30. August 2025

Das Fahrrad weist in die Zukunft - technisch und sozial

Wenn wir das Wort "Radfahrer" ausstoßen, mal neutral, mal wutschnaubend, denken wir an den Mann mittleren Alters in Radklamotten auf einem Rennrad oder Trekking-Pedelec, der sich zwischen Autos durchschlängelt und Fußgänger:innen schneidet. 

Vor gut fünfundzwanzig Jahren waren hauptsächlich diese Radler unterwegs, erprobt, unerschrocken, sportlich, jedem Wetter trotzend, beispielsweise als Radkuriere oder als seltene Exemplare, die ihre Wege zur Arbeit mit dem Rad zurücklegten. Dann kamen die Pedelecs und brachten zuerst die Frauen aufs Fahrrad, die sich die Bergfahrt mit dem Normalrad nach oder zur Arbeit nicht vorstellen konnten. Alsbald entdeckten auch jugendliche Mounteinbiker den Elektroantrieb für sich, denn man muss ja hoch kommen, bevor man down hill fährt. Dann liehen sich Männer von ihren Ehefrauen mal das Pedelec aus, wenn sie eine weitere und steilere Strecke vor sich hatten, und kauften sich nach kurzer Zeit selber eines, weil man damit halt auch im Alter öfter und weiter radelt. Gleichzeitig kamen die E-Lastenräder auf, mit denen man Kinder (und Einkäufe) transportieren kann. Sie wurden und werden immer noch subventioniert, weil sich manche Familien damit ein Auto oder das Zweitauto sparen. Hochaktuell sind inzwischen große zweispurige Lastenräder (für Lieferdienste) und Spezialräder (alle mit E-Antrieb) für Menschen mit körperlichen Behinderungen. Tandems sind nicht mehr nur einspurig, sodass man hintereinander sitzt, sondern mittlerweile auch zweispurig fürs nebeneinander sitzen. Es gibt Rikschas, in denen man auf einer Bank vor sich zwei Erwachsene tranportieren kann, und Räder, mit denen man einen Menschen im Rollstuhl durch die Stadt fährt. Bald wird es vermehrt wettergeschützte Pedelecs geben, die aussehen wir kleine Autos.

Es gibt keinen Mobilitätssektor, in dem in kurzer Zeit so viele Innovationen hervorgebracht wurden, wie der E-Radsektor.

Und das alles tummelt sich auf unserer Radinfrastruktur, die nicht mehr passt. Wir sehen auf schmalen Verkehrsinseln Radelnde mit Kinderanhänger warten, die da nicht mehr draufpassen. Manche Kurven eines Zweirichtungsradwegs sind zu eng für den Begegenungsverkehr großer Lastenräder. Die Bodenbeschaffenheit von Radwegen ist teils elend schlecht und den Geschwindigkeiten nicht mehr angemessen und so weiter. Es wäschst der Druck, die Verkehrswelt dem Radverkehr anzupassen. 

"Radfahrende sind die wirklichen Innovationstreiber."

Das sagt Maximilian Hoor, der eine Doktorarbeit über die urbane Radkultur Berlins geschrieben hat. Er fordert die Stadtplanung auf, die vielen Radszenen ihrer Städte kennenzulernen, die nicht nur über viel Wissen verfügen, sondern auch die Diversität der Fahrrad-Mobilität vertreten. Berückischtigt man dann auch noch diejenigen, die sich nicht organisieren, die Lastenrad- und Spezialradfahrenden (vielfach Frauen), die Kinder und Älteren und horcht auf deren Bedürfnisse und Erwartungen an die Radinfrastruktur, dann wird eine Stadtverwaltung oder die sie antreibende Politik zum sozialen und zukunfsfähigen Innovationsmotor. Denn je mehr Menschen allen Alters und Gechlechts in einer Stadt Rad fahren, desto mehr Menschen können teilhaben am sozialen Leben, auch wenn sie kein Auto haben oder benutzen. Und auch diejenigen, die bislang Auto gefahren sind, entdecken, dass es bequemer ist und schneller geht, mit dem Rad ins Stadtzentrum zu fahren, vielleicht auch mit der ganzen Familie, den Kindern und den Großeltern. 

Mit anderen Worten, die Radinfrastruktur reicht nicht mehr, die sich am unerschrocken radelnden Mann mittleren Alters orientiert, der zur Arbeit fährt. Sie schließt heute noch viele aus, die Rad fahren würden und könnten, wenn die Wege passen. Zum Beispiel Frauen, die mehrere Wege am Tag zurücklegen (nicht nur auf den radialen Pendlerstercken), weil sie die Kinder zur Kita  fahren, dann zur Arbeit radeln, dann einkaufen, dann die Kinder wieder abholen (was natürlich auch Männer machen), oder die Ängstlicheren, die sich den Stellungskampf mit den Autofahrenden nicht liefern wollen und können, die Kinder, die ab 11 Jahren nicht mehr auf Gehwegen fahren dürfen, aber keine sicheren und durchgängigen Radwege oder Radstreifen vorfinden, wo sie nicht vom Autoverkehr bedrängt werden. Eine Anpassung der Verkehrsplanung an vielfältige Stadtraumnutzung nützt dabei uns allen. Sie nützt übrigens auch denen, die  Auto fahren müssen (oder unbedingt wollen), denn sie reduziert den unnötigen Autoverkehr auf den Straßen. 





10 Kommentare:

  1. Insgesamt d'accord mit dem Thema des Artikels, die Geschichte der Entwicklung ist aber recht verkürzt dargestellt wenn sie nur auf das Aufkommen der Pedelecs (man sollte wohl nicht E-Bikes sagen) beschränkt wird. So richtig Fahrt aufgenommen haben Pedelecs ja auch erst in den letzten 10 Jahren, die relative Intensivierung des Radverkehrs begann aber deutlich vorher.
    Ich wäre vorsichtig mit einer solchen Darstellung, denn sie nährt mehrere Mythen:
    - den Mythos vom physisch schweren "normalen" Radfahren (das dann "nur
    - weiße, mittelalte - Männer" ausüben, wohl um sich was zu beweisen...). In Wirklichkeit kann jeder mit dem Normalrad mit ein wenig Übung, die sich ganz von selbst einstellt, überall hin (Berge hoch dauert es etwas länger, aber mit der richtigen Gangwahl ist es physisch kein Problem), und wir hätten es geschichtlich auch getan, wenn man nicht den Autoverkehr so flächendeckend ausgebaut hätte.
    - den Mythos vom gefährlichen Radfahren, der sich aktuell hauptsächlich vom Pedelec- Boom nährt, und aufgrund dessen wieder Helmpflichten u.dgl. gefordert werden
    -den Mythos vom teuren Radfahren (siehe z.B. die Lastenradschelte von vor ein paar Jahren), das sich nur Grünenwähler aus der Mittelklasse leisten können, denn ein vernünftiges Pedelec kostet ebendas 5-10 fache eines normalen Fahrrads.

    Diese Mythen erhöhen die Kulturkampf-Mentalität in der Debatte. Radfahren ist in Wirklichkeit eine physisch Einfache Tätigkeit, die finanzell für jedermann erschwinglich ist, für so gut wieqlleAltersklassen geeignetund sich einer einfachen, verlässlichen klimafreundlichen Technologie, sie genau deshalb zukunftsweisend ist, bedient.

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    1. Mit dem Normalrad die Alte Weinsteige rauf ( kanpp 1 km) radeln, das machen nicht mal die meisten fitten jungen Männer. Da hilft auch die richtige Gangwahl nichts. Ich fürchte, ganz so einfach ist es doch nicht, zu sagen, dass alle Menschen jeden Geschlechts und jeden Alters mit dem Standardrad und ein bisschen Anstrengung überall hin fahren könnten. Tatsächlich hat gerade das Pedelec dazu beigetragen, dass Leute weitere Strecken zur Arbeit radeln als vorher, und vor allem sehr viel mehr Leute. Leider ist es derzeit noch so, dass sich die finanziell Schwächeren auf den Autobesitz konzentrieren, während sich die finanziell Bessergestellten dazu noch ein Pedelec kaufen können. ich kenne aber auch Familien, für die das Longtail (auf dem man die beiden Kinder transportieren kann) mit Motor das Auto wirklich ersetzt.

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  2. Fahrrad und Innovation: ist es nicht nach wie vor so, dass sich zwei Welten begenen?

    Seit der Erfindung des Fahrrads gibt es keinerlei Verbesserungen im Bereich der Sicherheit. Eine S-Klasse hingegen ist inzwischen mit einem Dutzend Airbags ausgestattet, ein modernes Auto ruft eigenständig den Krankenwagen und noch vieles mehr. Bald werden sogar Schlaganfälle erkannt werden:
    https://www.tagesspiegel.de/berlin/forschung-neue-studie-wie-ein-auto-einen-schlaganfall-erkennen-soll-13928608.html

    Und das autonome Fahren hat auch schon seinen Durchbruch erlebt, siehe Waymo.

    Grüße
    Mercedes Testa Rossa

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    1. Meinen Sie das etwa ernst???

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    2. Mir als Autofahrer ist die Vision Zero sehr wichtig.

      Und moderne Autos schützen auch Fußgänger u. Radfahrer. Es geht so weit, dass Airbags zum Schutz von Fußgängern außen an Auto verbaut werden:
      https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fg%C3%A4ngerschutz

      Radfahrer sind - ein Zitat des Spiegles - eine Gefahr für sich selbst:
      https://www.spiegel.de/auto/warum-radfahrer-fuer-sich-selbst-eine-gefahr-sind-a-8b9274d6-1d8d-4606-a9f4-65ee7c89fecb

      Insbesondere die Zahl der tödlichen Alleinunfälle steigt in den letzten Jahre sehr stark.

      Ich kann also nicht erkennen, wie Radfahrer zur Vision Zero beitragen wollen. Das finde ich sehr schade.

      Grüße
      Mercedes Testa Rossa

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    3. Es gab jede Menge Sicherheitsverbesserungen am Fahrrad. Das Hochrad war saugefährlich für ihre Reiter, dann kam das "Sicherheitsrad", das Fahrrad, so wie wir es kennen. Auch Dreiräder wurden bereits frühe entwickelt. Früher hatten Fahrräder Bremsen, die auf den Reifen drückten, dann Felgenbremsen, heute haben sie starke hydraulische Bremsen,. Auch die Beleuchtung ist besser geworden, angefangen bei Karbonlampen, über Lampen mit Feldendynamo, heute haben fast alle Nabendynamos und mit LED-Lampen lässt sich besser und weiter sehen. Zudem gibt es inzwischen Rückspiegel und Blinker fürs Fahrrad. Statistische Daten lassen darauf schließen, dass die beiden gefährlichsten Faktoren für Radfahrende Autos (also Autofahrende) sind und Alleinstürze, bei denen nicht dokumentiert wird, wodurch sie ausgelöst werden, beispielsweise durch schlechten Untergrund, im Dunkeln kaum sichtbare Poller. Die Statistik verschweigt, wieviele Menschen in ihren Autos sterben oder schwer verletzt werden, trotz Airbag und Sicherheitsgurten, mir begegnen aber viele Presseartikel, die berichten, dass mal einer, mal zwei, mal gleich vier Menschen in einem Auto zu Tode kamen, dessen Fahrer es nicht beherrscht hat. Und Autos mit Außenairbags gibt es übrigens nur theoretisch. In Städten, die den Autoverkehr verlangsamen, gibt es heute schon null Verkehrstote (auch unter den Radfahrenden). Es spricht also viel dafür, dass das Radfahren sicherer wird, wenn Autofahrende langsam fahren.

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  3. Die beste Innovation der letzten Jahrzehnte im Bereich Fahrrad ist mit Sicherheit der Nabendynamo, der sich dankenswerterweise auch auf breiter Front durchgesetzt hat.

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  4. Das Rad war eine Schlüsselerfindung, die die Gesellschaft massiv verändert hat. Das Prinzip ist extrem effizient und energieoptimiert. Das gilt in hohem Maße auch für die Kraftrelation zur Strecke einer Person. Das Pedelec hilft bei diversen Beschränkungen, ist jedoch in vielen Fällen ein zusätzliches Verkehrsmittel. Bei konsequenter Raumplanung deckt das Fahrrad einen hohen Wegeanteil ab.
    Für längere Strecken gibt es den ÖPNV in den vielfältigen Ausprägungen, für größere Lasten kann man Poolfahrzeuge mieten.
    Damit lässt sich der Energieeinsatz UND der Ressourcenverbtauch stark begrenzen.

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  5. Der Kern der Innovation des Fahrrades und Fahrrad Fahrens (quasi 'Markenkern') ist die ungeschlagen hohe Effizienz, die nicht mal von der belebten Natur evolutionär erreicht werden konnte. Minimaler Ressourcen- und Energieeinsatz bei immer weiter maximierter Umsetzung von Muskelkraft in Vortrieb.
    Die Verbesserung der Fahrbahnoberflächen wurde durch das Fahrrad vorangetrieben (auch wenn heute das Gegenteil praktiziert wird mit Holperwegen fürs Rad und glattem Asphalt für homo automobiliensis), die Luftbereifung hielt durch das Fahrrad Einzug, das neue Heer der Schreibtischarbeiter:innen erhielt ein gesundheitlich förderliches tägliches 'Fitmessstudio' (innovative Gesundheitsprävention), Menschen in Gebieten ohne Eisenbahn konnten die neue Bewegungsfreiheit mit erweiterten Erreichbarkeitsradien erleben, usw.
    Etliches wurde dann vom entstehenden Automobilismus übernommen, wobei aber ausgerechnet die entscheidende und aus heutiger Sicht zukunftsweisende Effizienz über Bord geworfen wurde.70kg Mensch mit >2Tonnen Stahl und Plastik unter Einsatz von giftiger Ölverbrennung zu transportieren ist das genaue Gegenteil von 'innovativ'. Es bedeutet einen maximalen Rückschritt hinein in eine maximal ineffiziente und für Umwelt/Mitwelt schädliche Sackgasse.
    Und was die Sicherheit angeht: Menschen, vor allem Kinder, sterben relativ selten beim Radfahren (im Gegenteil profitieren sie davon gesundheitlich und motorisch/geistig), wohl aber zu tausenden im Auto und durch das Auto, vor allem wenn auch noch Lärmtote und Abgastote mitgezählt werden. Kinder, die der Innovationskraft des Automobils ausgesetzt sind werden durch Lärm und Abgas dümmer (abgesenkter IQ) und kränker (Immunsytem/Allergien, Konzentrationspotential, Lungenfunktion, Herz/Kreislauf Funktion, etc.) ...
    Jährlich millionenfach Säugetiere tot zu fahren zeugt ebenso wenig von einer 'Innovationskraft' des Autoverkehrs, wie das Versiegeln und Kaputtasphaltieren ganzer Landstriche, es sei denn man teilt den heimlichen Grundkonsens der mutierten neuen Menschen-Gattung homo automobiliensis:
    Auch Destruktion sei Innovation.
    Alfons Krückmann

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