Das geht aus einer Befragung hervor, deren Ergebnisse die Seite Zukunft Mobilität veröffentlicht und auf die mich Blogleser Werner aufmerksam gemacht hat.
Dabei schätzen Radfahrende und Autofahrende die Situation auf einer Straße ziemlich ähnlich ein. Was uns Radfahrenden unsicher erscheint, erscheint auch Autofahrenden unsicher für uns. Sowohl Radfahrende als auch Autofahrende finden geschützte Radstreifen oder Radwege auf Gehwegniveau sicherer. Nur die Dooringgefahr entlang von Autoabstellstreifen halten Autofahrende für deutlich geringer als Radfahrende (das heißt, sie sind sich dessen kaum bewusst). Daraus folgt auch, dass Menschen, die ihre Alltagswege derzeit noch in Autos zurücklegen, nur dann davon überzeugt werden können, das Fahrrad zu nehmen, wenn sie dort, wo sie gerade fahren, eine sichere Radinfrastruktur sehen und das Gefühl haben, da könnten auch sie stressfrei radeln. Das Potenzial derer, die im Alltag Rad fahren würden, wenn sie keine Angst vor dem Autoverkehr hätten, ist ziemlich groß. 2017 wurde es in einer Studie mit 60 Prozent beziffert. Aber auch, wenn es nur 40 Prozent wären und 20 Prozent auch wirklich machten, wäre das enorm viel. Dafür muss es aber einladende Radverkehrsanlagen auf unseren Straßen geben, die alle als sicher empfinden.
Der Mischverkehr mit Autos wird durchweg negativ bewertet.
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| Rotebühlstraße, Fahrbahn: unsicher |
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| Stresemannstraße, eher unsicher |
Wirklich gute Werte wurden nur in Fahrradstraßen ohne Autoverkehr erzielt. 93 Prozent werten eine Fahrradstraße ohne Autoverkehr als sicher (aber wirklich ohne Autoverkehr, nicht so wie bei uns in der Eberhardstraße). Ist in einer deutlich optisch markierten Fahrradstraße der Anliegerverkehr zu Parkplätzen noch erlaubt, der Durchgangsverkehr jedoch wirklich unterbunden, dann finden das auch noch 70 Prozent sicher und nur 3 Prozent unsicher.
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| Möhringer Landstraße, Vaihingen (eher unsicher) |
Tempo 30 ist keine Radinfrastruktur. Stuttgart, das 70 Prozent der Straßen als Tempo-30-Straßen ausgewiesen hat, muss sich klar machen, dass das keine Radinfrastruktur ist. Denn der Mischverkehr in engen, beidseitig zugeparkten Straßen mit Rechts vor Links wird keineswegs von einer Mehrheit als sicher empfunden. Fahrradstraßen mit Autoverkehr werden zwar mehr beradelt, aber dabei immer noch von der Hälfte der Befragten als nicht sicher empfunden. Routinierte Radler:innen mögen Nebenstraßen als immer noch besser als Hauptstraßen und deshalb als akzeptabel, halbwegs sicher und überschaubar empfinden, aber ihre Kinder lassen sie dort trotzdem nicht alleine radeln. Und alle Vielradler:innen können von Schreckmomenten und beinahe-Zusammenstößen im Tempo-30-Netz erzählen: von einer Autofahrerin, die mir die Vorfahrt nimmt, einem entgegenkommenden Autofahrer, der in einer beidseitig zugeparkten Straße nicht bremst und beinahe meinen Ellbogen touchier oder von einem, der mit dem Auto beim Einbiegen die Kurve so schneidet, dass er mich fast auf den Kühler geladen hätte. Sehen konnte ich ihn nicht, weil die Ecken zugeparkt waren. Und sie (übrigens vermehrt Frauen) erzählen außerdem, dass uns Autofahrer, die wegen uns bremsen mussten, anbrüllen, Schläge androhen, aussteigen, uns hinterherlaufen oder sogar zuschlagen. (Konfliktsituationen im Begegnungsverkehr oder an Kreuzungen hat die Studie ebenfalls nicht abgefragt.)
Kurzum: Den Radverkehr steigert eine Stadt nur dann nennenswert, wenn sie Radstreifen und Radwege anlegt, die als sicher empfunden werden, weil sie den Autoverkehr wirkungsvoll auf Distanz zum Radverkehr halten. Wenn der Radweg immer wieder aufhört, funktioniert das nicht. Das alles tangiert uns routinierte Radfahrende weniger (denn wir radeln ja schon, trotz aller Mängel), aber es betrifft all diejenigen, die Rad fahren würden, wenn sie nicht das Gefühl hätten, es sei auf unseren Straßen lebensgefährlich. Und genau die müsste eine Stadt zu gewinnen trachten, wenn sie den Radverkehr steigern und den Autoverkehr verringern will, ohne drastische Verbote auszusprechen. Wer Autostraßen ausbaut, bekommt Autoverkehr, wer aber Radwege baut, bekommt Radverkehr.
Nachtrag: Übrigens auch lesenswert die Analyse des NDR über Radwege in Hamburg aber auch ganz Deutschland.




Eine interessante Studie! Auch die grafische Aufbereitung finde ich gelungen. Allerdings fehlt mir eine Analyse, warum Radfahrende den Mischverkehr als gefährlich einstufen; der Begriff StVO taucht in dem Artikel leider nicht auf. Die Gefahren, welche von den Gefährderinnen und Gefährdern ausgehen, werden als unabänderlich bzw. gottgegeben hingenommen. So wird das Radfahren auf separierten Wegen zwar subjektiv sicherer, aber an den Kreuzungspunkten mit dem MIV objektiv gefährlicher. So wird's jedenfalls nix mit einer Verkehrswende.
AntwortenLöschenObwohl ich privat viel mit dem Rad fahre, ist mir trotzdem immer mulmig. Was bei den Verkehrsspezialisten nicht ankommt, sind die ganzen "ist doch nichts passiert"-Momente. Es ist doch etwas passiert, man ist geradeso an einem Unfall vorbeigekommen. Meist weil sich jemand nicht den Verkehrsregeln gemäß verhalten hat, und nicht sorgfältig war. Ich fahre immer auf 150%-Aufmerksamkeit, sonst wäre ich jetzt wohl schon tot. Die Anzahl der gerade noch, durch Vorahnungen und extremer Aufmerksamkeit, vermiedenen Kollisionen (egal ob Rad oder Auto) lässt sich nicht mehr aufzählen. Wenn so etwas einem ungeübten Radfahrer passiert, dann stellt er das Rad in die Ecke und sagt, Radfahren ist mir zu unsicher. Das Problem liegt an der um sich greifenenden Unaufmerksamkeit, der fehlenden Regelkenntnis und der extrem nachlassenden Regeltreue, selbst bei eindeutiger Beschilderung, der Mitverkehrsteilnehmenden. Man könnte auch sagen, des um sich greifenden -ICH!!!!-.
AntwortenLöschenSmartphonenutzung, Posergehabe und fehlendes fahrerisches Können tun dann zusätzlich ihren Teil dazu.
Es braucht mehr von der berühmten gegenseitigen Rücksichtnahme. Das ist aber ein gesellschaftliches Problem.
Karin
Mischverkehr Auto-Rad wird es in Wohnvierteln natürlich immer geben. Hier kann man gefühlte und echte Sicherheit eigentlich nur durch zwei Maßnahmen deutlich verbessern: weniger (parkende) Autos und langsameres Tempo für fahrende Autos. Warum nicht in allen Nebenstraßen dem Fuß- und Radverkehr Vorrang geben? Michael
AntwortenLöschenFußverkehr bitte keinen Vorrang, denn Fußgänger sind oft Spaziergänger die sich der Veranatowortung nicht bewußt sind. Man sieht selbt an Zebrastreifen einige die dort stehen um sich zu unterhalten und dann nach Minuten plötzlich doch queren wollen.
LöschenAbgesehen davon, dass ich von Vorragn für bestimmte Fahrzeugkatherogieen gar nichts halte, denn dann muss diskutiert werden ob das auch bei unübesichtlichen Grundstücksausfahrten und ähnlichem gillt, wo die bauliche Gestaltung nicht dafür geeignet ist.
ABER: in Wohngebieten nur noch "Blaue Zonen" das sind bei uns bereiche in denen nur auf ausgewiesenen Stellplätzen geparkt werden darf, sonst gilt Halteverbot. Die 5 (8m) Regeln taugt nicht um Sichtbehinderungen bei Knotenpunkten zu vermeiden und wenn aus 5m 2 werden hat noch niemals einer einen Strafzettel bekommen, es sei denn die Müllabfuhr kommt nicht mehr um die Ecke.
Liebe Christine,
AntwortenLöschendie 3,5 m Breite für einen Radfahrstreifen werden wir wohl nicht finden. Es gibt recht konkrete Vorgaben zu Mindestbreiten zur Radinfrastruktur, die leider so gut wie immer nur als komplett unverbindlicher Vorschlag angesehen werden. Beim Bild oben am Killesberg parkt kein einziges Auto innerhalb des Parkfeldes, d.h. die Türen und der aussteigende Fahrer blockieren komplett den Radiestreifen. Die wilde Straßenbemalung verhindert es für die Radies, auf die Straße auszuweichen, für mich mehr Stress, als wenn ich auf der Straßen fahren dürfte ohne Radstreifen.
Wir haben in Stuttgart sogar benutzungspflichtige Radwege mit Gegenverkehr, die nur 1 m breit sind, und da bin ich objektiv (!!) auf der Straße 1000 mal sicherer als auf der "Radinfrastruktur".
Das andere Thema sind die Abgrenzungen: eigentlich ist es "bei Todesstrafe" verboten, einen durchgezogenen Strich zu überfahren, aber bei den Radstreifen muss das ja ständig passieren, so um das KFZ zu parken. Das bedeutet auch, dass z.B. bei Radgegenverkehr das Überfahren des durchgezogenen Strichs objektiv und subjektiv die Radies massiv gefährdet, aber die KFZ gar nicht mitfühlen, was sie gerade gemacht haben, weil sie ja ständig die durchgezogenen Striche überfahren dürfen/müssen.
Lieber Henry, die Frage, wo sich Radfahrende sicher oder unsicher fühlen, hat, wie wir ja wissen, nicht unbedingt etwas mit objektiver Sicherheit zu tun. Beispielsweise sind ja Radwege hochgefährlich, über die Autos (und Lkw) abbiegen können. Ich fühle mich auf den Radwegen entlang der Heilbronner Straße extrem unsicher und gucke mich jedes Mal angestrengt um, um herauszufinden, ob der Autofahrer vorhat, in die Straße einzubiegen, über die ich fahren muss. Den Radstreifen am Killesberg fand ich nie so stressig, auch wenn er breiter sein könnte. Die Fahrbahn für Autos links daneben ist ja sehr breit, keiner muss eng an mir vorbei fahren. Ich bin ohnehin ein Fan von Radfahrstreifen. Männer, die lieber auf Fahrbahnen radeln, werden nie verstehen, warum sich so viele Menschen da extrem unsicher und gefährdet fühlen. Mit der Vorgabe Mischverkehrsradeln kriegt man Leute nicht aufs Fahrrad, die auch gut Rad statt Auto fahren könnten. Das klappt einfach nicht. Also muss man, wenn man den Radverkehr steigern will, Radinfrastruktur anbieten, die sich sicher anfühlt. Um so eher, je rüder Autofahrende mit Radfahrenden umgehen.
LöschenAK könnte seinen Kommentar unter dem letzten Post einfach hierher kopieren...
AntwortenLöschenLiebe Christine,
AntwortenLöschenich fühle mich auf richtiger Radinfrastruktur auch viel sicherer als beim Gemischtradeln, ABER es muss eine Infrastruktur sein. Bei vielen Raddingen wird eine Sicherheit vorgegaukelt und die KFZ sehen die angeblich vorhandene Radinfrastruktur als Berechtigung zur Selbstjustiz, wenn die Radies auf die Straße ausweichen (mit dem oben gut beschriebenen Programm von blanker Gewalt). Gleichzeitig ist es selbstverständlich, dass die KFZ ohne Not auf der Radinfrastruktur fahren (Gegenrichtungsradweg in der Liststraße als Beispiel) und dort die Radies anfahren. Besonders "witzig" wird es, wenn die Stadt Klemmfixe ablehnt mit der Begründung, das würde den motorisierten Verkehr behindern. Wenn eine Markierung einen nicht fahrbaren Weg angibt, dann ist wohl die Markierung falsch (auch wenn das Zulasten der Länge der ausgewiesen Radwege geht). Die Verwendung eines dicken weißen Striches als absolute Trennung (=absolutes Überholverbot) und gleichzeitig als "Dekomarkierung" bei Radstreifen, die beliebig überfahren werden darf, ist für die meisten KFZ nicht verständlich (siehe auch den Schwabtunnel).
Deshalb hat die Studie ja auch festgestellt, dass ich Radfahrende mehrheitlich sicher nur auf Radfahrstreifen mit physischer Abgrenzung zur Fahrbahn der Autos sicher fühlen. Und wir brauchen gar nicht groß darüber zu reden, dass es in Stuttgart kaum irgendwo eine Radinfrastruktur gibt, auf der sich vor allem ungeübtere Radler:innen nicht unsicher fühlen.
LöschenWas diese 'Studie' bzw. Fotoumfrage eines privatwirtschaftlichen 'Startups' allerdings komplett verschweigt:
AntwortenLöschenDas Kriterium 'Sicherheit' und/oder 'subjektive Sicherheit' spielt bei der Verkehrsmittelwahl entgegen vieler Kampagnen zur autogerechten Radverkehrsförderung keinesfalls(!) die Hauptrolle.
Stattdessen dominieren klar Reisezeit, Komfort, Transportfähigkeit, etc.
Die Fokussierung auf 'subjektive Sicherheit' führt in der Praxis dann in der Regel zu einer Verschlechterung ausgerechnet der tatsächlich zentralen Punkte der Verkehrsmittelwahl-Entscheidung bei gleichzeitiger Verbesserung der Bedingungen für den MIV (Reisezeit). Ein shift genau in die verkehrte Richtung.
Aus ökologischer bzw. Klimaschutz-Perspektive wäre doch zu fragen, ob das noch zeitgemäß ist.
Die Länder/Regionen, die auf Separationsmethode mit Erhöhung einer 'subjektiven Sicherheit' setzen, haben denn auch allesamt deutliche Steigerungen beim Autoverkehr zu verbuchen.
Nicht im Kurzstrecken-Binnenverkehr, sondern im besonders fatalen Mittel- und Langstrecken Autoverkehr, sowie übrigens auch bei der Autodichte.
Aber ich will hier nicht die länglichen Kommentare, die ich unter dem letzten Artikel vom 24.11. gesetzt hatte wiederholen.
-> https://dasfahrradblog.blogspot.com/2025/11/hauptradroute-2-mit-kompromissmangeln.html#comment-form
Zwei kurze Bemerkungen noch:
Das Fazit von
"Wer Autostraßen ausbaut, bekommt Autoverkehr, wer aber Radwege baut, bekommt Radverkehr. "
klingt griffig, ist aber so in der Realität nicht haltbar und müsste wie folgt formuliert werden:
"Wer Autostraßen ausbaut, bekommt Autoverkehr, wer den Radverkehr von den Fahrbahnen wegsepariert, bekommt neben u.U. höherem 'Radverkehrsanteil' einen zusätzlich induzierten Autoverkehr auf den längeren Distanzen und wandelt das bislang allgemeine Fahrbahnnetz sukzessive um in ein reines Autonetz."
Ja o.k. klingt nicht mehr 'griffig'.
Ein weiterer Effekt wird in solchen 'Studien' aus dem StartUp Umfeld der Radentscheidbewegung gern mal übersehen:
Die Autobahnisierung des Straßennetzes nebst Verlagerung der Kurzstrecken auf flächensparsame Nebenwegelchen stabilisiert langfristig die weiteren Steigerungsraten beim MIV und Straßengüterverkehr gerade für den Fall eines steigenden Radverkehrs.
Es gilt nämlich in der Praxis auch folgender Satz:
Sobald der Radverkehr auf ein Niveau ansteigt, das den Autoverkehr zu behindern droht (push-Faktor), werden separate Radwege gebaut um die 'Leistungsfähigkeit' des MIV hoch zu halten.
Aus Klima- und Umweltperspektive allerdings ist das Gegenteil vonnöten:
der motorisierte Straßenverkehr muss eingedämmt werden, statt stetig weiter mit Autobahnen, Umgehungsstraßen, systematischer Verdrängung des Radverkehrs von den Fahrbahnen zusätzlich attraktiviert zu werden.
Ich möchte die Teilrelevanz subjektiver Sicherheit gar nicht kleinreden, aber die autogerechte maximale Überbetonung dieses ferner-liefen-Kriteriums verzerrt das Gesamtbild der Folgewirkungen von Infrastruktur bis zur Unkenntlichkeit. Wenn nicht das Gesamt von Infrastruktur-Folgewirkungen in den Blick genommen wird, landen wir allzuleicht bei J.W.v.Goethes 'Zauberlehrling' Problematik.
Alfons Krückmann
Ich glaube, die vergisst, dass eine anständige Radinfrastruktur, die den Radverkehr vom Autoverkehr trennt tatsächlich dazu führen muss, dass der Platz für Autofahrende verringert wird, weil man die Radwege und Radfahrstreifen ja nur dorthin tun kann, wo man fahren kann und wo derzeit hauptsächlich der Autoverkehr fährt. Würde man die Hauptverkehrsstraßen, die alle mehrspurig ausgebaut sind, auf jeweils eine Richtungsfahrspur für den Autoverkehr beschränken, gäbe es zunächst ziemlich viel Stau und Autochaos. Und das wird dann etlichen zu blöd und sie fahren Fahrrad auf den dann ja gut ausgebauten Radstrecken. Das traut sich die Politik halt nicht. Niemand, auch ich nicht, plädiert dafür, in Parks Radstrecken anzulegen. Ich plädiere immer dafür, auf allen wichtigen Straßen einen Radfahrnstreifen (geschützt) anzulegen, egal, ob sich dann zunächst der Autoverkehr über die nächste Kreuzung staut und Chaos ausbricht. Diese Separation des Radverkehrs bedeutet nämlich immer, dass der Radverkehr mehr Flächen zugesprochen bekommt, die nicht vom Gehwegen, sondern von Autofahrbahnen abgehen.
LöschenJa, wenn das denn mal so gemacht wird (siehe Kölner Initiative 'Ring frei'), dann ist das natürlich ein Push-Faktor und wirkt auch dementsprechend dämpfend auf den MIV. Mehr davon.
LöschenIch wage aber mal die Behauptung dass das eine sehr seltene Ausnahme ist.
In der Regel ist das Gegenteil der Fall, auch was die Rückstaus angeht.
Mischverkehr oder auch bloße Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht führt an größeren LSA Knotenpunkten meist zu einer Verringerung der MIV-Leistungsfähigkeit, was ja auch oft ein (meist heimlicher) Grund ist für die Vehemenz mit der eine Aufhebung der Fahrbahnverbote verweigert wird.
Gerade auch die großen bewunderten Leuchttürme der Radverkehrsseparation wie der 'Hovenring' sind explizite Auto-Förderungsprojekte, die aber vom NL-Radwegemarketing geschickt als 'Radverkehrsförderung' umetikettiert werden konnten.
Was auch hierzulande in der Praxis zu knapp 100% der Fälle zu beobachten ist:
Vor der Entscheidung zur Umwidmung einer 'Autospur' wird erstmal gefiltert, ob der MIV dadurch Kapazitätsprobleme einfängt oder MIV-Reisezeitverluste zu befürchten sind.
Falls ja: ist das gestorben.
Falls nein: wird u.U. eine Radspur angelegt und als 'Radverkehrsförderung' vermarktet, wobei nicht selten die Möglichkeit des schnellen direkten Linksabbiegens für den Radverkehr entfällt.
Sollten dabei 'Fehler' passiert sein und doch ein verstärkter MIV-Stau auftreten wird die Umwidmung dann ggf. rückgängig gemacht oder der Verkehrsversuch abgebrochen / negativ evaluiert.
Die Bereitschaft die neuen Möglichkeiten der 'E-Klima' (FGSV, 2022) zu nutzen, also in Richtung sinkenden MIVs zu arbeiten, ist halt noch sehr gering ausgeprägt.
Was auch beachtet werden sollte:
Flächenwegnahme bedeutet nicht automatisch Kapazitätsreduktion. Das kann der Fall sein, ist es aber oft nicht, da die Stauwirkungen / Rückstaueffekte durch Querverkehre (Knotenpunkte) zustande kommen. Da kann ggf. eine Verringerung einer Längsverkehrsfläche sogar die Rückstaus in der rush-hour verringern.
Den Verkehrsplaner:innen für die Anwendung des 'Autogerechtigkeits-Siebes' pauschal Vorwürfe zu machen ist ein wenig unfair, da ja zB die Radentscheide und der Bundes ADFC selbst die Losung ausgegeben haben, dass die Separation auch dem Autoverkehr nutzt.
Tja, geliefert wie bestellt?!
Ich habe im Übrigen auch nichts Generelles gegen Radwegebau und autofreie Radfahrmöglichkeiten. Das kann als Zusatzangebot ohne Fahrbahnverbot ja durchaus Sinn machen. In Zeiten stetig steigender Heterogenität des Radverkehrs bei Radtypen und Fahrer:innen-typen kann das im Sinne einer dualen Infrastruktur einen positiven Beitrag leisten.
Kommt halt immer auf Kontext / Folgewirkungen an.
Alfons Krückmann
Kleine Ergänzung zur verlinkten "lesenswerten" "Analyse" des seit Jahrzehnten Pro-Auto agitierenden NDR aus dem VW-Bundesland:
AntwortenLöschenNach der 'Pflicht', in der der Anteil an (Fahrbahnverboten durch) Radwegebau zum Gradmesser von Verkehrswende hergenommen wird, kommt die "Kür", in der dann Klartext präsentiert wird:
"In Niedersachsen und Schleswig-Holstein kann man immerhin an gut der Hälfte der überregionalen Straßen mit dem Rad fahren."
Wir haben uns also zu merken:
auf allen Straßen ohne Radweg kann man nicht mit dem Rad fahren.
Immerhin führt das ehrlich vor Augen worum es in Wirklichkeit längst geht:
die vollständige Autobahnisierung des gesamten überregional relevanten Straßennetzes.
Dass an keiner einzigen Stelle, wie es ja zwingend geboten wäre, die Entwicklung des MIV und Straßengüterverkehrs als Kriterium für Erfolg oder Misserfolg von 'Verkehrswende' hergenommen wird, sondern die 'Radwegekilometer' verbindet den VW-NDR interessanterweise mit großen Teilen der 'Radverkehrslobby'.
Die vollkommene Absurdität dieses falschen Messwertes fällt kaum noch jemandem überhaupt auf, ist es doch seit den 'Radentscheiden' allgemein üblich geworden.
Wenn das so weitergeht messen wir wohl demnächst die Raumtemperatur in Ampere.
Alfons Krückmann
Damit bei aller Kritik das Konstruktive nicht zu kurz kommt mal ein Verweis auf ein Projekt bei euch da 'im Süden':
AntwortenLöschenhttps://bw-im.de/mm1/
Sicherlich noch nicht perfekt, bei sowas liegen die Tücken immer im Detail, aber wenigstens schon mal in eine akzeptable bzw. relevante Richtung gedacht, von der aus Infrastruturfragen sinnvoll beurteilbar sind.
Sowas schafft auch eine Kontextualisierung für kleinräumigere Betrachtungen/Wertungen bis hinunter zu konkreten Straßenzügen und deren ggf. vorhandenen 'Radverkehrsanlagen'.
Reisezeit, Komfort und vor allem auch 24/7/365 Tauglichkeit sind die entscheidenden Kriterien.
Und nein, wer das zugrunde legt schickt nicht, wie es gern mal behauptet wird 'die 11-jährige Laura zwischen die LKW'.
Alfons Krückmann
Ich habe mal einen interessanten Vortrag zum Thema Mobilitätsverhalten (von Geschlechtern) gehört. Da kam raus, dass Männer sich eher "sternförmig" bewegen, während Frauen sich eher "vernetzt" bewegen. Bsp. Männer: von zu Hause zur Arbeit und wieder zurück. Frauen von zu Hause, die Kinder in die Schule bringen, weiter zur Arbeit, die Kinder wieder abholen und zum Sport bringen, zwischenzeitlich Einkaufen, und dann nach Hause. So ein Pensum muss man mobilitätsmäßig erst mal leisten können. Und Ihr wisst alle, wo man wohnt, wo man arbeitet, wo die Schule ist, wo der Supermarkt ist und wohin die Kinder zum Sport gehen, das ist in der Regel nicht in einem Umkreis von 5 Gehminuten. Es wird immer eine gewisse Form von individueller Mobilität geben. Man sollte sich aber immer dabei überlegen, was man auch ohne KFZ zurücklegen könnte. Auch wenn man dazu die eigene Komfortzone mal verlassen muss. Ist übrigens gar nicht so schwer. Es fehlt mir allerdings bei meinen Mitverkehrsteilnehmern zunehmend an Rücksichtnahme (egal welcher Verkehrsart).
AntwortenLöschenKarin
Die Stadt der kurzen Wege ist evtl. ein Ausweg, wenn die Menschen wieder bereit sind z.B. mehr zu Fuß zu gehen UND dafür auch die Möglichkeiten bestehen (Arbeitsplatz am Wohnort). Der Weg dahin ist jedoch weit (Wortspiel nicht beabsichtigt). Es ist auch eine Mentalitäts- und Erziehungsfrage. Warum fahren Eltern ihr Kinder in die Schule, zum Sportverein oder zum Musikunterricht? Das konnten wir früher alleine. Jedes noch so kleine Risiko wird versucht zu vermeiden, aber alles soll möglich sein. Kinder mit 3 Jahren Fahrradfahren können, mit einem Jahr in den Schwimmkurs, mit 2 anfangen englische Wörter zu lernen usw. Das erzeugt auch Mobilitätsstress.
LöschenNur mal so als Anmerkung zur Mobilität, die wir leben und anscheinend unbefingt benötigen.
Die Stadt der kurzen Wege ist eigentlich noch schwieriger herzustellen, als Radstreifen und Radwege anzulegen. Wie sollen den die Schulen in die Wohngebiete oder die Wohngebiete zu den Industrieanlagen kommen? Das Fahrrad gibt Kindern und Jugendlichen unglaublich viel Autonomie, die sie auch ausleben könnten, wenn es sichere Radinfrastrukturen gäbe.
Löschen'Stadt der kurzen Wege' ist ja nicht zwingend auf Fußverkehr beschränkt, sondern kann auch den Dreiklang des Umweltverbundes für den 15min. Erreichbarkeitsradius zu Grunde legen.
LöschenDass es "noch schwieriger herzustellen" ist als einfach nur Radwege zu bauen stimmt. Radwegebau geht auch mit beibehaltener Dominanz des Autoverkehrs.
Grundlegende Veränderungen, wie sie für eine 'Verkehrswende' notwendig sind braucht mehr.
Gestern gab's nen dazu passenden TAZ-Artikel zu einem Ansatz in Frankreich.
Keine Ahnung ob das was wird, aber was das Ausmaß der notwendigen Veränderungen angeht sind das realistische Größenordnungen:
"19 Prozent des lokalen Straßennetzes würden dem Autoverkehr entzogen und für Radfahrer und Fußgänger reserviert, 1 Prozent ist für Busse und Reisebusse, 23 Prozent blieben für Autos zugänglich, wobei jedoch dem öffentlichen Nahverkehr systematisch Vorrang eingeräumt wird. Und da das neue System nur durch die Ablösung des derzeitigen Systems realisiert werden kann, müssen Maßnahmen zur Einschränkung des Autoverkehrs ergriffen werden – zum Beispiel Fahrverbote, Sperrungen von Fahrspuren oder Geschwindigkeitsbegrenzungen."
Aus:
https://taz.de/Stadtforscher-Es-ist-unrealistisch-am-Autosystem-festzuhalten/!6128404/
Alfons Krückmann