs zum Weg der Autofahrenden und Radfahrenden. Intuitiv verständlicher wäre es umgekehrt: Die Fußgänger:innen kriegen ihre Leitstreifen, auf denen sie immer Vorrang vor dem Querverkehr auf der Fahrbahn haben, der dann eben auch Querstreifen sieht. 

 Querungshilfen in Form von Trittsteinen, zwischen denen die Pferdefuhrwere durchfahren konnten, hat es aber auch schon im römischen Reich gegeben, wie das Foto von Berthold Werner aus dem Wikipedia-Aritkel zeigt. Die Durchfahrtsrinnen haben sich optisch bis in die heutige Gestalt des Zebrastreifens erhalten. Daher kommen sie sogar womöglich.

Erfunden haben soll den Zebrastreifen der Brite James Callaghan für unsere Straßen nach dem Krieg, damals in Blau und Gelb. Davor gab es eine Querungshilfe, die aus Kurzlinien (unterbrochenen Streifen), ungefähr so wie heute beampelte Fußgängerfurten bei uns aussehen, auf denen Fußgänger:innen keinen Vorrang vor dem Fahrverkehr haben. Man bewarb die Erfindung mit Schulungsfilmen wie diesem. Ab 1947 setzte sich dann Callaghan für den "zebra crossing" ein. Ein öffentliches Foto davon habe ich nicht gefunden. In Deutschland kamen die ersten Zebrastreifen Anfang der fünfziger Jahre auf die Straße, damals in Ostberlin, fast so wie der neueste Vorschlag heute, in Form von zwei Streifen, die quer zur Fahrbahn verliefen, in München aber in der Gestalt, die wir heute kennen, damals "Dickstreifenkette" bezeichnet. Erst ab 1964 hatten Fußgänger:innen Vorrang auf Zebrastreifen. 

Ganz sicher kann man sich als Fußgänge:in aber nie sein, dass Radfahrende und Autofahrende auch wirklich anhalten, wenn man rüber will oder rüber geht. Radfahrende irritieren dabei meist besonders, weil sie nicht zum Stillstand abbremsen müssen, sondern nur ihr Tempo verringern, um dann hinter dem Fußgänger durchzurollen. Auch wenn es aus unserer Sicht reicht, finde ich, dass wir es streng vermeiden wollten, vor einem Fußgänger, der über den Zebrastreifen gehen will oder schon geht, durchzufahren. Aus Sicht des/r Fußgänger:in ist das eine Missachtung seines oder ihres Vorrangs. Vermutlich würde die optische Drehung des Zebrastreifens deutlich markieren, wer hier Vorrang hat. Die Autofahrenden, die dazu neigen, vieles nicht zu sehen, was für andere Verkehrsteilnehmden wichtig ist, würden auf die Querlinien vielleicht eher reagieren. Allerdings würden rücksichtslose Radfahrende oder Autofahrende sich alsbald daran gewöhnen und den Quersebrastreifen so behandeln wie den heutigen Längszebarastreifen. 

Nachtrag
: Ein Kommentator auf Mastondon hat mich auf einen "umgedrehten Zebrastreifen" in der Badstraße in Freudenstadt hingewiesen. Hier das Foto von Apple-Maps. Mir scheint das aber ein nicht weiter definierter Sonderfall zu sein, weil hier ein gemeinsamer Geh- und Radweg die Straße quert. Es fehlt auch das Verkehrzeichen, das Zebrastreifen immer kennzeichnen muss, um sie zu einer Vorrangstelle für Fußgänger:innen zu machen, an der Fahrzeuge warten müssen. 

6 Kommentare:

  1. Joe Delle

    "Dickstrichzette", siehe:

    https://industriekultur.berlin/ort/zebrastreifen/

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  2. Joe Delle

    "Kette" natürlich, sorry.

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  3. Querstreifen müssten viel häufiger erneuert werden (wegen stärkerer partieller Abnutzung und somit verminderter Erkennbarkeit der Struktur als Ganzes bei widriger Sicht bzw. Wetter, weil die Markierungen z.T. auch ohne das Schild regeln sollen und die Fahrzeugreifen zuerst von den Kanten her die Farbbalken erodieren).
    Designer (u.a. Hochschule Burg Giebichenstein nahe Leipzig) haben vor Jahrzenten schon darüber gefachsimpelt. Aber einmal etablierte und mehrheitlich bekannte sowie akzeptierte Standards (fast weltweit) ändert kein pragmatisch Denkender. Nur wohlstands-verwahrloste und sonstwie gelangweilte Narzissten, die nach Anerkennung heischen, diskutieren eine Nebensache nach anderen, anstatt wirkliche Probleme anzugehen... Zeitgeist. Gebt diesem Politiker bitte seine Medikamente und kümmert euch um Wichtigeres.

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    1. Lieber Anonymus: Bitte nicht einfach Menschen, die über etwas nachdenken, das du für unwichtig hältst, nicht einfach als minderbemittelte Personen (mit entsprechendem Vokabular) abtun! Ich möchte, dass wir hier mit Respekt für einander diskutieren.

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  4. Standards sollte man nur ändern wenn es dafür sehr gute Gründe gibt. Das wichtigste bei Verkehrszeichen ist nunmal, dass alle Verkehrsteilnehmer die möglichst sicher und intuitiv erkennen.
    Eine Lösung, die, wenn es noch keinen Standard gäbe, evtl ein bisschen besser wäre, rechtfertigt es nicht, den etablierten Standard aufzuweichen.
    in dem Fall denke ich, dass die Querlinien unter umständen den Eindruck besondes massiver Haltelinien vermitteln und es Autofahrer gibt, die eine Vollbremsung hinlegen um nach einem Stopschild zu suchen.
    Andere könnten meinen, dass die Bewegungsrichtung die durch den Zebrastreifen vorrang geniest, immer quer zu den Streifen verläuft, also in dem Fall die Fahrbahn (seltsam aber nicht ausgeschlossen)
    Alles in allem ist es wichtig Zeichen sofort zu erkennen und das klappt am besten wenn der Standard eingehalten wird.
    Verwirrung ist oft ein Teil einer Abfolge von Ereignissen die zum Unfall führt.

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