12. April 2023

Ein Rechenmodell für Radinfrastruktur

Die Radelstrecke auf einer autoreichen Straße ohne Radweg kommt einem bis zu sieben Mal so lang vor wie sie ist. Deshalb nehmen Radfahrende kleine Umwege in Kauf, wenn es dort Radwege gibt. 

Dies mit bedacht, wie viel Radwegbau muss dann sein, damit Radfahrende in einer Stadt sicher und schnell vorankommen? Diese Frage stellten sich in an der TU Dresden theoretische Physiker um Malte Schröder. Sie entwickelten einen Algorithmus, der Aspekte wie echte und gefühlte Sicherheit, das Radverkehrsaufkommen und die einer Stadt zur Verfügung stehenden Finanzmittel berücksichtigt, um ein virtuelles Radwegnetz zu planen. Zu Beginn ihrer virtuellen Radnetzplanung gingen sie von der idealen Fahrradstadt aus, die überall gute Radwege hat. Dann wurden aus diesem Netz die Radwege Stück für Stück wieder entfernt. Bei jedem Schritt ermittelt das Rechenmodell, welche anderen Routen die Radfahrenden dann nehmen würden.

Denn die gefühlte Entfernung ist entscheidend. Maßstab war eine möglichst kurze Entfernung zwischen Start und Ziel. Dabei nutzten sie vor allem die vom Radfahrenden gefühlte Entfernung. Denn eine Strecke, die stark von Autos befahren wird, fühlt sich für Radfahrende um eine Vielfaches - bis zum Faktor 7 - länger an als die reale Entfernung ist. Wohingegen die gefühlte Entfernung auf einer breiten Parkstrecke der realen entspricht. So fließt die gefühlte Sicherheit als wesentlicher Parameter in die Routenwahl mit ein. 

Den Algorithmus wendeten die Wissenschaftler auf Basis realer Bewegungsdaten von Radfahrenden (der Bike-Sharing-Räder) auf Dresden und Hamburg an. Das Ergebnis ist: Schon mit einer relativ geringen Anzahl an gut ausgebauten Radwegen kann eine Stadt eine hohe Fahrradtauglichkeit herstellen. In Dresden und Hamburg reichte eine gute Radinfrastruktur auf 40 Prozent, um eine sehr hohe Fahrradtauglichkeit zu schaffen, also einen schnellen und sicheren Radverkehr zu ermöglichen. 

Das Bild zeigt die Grundüberlegung: Die Routenwahl von Radfahrenden unterliegen verschiedenen Entscheidungsfaktoren. Sie nehmen dann die direkte Verbindung, wenn die autoverkehrsreiche Straße mit komfortablen Radstreifen oder Radwegen ausgestattet ist. Ist es die direkte Verbindung nicht, aber eine viel von Autos befahrende Straße mit kleinem Umweg (mittleres Bild), dann nehmen sie die. Sind beide Hauptstraßen nicht mit Radinfrastruktur ausgestattet, dann kurven sie durch die kleinen Nebenstraßen. 

Was in dem Rechenmodell noch nicht mit drin ist, sind wichtige Entscheidungsgrundlagen wie Steigungen, Bodenbelag, genug Platz und Ampelschaltungen in Abhängigkeit von der Art des Fahrrads (Rennrad, Cityrad, Pedelec). Die Arbeit der Stadtplaner:innen ersetzt es nicht, aber es mag helfen, um einen effizienten und kostengünstigen Ausbau des städtischen Verkehrsnetzes hinzukriegen. Und man braucht nicht jede Hauptstraße mit Radwegen zu versehen, wenn sich eine gute Radinfrastruktur leichter auf einer etwas umwegigeren Parallelstrecke herstellen lässt. Allerdings sind wir in Stuttgart von den 40 Prozent Straßen mit Radwegen noch weit entfernt, allemal, wenn man die elenden freigegebene Gehwege, die man nur mit Schrittgeschwindigkeit befahren dürfte, nicht mitzählt. 

Das Argument jedenfalls, das viele Autoabhängige bei uns in Stuttgart ziehen, nämlich "an der Hauptstraße will doch niemand radeln, die radeln lieber durch die Nebenstraßen oder durch den Wald", wird dadurch widerlegt: Wenn es einen guten und als sicher empfunden Radweg entlang der Hauptstraße gibt, dann fahren die Radler:innen auch die, denn sie stellt meistens den kürzesten Weg dar. Nur, solange es die nicht gibt, winkeln sie sich durch die Nebenstraßen

Auf den Artikel hat mich übrigens Blogleser Edgar aufmerksam gemacht. Vielen Dank dafür. 


15 Kommentare:

  1. So stark kann eine Straße gar nicht von Autos befahren sein, dass sie sich 7mal so lang anfühlt. Um derartige Umwege zu rechtfertigen, müsste die kurze Strecke schon eine extreme Steigung aufweisen, und gerade das ist ja in dem Modell noch gar nicht berücksichtigt.

    Hier mal ein paar meiner persönlichen Kriterien auf meinem Arbeitsweg:

    - 3km grober Schotter durch den Wald geht gar nicht. Dann lieber die landschaftlich nicht so schöne Strecke, die unter anderem auch entlang einer Bundesstraße ohne Radweg liegt.

    - Bei leichtem Gefälle aus 30 km/h auf unter Schrittgeschwindigkeit abbremsen um durch ein Drängelgitter zu kommen mache ich auch nicht, auch wenn der zumindest bei Trockenheit gut befahrbare Schotterweg nicht länger ist. Auch da bleibe ich auf der Fahrbahn ohne Radweg.

    - Die asphaltierte Strecke durch den Wald mit starkem Gefälle fahre ich auch nur ungern. Die ist oft feucht und etwas unübersichtlich. Man mus ständig bremsbereit sein und es besteht dabei die Gefahr, wegzurutschen. Die nehme ich nur Donnerstags, wenn auf der Alternativstrecke durch die Stadt mit Mülltonnen auf dem Radweg zu rechnen ist.

    Und wenn ich schon mal hier schreibe, lass mich noch kurz an deinen "als sicher empfundenen Radwegen" rumnörgeln. Natürlich nützt die sicherste Strecke nichts, wenn sie als unsicher empfunden wird. Da muss aber Aufklärungsarbeit geleistet werden statt Radwege zu fordern. Radwege einfach nur für das gute Gefühl zu fordern halte ich für Populismus.

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    1. Lieber Volker, danke für deine Schilderung. Ich beschäftige mich demnächst auch mit den Untergründen, die das Radeln verlangsam. Waldstrecken halte ich für keine gute Infrastruktur, solche mit Schranken und Umlaufsperren auch nicht. Die Sache mit der gefühlten Länge je nach Autos-Stress auf der Strecke würde ich aber dann doch nicht so schnell aufgeben. Sie ist nämlich eine Überlegung wert. Und leider ist es - wie Kopenhagen und die Niederlande zeigen - wohl doch so, dass der Radverkehr dann stark zunimmt, wenn man Rad- und Autoverkehr trennt. Du bist offenbar ein geübter und fuchtloser Radler, das Potenzial für mehr Radverkehr steckt aber in denen, die sich keinen Stellungskampft mit den Autofahrenden liefern wollen, den Kindern, Jugendlichen und den Alten, die auf Radwegen oder autofreien Radstraßen radeln, aber nicht im Mischverkehr mit den Autos. Ich persönlich bin ja ein Fan vorn Radfahrstreifen auf den Fahrbahnen.

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  2. Wahrscheinlich wird man keine zwei Radfahrer finden, die die gleichen Vorlieben und Vorstellungen von einem angenehmen Weg haben.
    Ich zum Beispiel fahre gern große schnelle Straßen mit über 30 km/h und bewege mich gefühlt wie ein Autofahrer, werde auch weitgehend respektiert.
    Meine Holde dagegen mags gemütlicher und nimmt oft die kleineren, winkeligeren Wege.

    Von Esslingen nach Stuttgart kann da locker ein Drittel des Wegs anders laufen, am Ende brauche ich 20 Minuten weniger, wenn ich allein fahre. Unterschiedliche Philosophien, andere Fortbewegung.
    Von meiner Warte brauchen wir gar keine Radwege, sondern durchgängig 30 km/h in der Stadt. Bei uns in Esslingen kommt das jetzt zunehmend, und es ermöglicht entspanntes Mitschwimmen im Autoverkehr. Und der Autoverkehr lernt, dass es etwas langsamer gehen kann und man trotzdem ans Ziel kommt.
    Ich weiß, dass man so die 50 % nicht aufs Rad bringt, die sich bisher nicht trauen. Aber faktisch wird es noch Jahrzehnte dauern, bis eine durchgängige Radinfrastruktur vorhanden ist, wenn sie in unsern engen Städten überhaupt kommt.
    30 km/h plus gemeinsame Bus-/Radspuren plus Fahrradstraßen wären meines Erachtens eine kostengünstige und viel schneller zu bauende Alternative.

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    1. 30 km/h überall fände ich auch sehr gut. Und ja, keine Verkehrsart hat so unterschiedliche Fahrer:innen wie der Radverkehr, was die Infrastruktur meistens nicht hergibt

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    2. Ich auch!
      (Telemaster)

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  3. Immer mehr neue Studien, jetzt die Entwicklung von (fraglichen, wie wird denn gefühlte Sicherheit abgebildet? ohne jetzt die Entwickler kritisieren zu wollen) Algorithmen, Wir haben doch kein Erkenntnisproblem sondern ein Umsetzungsproblem. Paris, eine willenstarke Bürgermeisterin und schwupps, 400 km Radwege. Nicht alle perfekt aber wenn man in Paris ist, ist man beeindruckt. Und in Stuttgart? Ein Stadtplanungsbürgermeister (der hoffentlich dieses Jahr nicht wieder gewählt wird) der öffentlich in 2019, 20 Frahrradstrassen noch in diesem Jahr verspricht und bis 2023 gerade mal 2 (oder sind es 3?) hinbekommen hat. Sichere Fahrradparkplätze in den Wohngebieten (ja wo sind denn die Fahrradgaragen?), mehr Abstellmöglichkeite am HBF, usw usw. So gut wie nichts von den Versprechungen umgesetzt. Ein Algorithmus mag eine Hlfe für die Radwegplanung sein, mehr aber auch nicht. Entscheidend ist der Wille der Stadtverwaltung die Beschlüsse des Gemeinderats auch umzusetzen und nicht zu verzögern. Aber auch ein Gemeinderat der darauf achtet, dass er nicht ausgetrickst wird und sich dafür einsetzt, dass seine Beschlüsse auch umgesetzt werden. Die StZ hat das schön beschrieben mit dem Schwanz (Verwaltung), der in Stuttgart mit dem Hund (Gemeinderat) wedelt. Noch mehr Studien und noch mehr Tools bringen keine zusätzliche Radinfra. Der Willen des Gemeinderats endlich den Widerstand gegen seine Beschlüsse aus der Verwaltung zu brechen, das bringt mehr Radinfa.

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    1. Tja die Bürgermeisterin von Paris wird wegen ihrer Willensstärke so gut wie sicher nicht wiedergewählt werden. (Man kann nur hoffen, dass der oder die rechte Nachfolger/in dort nicht wieder alles zurückbauen kann.)
      Wenn die Wiederwahl das Hauptziel der Politik ist, dann geht man eben den Weg des geringsten Widerstands.

      Meiner Meinung nach wird das Problem der Infrastruktur sich ja auf ganz andere Weise lösen, im Rahmen des allgemeinen Zusammenbruchs der Zivilisation aufgrund der nichtbekämpften Klimakatastrophe. Radeln wir, solange es noch geht.

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    2. Rainer, du täuscht dich, wenn du meinst, es läge an der Planung. Umsetzung ist Tiefbauamt, und Fahrradstraßen werden eigentlich vom Verkehrsamt angeordnet oder eben nicht. Stimmt aber schon, dass wir kein Problem damit haben, zu sagen, wir wollen mehr Radinfrstruktur. Wir haben ein Problem damit, dass jede Ausschussdiskussion zu Verkehrsthemen bei den Parkplätzen landet und der Frage, wie viele dafür verloren gehen dürfen oder nicht dürfen. Es ist noch überhaupt nicht in der Stadtgesellschaft und bei den politischen Vertreter:innen angekommen, dass wir wirklich das Autofahren unbequem machen müssen, damit das Radfahren bequemer wird und mehr Leute aufs Fahrrad steigen, statt ins Auto. In den Bezirksbeiräten scheitern gut Pläne regelmäßig an der Parkplatzfrage und der dadurch erzeugten Aufregung. In Birkach hat ein Bezirksbeirat für Tempo 60 auf dem Königsträßle gestimmt, völlig aus der Zeit gefallen, und die Verkehrsbehörde muss das umsetzen, es sein denn, die Prüfung, ob das Fahrradstraße werden kann, geht positiv aus. Unsere politische Unterstützung dafür - per Antrag - wird da keine große Auswirkungen haben. Allein deshalb, weil die Verhältnisse zwischen Stadtgesellschaft, Politik und Umsetzung komplizierter sind und sich nicht auf eine Person reduzieren lassen, bitte ich dich, dich mit Angriffen auf Personen zurückzuhalten. Ich finde, das ist ist nicht der Diskussionsstil, der zur ruhiger Abwägung vieler Aspekte führt.

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    3. Sorry, Anne Hidalgo ist in ihrer zweiten und letzten Amtszeit bis 2026. Mehr als 2 Amtszeiten gehen in Paris nicht.
      Kommt also drauf an, wie sich die NachfolgerInnen positionieren bezüglich der Infrastruktur. Spektakulär ist es allemal, was sich in Paris getan hat.

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    4. Wobei man wohl bedenken muss, dass in Deutschland Oberbürgermeister nicht regieren (sie sind eigentlich Verwaltungschefs) und nichts gegen die Gemeinderatsmehrheit machen können. Bei uns entscheiden immer die Gemeinderatsgremien. Dann aber müsste die Verwaltung schneller umsetzen, was der Gemeinderat beschlossen hat, und das klappt in Stuttgart nicht. Die Gründe dafür sind komplex.

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    5. "Es ist noch überhaupt nicht in der Stadtgesellschaft und bei den politischen Vertreter:innen angekommen, dass wir wirklich das Autofahren unbequem machen müssen"
      Christine, ich bezweifle, dass es in Stuttgart eine Mehrheit dafür gibt. Wenn es hart auf hart kommt, zieht die SPD doch eh den Schwanz ein.

      Wobei ich es eher für ein Beispiel für die schizophrene Denke heutzutage halte: Jeder ist für Umwelt- und Klimaschutz, wenn es nicht das eigene Auto vor der Tür betrifft. Jeder fährt gern Fahrrad, aber über den Elefanten im Raum "Für die Erreichung der Klimaziele muss die Hälfte der Autos weg" traut sich keiner zu reden, weder Politiker noch die Stadtgesellschaft. Also bleiben die Zweit- und Drittautos vor der Tür und verstopfen zudem die Stadt.

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    6. Es wäre an der Politik (Bundespolitik), solche Vorgaben zu schaffen, dass die Klimaziele erreicht werden können. Das ist aber im Verkehrssektor nicht der Fall, und des sieht auch nicht so aus, als würde sich das bald ändern.

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  4. Ich radle lieber 2 Minuten Umweg, als 1 Minute an einer Ampel herum zu stehen. Denn die Fahrzeit nützt mir, die Stehzeit ist Lebenszeitverschwendung. Das die Strecken 7-mal so lange vorkommen liegt auch daran, dass man stets durch den Autoverkehr ausgebremst wird, auf dessen Behinderungs-Tempo abgebremst wird und häufig ganz zum Stehen kommt.

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    1. Das geht mir auch so, ich radle lieber Umwege als ampelreiche Strecken. Ich glaube aber, dass einem autoverkehrsreiche Strecken länger vorkommen, liegt daran, dass man wegen des Stresses die Wahrnehmungsrate im Gehirn so verdichtet, dass einem die Zeit länger vorkommt, während entspannte Strecken nicht so viel Hirnaktivität auslösen und deshalb im Rückblick kurzweiliger erscheinen.

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  5. Ganz kleine Korrektur:
    Anstatt "wie viel Radwegbau muss dann sein, damit Radfahrende in einer Stadt sicher und schnell vorankommen?" müsste es aus meiner Sicht heißen: 'wie viel Radwegbau muss dann sein, damit Menschen öfter das Rad wählen, weil sie in einer Stadt sicher und schnell vorankommen?"

    Gesellschaftlich relevant wird es ja erst dann, wenn Menschen für Wege Fahrrad statt Auto wählen und nicht wenn der Deutungsrahmen unbeabsichtigt die kleine Gruppe der "ausschließlich Radfahrenden" benennt.

    Klar, das wissen wir alle, dass Leute gemeint sind die halt jetzt grad auf dem Fahrrad sitzen und sonst aber auch andere Verkehrsmittel nutzen.
    Genau da kommen die Kriterien für die Verkehrsmittelwahl eines geplanten Wegs wieder ins Spiel: Gewählt wird, was zeitsparend, planbar und sicher erscheint.
    Außer bei den ganz wenigen Menschen die ausschließlich auf ein Verkehrsmittel festgelegt sind..

    Fazit: aus meiner Sicht ist es zielführender von '"Menschen" zu schreiben "die das Rad wählen"
    Die Bezeichnung Radfahrer, Fussgänger und Autofahrer spaltet aus meiner Sicht die Menschen in rivalisierende "Monomobilsten".
    Eine Spaltung die es so glücklicherweise nicht gibt. Deshalb plädiere ich dafür dieses gemeinsame Interesse an einer zielführende Privilegienverschiebung auch sprachlich gerecht zu werden.

    Sorry für die Klugscheißerei.

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