3. März 2024

Uns überrascht das nicht

Offenbach hat ein "gewagtes" Experiment gestartet und auf einer Hauptverkehrsstraße zwei von vier Fahrspuren weggenommen und in Radspuren umgewandelt. Gewagt? Nein, nicht wirklich. Es ist nicht schlimmes passiert. 

Schon 2020 zeigte der Radentscheid Offenbach mit Pop-up-Radwegen auf dieser Waldstraße, dass Radfahren in Offenbach schöner sein kann (Foto: vorher und 2020). Ab Juli 2023 läuft der Verkehrsversuch mit Radfahrstreifen. Die Presse zeigte sich überrascht. O Wunder, der Stau blieb aus. Als Stau haben die Verkehrswissenschaftler:innen schon ausgemacht, wenn Autofahrende zwei Rotzyklen an einer Ampel warten müssen und nicht gleich beim ersten Grün rüber kommen. Autofahrende weichen auch nicht in Parallelstraßen aus. Diese Befürchtungen - Stau und Ausweich-Autoverkehr - hatte man im Vorfeld vorgebracht und bringt man auch in Stuttgart immer vor, wenn Autofahrbahnen zugunsten anderer Verkehrsarten verengt werden sollen. Diese Argumente waren und sind immer falsch.  

Uns überrascht das also nicht.

Aber es freut mich, dass die Presse zunehmend mit diesen Mythos aufräumt, eine Reduktion des Straßenraums für Autos führe zwangsläufig zu Stau. Schon lange ist bekannt, dass der Autoverkehr "verpufft", wenn man ihm Straßenteile wegnimmt. Darüber hat auch die Stuttgarter Zeitung kürzlich anlässlich des sogenannten Superblock in der Augustenstraße, der im April eingerichtet wird, die Verkehrswissenschaftlerin Ute Bauer befragt. Alle Verkehrswissenschaftler:innen wissen: Der Autoverkehr verpufft , wenn man Durchfahrten fürs Auto beschränkt, das heißt, er nimmt eben auch rund um die gesperrten Straßen oder Gebiete zwischen 15 und 28 Prozent ab. Leuchtendes Beispiel ist die Stadt Ponetevedra in Spanien, die schon 1999 das Stadtzentrum für Autos gesperrt und die Flächen für den Fuß- und Radverkehr um über 300 Prozent erhöht hat. Infolgedessen nahm der Autoverkehr in der gesamten Stadt um knapp 70 Prozent ab. 

Auch on Seoul hat man 2003 eine ähnliche frappierende Erfahrung gemacht. Man hat eine Stadtautobahnbrücke abgerissen und den Fluss darunter zum Boulevard umgestaltet. Entsetzen vorher, Angst vor Megastaus, die Erkenntnis nachher, jetzt fließt der Autoverkehr insgesamt besser. Der Autoverkehr in der Innenstadt von Seoul nahm in den folgenden vier Jahren um 21 Prozent ab. So macht man jetzt weiter. 

Umgekehrt verstärken mehr Straßen den Autoverkehr auf allen Straßen rund herum bis hin zu großen Staus. Das nennt man das Braess-Paradoxon. Und das hängt damit zusammen, dass in Autos denkende Menschen sitzen, die abwägen, wo das Autofahren für sie am bequemsten ist. Die neue Straße lockt so viele an, auch Leute, die sich erst jetzt entscheiden, das Auto zu mehmen, dass es dort bald Stau gibt. Viele fahren dann die alte Straße. Also sind bald beide Straßen proppevoll und zur Hauptverkehrszeit gibt es Stau. 
In Stuttgart hat man das schmerzlich erkennen müssen, nachdem in den siebziger Jahren der Planietunnel gebaut worden war. Was die Fahrzeit zischen Mitte und West verkürzen sollte, führte zu Stau auf den Zubringerstraßen. Erst als man  die Königstraße in eine Fußgängerzone umwandelte, wurde es besser. Die haben wir also einer Fehlplanung zu verdanken. Fangen wir also jetzt an, die andere Fehlplanung zu reduzieren, unsere Stadtautobahn, die B14, die bis zu zehn Autospuren hat, aber keine einzige für Fahrräder. 

Umgekehrt verringert sich der Autoverkehr, wenn Menschen das Gefühl haben, mit dem Auto komme ich da nicht mehr so einfach durch. Sie ändern dann ihr Moblitätsverhalten, gehen kurze Strecken zu Fuß, fahren Fahrrad, nehmen Busse und Bahnen. 

Der Bürgerrat Klima - der sich aus 61 zufällig ausgewählten Bürger:innen zusammensetzte - hat unter anderen Autoverkehrsberuhigungsmaßnahmen drei Superblocks pro Jahr für Stuttgart gefordert. Also Straßen für das Zusammensein von Menschen. Die Sehnsucht nach lebenswerten Straßen anstelle von reinen Autostraßen ist in unseren Städten groß. Und es ist gar nicht so schlimm, wenn man Fahrspuren umwidmet. Der Autoverkehr bricht nicht großflächig zusammen, sondern er wird insgesamt weniger. Das erleichtert es Menschen, Fahrrad zu fahren und zu Fuß zu gehen, ihre Kinder auch mal allein loszuschicken, die Nachbarschaften kennenzulernen und den sozialen Zusammenhalt zu kräftigen. 


3 Kommentare:

  1. Das ist wunderbar! Zu sehen, es geht! Hier bei uns im Stadtteil wurde letzte Woche eine ohnehin verkehrsberuhigte Straße für die Autofahrer gesperrt und gestern schon waren viele Kinder mit ihren Rollern dort am spielen! Unter den Autofahrenden gibt es einen großen Aufschrei, die anstehenden Kommunalwahlen haben auch das zum Thema. Ich hoffe, die zukunftsorientierten Stimmen können sich durchsetzen!

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  2. Kleine Nebenbemerkung:
    Der empirisch sehr gut gesicherte Effekt, dass höhere Straßenkapazitäten mehr Verkehr erzeugen, hat nichts direkt mit dem eher seltenen Spezialfall Braess-Paradoxon zu tun, sondern wird begrifflich als 'induzierter Verkehr' gefasst.
    Dabei wirkt eine durch die Maßnahmen verbesserte Reisezeit als 'pull-faktor' für mehr und ggf. weiter entfernten Verkehr, wodurch die Verkehrsmenge/Fahrleistung insgesamt ansteigt. Die zurückgelegten Entfernungen (innerhalb des konstanten Reisezeitbudgets) steigen bei der Realisation des induzierten Verkehrs also an. Es werden zudem weitere sekundäre Effekte generiert, wie etwa der zusätzliche Kauf von Autos oder Zersiedelungstendenzen.
    Auch der Bau separierter Radwege stellt übrigens, sofern er die Reisezeit des MIV verbessert, eine Ausprägung von zusätzlich induziertem Autoverkehr dar.
    Alfons Krückmann

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