10. Januar 2019

Der grüne Pfeil für Radler kommt

Stuttgart nimmt am Pilotversuch teil und installiert grüne Pfeile für Radfahrende an zwei Stellen. Und zwar im Westen und in Mühlhausen. 

Wie die Stuttgarter Zeitung berichtet wird der Pfeil, der Radlern das Rechtsabbiegen erlaubt, auch wenn die Autoampel rot zeigt, an der Kreuzung Rosenbergplatz aufgehängt. Und in Mühlhausen wird man von der Mönchfeldstraße nach rechts in die für Radler freigegebene Einbahnstraße Veitstraße abbiegen dürfen.

Die Regel lautet: Radfahrende fahren an die rote Ampel vor, halten an, schauen und dürfen dann nach rechts abbiegen, obgleich die Autos noch Rot haben, wenn alles frei ist und sie dabei keine Fußgänger/innen gefährden oder stressen. Dieses vorher Anhalten ist sicher etwas, was die meisten Radler in ein langsam Fahren und dann wieder Antreten umdeuten werden. Aber erlaubt ist es nicht.

Den Fußgängerverkehr tangiert das kaum.

Acht weitere Städte beteiligen sich an diesem Pilotversuch. Im kommenden Jahr will das Bundesverkehrsministerium dann entscheiden, ob die Regelung in die Straßenverkehrsordnung übernommen wird. Im Grunde ist es völlig unproblematisch, wenn ein Radler rechts abbiegt, egal, was die Autoampel zeigt. Denn Radspuren führen rechts an den Fahrzeugen entlang, Radler fahren rechts von Autos. Sie kreuzen beim Abbiegen keinen Autoverkehr, nur den Fußgängerverkehr, der aber meist genau dann auch Rot hat, wenn die Autos auf der Straße parallel zum Fußgängerüberweg Rot haben, weil dann ja der Querverkehr Grün hat. Fußgängerverbände äußern sich oft gegen diesen grünen Pfeil, weil sie um die Sicherheit der Zufußgehenden fürchten. Aber sie werden nach meiner Einschätzung auf Gehwegen und an Bushaltestellen mehr belästigt, wenn die Stadt so einen Gehweg für Radler freigegeben hat, oder wenn Radrouten durch Haltestellen führen. Da Fußgänger meist mit dem parallelen Autoverkehr Grün bekommen, droht ihnen vorn abbiegenden Autos auch deutlich mehr Gefahr als von Radfahrenden, die ja mit grünem Pfeil genau dann abbiegen, wenn die Fußgänger selbst noch Rot haben.

Radfahrende haben weniger Startstress an Ampeln.

Für Radfahrende hat das den Vorteil, dass sie schon weg sind, wenn die Autos auf seiner Spur Grün bekommen. Das mindert das Gerangel beim Start, wenn Autofahrende beim Rechtsabbiegen den Radler unbedingt sofort überholen wollen, damit sie nicht hinter ihm hängen, mal abgesehen von einem Kurvenschneiden, den Radfahrenden abdrängen.

Grüner Pfeil, Mühlhausen, StuttgartMaps
Dan der Kreuzung in Mühlhausen, wo Radler in eine Einbahnstraße abbiegen, in die Autos nicht einfahren dürfen (gegen die Fahrtrichtung), spielt das allerdings gar keine Rolle. Hier ist so ein grüner Pfeil eigentlich längst überfällig. Radler werden auf eine Radspur geleitet, die dann an geparkten Autos endet.

Bei der Kreuzung Rosenbergplatz ist das schon komplizierter. Hier gibt es keine Radfahrstreifen oder Schutzstreifen für Radler. Das heißt, man biegt in eine Fahrbahn ein, auf der die Autos sich ihre Fahrspur suchen. Es wird also nötig sein, darauf zu achten, wo das Auto fährt, das von links kommt, wenn man rechts abbiegt. Eine interessante Situation, die in der Tat getestet werden muss. (Wo genau der grüne Pfeil hinkommt, ob einer oder mehrere, kläre ich noch.)
StuttgartMaps

In Frankreich gibt es diesen Pfeil (da ist er gelb) seit 2012.

Dort wollte man den Radverkehr vereinfachen und das Radfahren fördern, indem man Radler nicht an jeder Ampel so lange warten lässt, wie Autos ihrer größeren Breite wegen warten müssen. Seit 2016 gibt es auch in Ulm zwei Grüne Pfeile für Radfahrende. Außerdem gibt es seit 2011 an einer Straße eine dauergrüne Radlerampel.

Kritiker befürchten, dass Radler verleitet werden, an allen Ampeln so abzubiegen, egal ob erlaubt oder nicht. Allerdings ist auch allen klar, dass ein bestimmter Prozentsatz von Radfahrenden rote Ampeln in solchen Situationen (beim Rechtsabbiegen) auch jetzt schon missachtet, obgleich es verboten ist. Verbotene Rotlichtfahrten von Radfahrenden sind übrigens nur für 3 Prozent Fahrradunfälle  verantwortlich. Und es sind auch nicht nur die Radfahrenden, die mal eine rote Ampel missachten, sondern sehr viel häufiger die Autofahrenden. Fußgängern droht vom Autoverkehr eine viel größere Gefahr als vom Radverkehr.

Ich habe übrigens den Grünen Pfeil schon 2016 beantragt.

Kommentare:

  1. Das mit dem grünen Pfeil ist eigendlich eine gute Idee. Ich befürchte jedoch auch, dass es ist wie immer. Das mit dem Anhalten hat sich schnell erledigt. Man sieht das bei Autos. Dass man bei dem grünen Pfeil neben rot erst anhalten muss(!!), scheint kaum jemand zu wissen. Es wird einfach lustig durchgefahren. Unter den Radfahrern befürchte ich das auch. Es wird einfach abgebogen, natürlich ohne anhalten. Und es wird vermutlich auch überall abgebogen, ob erlaubt oder nicht, wie bei den freigegebenen Einbahnstraßen. Gibt man eine frei, wird überall gegen die Fahrtrichtung gefahren. Bei uns ganz schlimm. Das nervt, nicht nur mit dem Auto, sondern auch mit dem Rad. Wenn mann d zuruft, dass sie verkehrt fahren, erntet man nur unverständliche Blicke. Ich muss mich da der Meinung anschließen, dass man Verkehrsregeln haben sollte und keinerlei Ausnahmen von dieser Regel zulassen sollte, also keine Radfahrer auf Gehwegen, keine freigegebenen Einbahnstraßen, keine Zweirichtungsradwege, keine Durchfahrtserlaubnis in Fußgängerzonen, kein Grünpfeil (neben rot), für keinen. Diese Ausnahmen führen nur dazu, dass sie als allgemeingültig adaptiert werden. (halbseitiges Parken auf Gewegen, ist auch nur mit Schild erlaubt und was ist?)
    Gruß
    Karin

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    1. Liebe Karin, so sehe ich das nicht. In Idaho, nicht gerade bekannt für fortschrittliche Mentalität, gibt es den Rolling-Stop, Radler müssen an Stoppzeichen nicht halten. Und nichts schlimmes passiert. Autos halten in Stuttgart auch nicht an Stoppzeichen, Radler auch nicht, wenn alles frei ist. Radfahrer zum Stillstand stoppen ist hart für Radler, weil sie mit aller Kraft neue starten müssen (Autofahrer müssen nur den Gashebel antippen, ohne jegliche körperliche Anstrengung), deshalb ist es eigentlich ilusorisch, das zu erwarten. Und letztlich ist die Frage, ob es was macht, wenn Autofahrer beim Grünen Pfeil für sie nur langsam tun oder anhalten. Erhöhte Wachsamkeit ist bei uns im Straßenverkehr auch schon ein Gewinn. Das größte Risiko für Fußgänger/innen und Radfahrende geht von Radwegen aus, über die Autofahrende abbiegen, also von der vermeintlich sicheren Infrastruktur. Alles andere ist marginal. Klar ärgern Regelverstöße, aber auf einander achten und einander Platz einräumen, gerade in Einbahnstraßen in Tempo-30-Zonen, ist auch ein wichtiger Wert, wichtiger noch, als alles durch Verbote und einen Polizisten an jeder Ecke regeln wollen, finde ich. Man muss eine gute Balance zwischen Kontrolle, Freiheit und Verantwortung für die Gemeisnchaft (Rücksichtnamme) finden, auch wenn es schwierig ist, denke ich.

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    2. Karins Kommentar passt gut in die Ecke: Radfahrer fahren eh alle bei rot. Kann man getrost unter "überflüssig" abhaken.

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  2. Die derzeitige Sitauation am Rosenbergplatz darf man mit Fug und Recht als "Stuttgarter Standardmenü" bezeichnen:
    Unklar und vorbehaltlos auf invasiven MIV ausgerichtet, wird der Radverkehr durch wirre Regelungen ("Radfahrer absteigen") kriminalisiert.

    Mir schwant Böses.

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    1. Ich finde die Rosenbergkreuzung auch nicht so geschickt, aber sie ist als Versuchsfeld für das Verhalten auf einer Kreuzung ohne Radinfrastruktur natürlich interessant. Ich bin auch immer dafür, erst dann zu kritisieren, wenn der Versuch abgeschlossen ist, nicht vorher. Der Grüne Pfeil ist ein ganz wichtiges Element einer Radförderung, auch um Radfahrende aus der Illegalität herauszuholen. Viele Radler verhalten sich an den Stellen regelwidrig, wo Ampeln sie zwingen, lange zu stehen. (Ampeln sind aber nur für den Autoverkehr nötig, Fußgänger und Radfahrer brauchen keine Ampeln, sie arrangieren sich.)

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  3. Einbahnstrassen sind auch nur für Autos notwendig.

    Gruss, Christoph

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    1. Haha. Ja, wie wahr. Im Grunde ist unsere ganze Straßeninfrastruktur mit allen Regeln nur fürs Auto notwendig. Aber mal im Ernst: natürlich braucht man Regeln, und Fahrräder sind Fahrzeuge. Allerdings passt die fürs Auto gemachte Kreuzungsinfrastruktur mit diesen Ampeln ganz schlecht für den Radverkehr. Viele Radler weichen gern an Ampeln über die Gehwege aus, weil das lange herumstehen völlig sinnlos ist. Das mag auch mancher Autofahrer denken, der nachts an leerer Kreuzung an einer roten Ampel steht, aber im Unterschied zu Radfahrenden, ist das Auto ein schweres Geschoss, das viel Schaden anrichten kann, weshalb sich Autofahrende dringender an die Regeln halten müssen. Und es sind nicht nur die Radler, die rote Ampeln missachten, Autofahrer machen das in absoluten Zahlen wesentlich häufiger (in Relation zu ihrer schieren Menge aber vermutlich seltener). Aber das war gar nicht dein Thema. :-)

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  4. Ampeln regeln den Autoverkehr, denn sie berücksichtigen selten bis nie die Belange von Fußgängern und Radfahrern. Von daher wäre es nur eine Selbstverständlichkeit, diese zwei Verkehrsteilnehmergruppen gänzlich von der Benutzungspflicht auszunehmen und es als eine Empfehlung anzusehen. Und wer bei rot geht, der lebt länger. Kann man ganz schnell ergoogeln.

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