22. März 2025

Stuttgart auf Platz 1 fürs Farradpendeln?

Dieses Ergebnis in einer Veröffentlichung der Firma Canyon hat uns Radfahrende und viele Medien überrascht. 


Wie Utopia berichtet "überzeugt Stuttgart auf ganzer Linie", denn es gibt fast 300 fast komplett barrierefreie Bahnhöfe, über 18:000 Fahrradabstellplätze, was für die Kombi Bahn und Rad gut ist. Außerdem gibt es bei uns eine vergleichsweise geringe Zahl an Crashs oder Unfällen. Und während Autofahrende jährlich in Stuttgart "79 STunden im Stau gefangen sind", kommen Radfahrende meist schneller ans Ziel. Nur mit den Radwegen haben wir es nicht so.

Man soll die eigene Stadt ja nicht schlechter reden als sie ist. Immerhin haben wir eine meist gut ausgebaute Haupradroute 1 und kommen radial meist ganz gut in die Stadt. Das nützt Pendler:innen. Und wir haben fünf bis sieben ampelfreie Kilometer durch den Schlossgarten. Wir vermissen zwar Fahrradgaragen und Abstellplätze am Hauptbahnhof (und am neu gestalteten Cannstatter Bahnhof), aber es stimmt, es gibt viele Stellplätze beispielsweise in Vaihingen am Bahnhof.  Aber wie kommen die darauf, dass wir für Menschen, die mit Rädern zu Arbeit pendeln, die besten sind? Canyon schreibt auf seiner eigenen Seite, welche Daten wie erhoben wurden, damit es zu diesem Ergebnis kam. Man hat sich unter den 20 einwohnerstärksten Städten umgesehen. Für das Ranking hat man folgende Bedingungen definiert, die Canyon fürs Radpendeln für wichtig hält: Die Anzahl barrierefreier U- und S-Bahnstationen, die Kosten für die Radmitnahme in Öffis, die Anzahl der Radabstellplätze an diesen Bahnhöfen, das Radnetz in Kilometern und die Anzahl von Radunfällen. Dafür wurden jeweils Punkte vergeben, sodass Stuttgart mit 375 Punkten vor Hannover mit 367 Punkten und Köln mit 346 Punkten liegt. (Grafische Übersicht auf der Seite von Canyon einsehbar.) Wieviele Punkte es für was gab, kann ich nicht ersehen. Canyon erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Datensätze, die Darstellung basierten auf besten Wissen und Gewissen.

Canyon kommt zu folgendem Schluss: "Im deutschlandweiten Vergleich steht Stuttgart an der Spitze. Die Stadt überzeugt mit einer sehr gut ausgebauten Radinfrastruktur, einem hohen Anteil an barrierefreien Bahnstationen und einer besonders sicheren Umgebung für Radfahrer. Mit 293 Bahnstationen, von denen 289 barrierefrei sind, bietet Stuttgart eine hohe Flexibilität für multimodale Pendler. Zudem gibt es über 18.000 Fahrradabstellplätze und ein sicheres Umfeld mit vergleichsweise niedrigen Unfallzahlen." 

Demnach sind bei uns geschätzt 66.500 Radpendler:innen unterwegs. Wo die Zahl herkommt, kann ich nicht nachvollziehen. Im Edit-Magazin im Artikel "(Un)sicher durch Stuttgart) sind monatlich rund 600.000 Menschen mit Rädern unterwegs.

Die Zahl von 360 km Radnetz kommt von der Seite der Stadt. Leider stimmt sie nicht, denn die blauen Radwegschilder stehen nur an 211 km, und davon sind nur 5 km eigenständige, von der Fahrbahn getrennte Radwege und nur 20 km verlaufen auf Gehwegen parallel zum Fußverkehr. Im Mischverkehr mit Fußgänger:innen radeln wir auf 121 km. Die restlichen 150 km sind jedoch Gehwege, die nur für den Radverkehr freigegeben wurden. Sie wirken oft wie Radwege, sind aber keine. Denn auf ihnen darf nur Schrittgeschwindigkeit gefahren werden (was unmöglich ist, dann aber eben auch illegal). Und das ist keine Radverkehrsinfrastruktur. 

Canyon führt für das Jahr 2023 für Stuttgart 1.463 "Verkehrsunfälle mit Radfahrern" an. Wenn ich die Mitteilung der Polizei Stuttgart zum Jahr 2023 zurate ziehe, komme ich nur auf 646 polizeilich bekannte Fahrradunfälle. Natürlich gibt es auch viele Stürze und Zusammenstöße, von denen die Polizei nichts mitkriegt. Die finden aber auch nicht den Weg in die Statistik. Da ich mir eine solche Abweichung der Zahlen voneinander nicht vorstellen kann, befürchte ich, ich habe selber einen Denkfehler gemacht. Korrekturen nehme ich also gerne entgegen. 

Aber Canyon meinte ja auch, das alles sei auf eigene Gefahr zu glauben, wenn auch nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. 

4 Kommentare:

  1. Diese Studie sollte man mit einer Prise Salz genießen. einer großen.
    Sie schreibt Frankfurt am Main habe 199 U- und S-Bahn Bahnhöfe.
    Mir ist schleierhaft (und ich wohne in Frankfurt), wo die alle sein sollen. Es sei den sie haben Stationen, an denen 10 Linien halten einfach 10 mal gezählt oder so..

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ... kommt darauf an, wo man die Grenzen Frankfurts zieht.

      Das Frankfurter U-Bahn Netz hat 86 Stationen.
      Das S-Bahnnetz 113 Stationen.

      Beides nicht ausschließlich im Stadtgebiet Frankfurts.
      Quellen:
      https://de.m.wikipedia.org/wiki/U-Bahn_Frankfurt
      https://de.m.wikipedia.org/wiki/S-Bahn_Rhein-Main

      Löschen
    2. Wenn man über die Stationen so einfach Mainz, Wiesbaden und Offenbach zu Frankfurt zählt, dann muß man das aber auch bei den Einwohnerzahlen tun. Die Statistik stimmt einfach hinten und vorne nicht.

      Löschen
  2. Barrierefreie S-Bahn Stationen bzgl Bahnsteighöhe vielleicht 50%?

    AntwortenLöschen