18. November 2022

Die Geister, die unsere Radinfrastruktur rief

Falschradler auf der Böblinger Str
Radwege bergen Gefahren, vor allem Zweirichtungsradwege. Diejenigen, die in ihrer Fahrtrichtung auf der linken Seite radeln, werden doppelt so oft von Autofahrenden an Nebenstraßeneinmündungen angefahren. 

Die Gefahr verdoppelt sich noch mal für Radfahrende, die einen Einrichtungsradweg in falscher Richtung linksseitig befahren. Und das tun doch immerhinnoch  halb so viele, wie legal linksseitig auf einem Zweirichtungsradweg radeln. Laut dieser Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen von 2015 sind doch sehr viele Radfahrende (20 Prozent) auf der falschen Straßenseite unterwegs. Die BASt-Studie behauptet, das Linksradeln gehöre auch zu den Hauptursachen der Zusammenstöße, die durch den Radverkehr selbst verursacht wurden, 10 Prozent der Zusammenstöße zwischen Fahrrädern gingen darauf zurück. Auch laut ADFC sind Falsch-Radler:innen relativ häufig an Zusammenstößen zwischen Radfahrenden beteiligt. Polizeiradstaffeln verwenden in allen Städten, wo es sie gibt, deshalb auch recht viel Zeit darauf, Radfahrende zu stellen, die auf der falschen Seite auf einem Radweg unterwegs sind. Dass das so viele sind, liegt vor allem an der unpassenden Radinfrastruktur.

In Thüringen wurde 2020 ein Forschungsforhaben für eine Kampagne gegen Geisterradeln finanziert. In Leipzig wurden dann an Strecken, die typischerweise in Gegenrrichtung beradelt werden, solche Dialogdisplays aufgehängt, immer wieder an anderen Stellen, damit keine Gewöhnung einsetzt. 

Wobei ich übrigens das Gespenst mit Fahrrad so niedlich finde, dass ich extra auf der falschen Seite radeln würde, um es aufscheinen zu sehen - ein grundsätzliches Manko des eben auch sympathisch-anarchisch zu deutenden Begriffs "Geister"-Fahrer/Radler, weshalb man im Autoverkehr inzwischen "Falschfahrer" verwendet. 

Das Falschfahren mit Fahrrädern ist uch in Stuttgart so häufig, dass ich ein Dutzend Fotos dazu habe. Die Böblinger Straße wird ab dem Waldeck bergauf von ziemlich vielen Radfahrenden auf der linken Seite hochgeradelt (Foto ganz oben), jedenfalls so häufig, dass ich auch davon mehrere Fotos habe. Mir kamen auch schon Falschfahrer aus der Kurve der Böblingerstraße oberhalb der Haltestelle Engelboldstarße bergab entgegen. Viele Falschfahrende sind auch linksseitig auf dem Radfahrstreifen der Neckarstraße ab Neckartor Richtung Heilmannstraße unterwegs. Und immer wieder sehe ich verpeilte Radler:innen, die die Infrastruktur völlig falsch interpretieren oder den richtigen Weg nicht finden. 

Das Radeln auf der falschen Straßenseite dürfte fast immer etwas mit Bequemlichkeit zu tun haben, gepaart mit dem verständlichen Bedürfnis, riesige Umwege zu vermeiden. Das liegt daran, dass unsere Radinfrastruktur so tut, als müssten Radfahrende nie links abbiegen. Wer von links kommt und die nächste oder übernächste Querstraße wieder nach links abbiegen will, fährt mit dem Rad nicht über ein bis zwei Fußgängerampeln zum Radweg/Radstreifen auf der andere Straßenseite (einer breiten Fahrbahn, womöglich noch mit Straßenbahnschienen in Mittellage), um dann nach 50 bis 100 Metern (umständlich über Fußgängerfurten oder stressig über eine Linksabbiegespur) wieder zurück auf die andere Seite zu gelangen. 

Für Autofahrende ist das Linkssabbiegen ganz einfach, für Radfahrende ist das Linkssabiegen oft beinahe unmöglich, weil die Radinfrastruktur nur Geradeausfahrten oder Rechtsabbiegen leicht macht. So lässt etwa die lange Böblinger Straße zwischen Vaihingen und Vogelrain einen Seitenwechsel nur an wenigen Stellen zu. Wer bergab kommt und zur Polizeisiedlung will, muss bis runter zum Vogelrain und dann wieder rauf einen Umweg von 1,2 km radeln. War bergauf zu den Häusern Böblinger Straße 400 ff will, muss auf der rechten Seite bis zum Dreiecksplätze hoch radeln und auf der anderen Seite wieder unter, ein Umweg von 800 Metern, einschließlich eines mehrere Minuten langen Stehens an der Fahrradampel am Waldeck. Für den U-Turn am Dreiecksplätzle muss man runter vom Radfahrbstreifen (der hier als Radweg auf den Gehweg hoch führt) und sich unter die Autos mischen. Die Stadtbahn sollte man bei diesem Manöver auch nicht übersehen. Wie umständlich und lang der Umweg zur Heilmannsgtraße auf der Neckarstraße ist, habe ich 2025 beschrieben, geändert hat sich seitdem nix. 

Autofahrenden könnte man Umwege durchaus zumuten, denn sie sitzen im Fahrzeug nur herum und müssen sich nicht anstrengen, tut man aber, wenn es irgend geht, nicht. Radfahrende bewegen sich aus eigener Kraft (auch dann, wenn sie Pedelecs fahren), dennoch mutet die Infrastruktur gerade ihnen viele Umwege zu, oft verbunden mit Steigungen oder vielen Ampelstopps. Autofahrende akzeptieren Umwege oft nicht und fahren verbotene Abkürzungen, um wieviel mehr dürften also Radfahrende für sich einen guten Grund sehen, eine regelwidrige Abkürzung zu fahren. 

Der linksseitige Radweg ist eine Abkürzung. Falschfahrer gibt es deshalb auch immer auf Einrichtungsradwegen, die durch breite Fahrbahnen voneinander getrennt sind. Auf Radfahrstreifen sind sie etwas seltener unterwegs, aber durchaus auch erstaunlich oft. Deshalb meine ich, dass wir - wenn wir Radwege entlang breiter Straßen anlegen - immer Zweirichtungsradwege anlegen sollten, was natürlich noch mehr Platz erfordert. Ich finde Geisterradeln zwar auch lästig und gefährlich für mich (aber auch für die Geisterradler:innen selbst), aber ich sehe eben auch, dass manche für sich keinen anderen Weg finden, entweder, weil sie zum ersten Mal die Strecke fahren und die Führung nicht kapiert haben, oder weil sie täglich ansonsten einen Umweg von einem Kilometer radeln müssten.  

Das Falschfahren auf Radwegen ist vor allem der schlechten Radinfrastruktur geschuldet. Unsere Radinfrastruktur ist nämlich grundsätzlich so angelegt, dass sie es Autofahrenden ermöglicht, ihre Wege möglichst direkt und zügig zu verfolgen: Sie liegt am Rand, ihr fehlen die Übergänge und direkten Linkssabbiegemöglichkeiten, ihr Verlauf ist häufig nicht leicht zu erkennen oder mit anstrengenden Ansteigen, Umwegen oder vielen Ampelstopps verbunden. Kampagnen gegen das Geisterradeln kann man zwar machen, aber nötiger wäre eine bessere Radinfrastruktur, die das Radfahren zu allen Zielen so leicht und bequem macht, wie man das Autofahren zu allen Zielen den Autofahrer:innen macht. 



10 Kommentare:

  1. Wirklich wieder sehr schöner und lesenswerter Beitrag;)

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  2. In der Böblinger Straße wurden vor einem Monat Ideen für neue Querungsmöglichkeiten vorgestellt. Soweit ich mich erinnern kann wurde auch mitgenommen, dass bei den Querungen an Radfahrer gedacht werden soll.
    https://www.zukunft-kaltental.de/?p=344

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  3. Zweirichtungsradwege... ich sag nur Holzstraße. Der blanke Horror... Claudia

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  4. Liebe Christine,

    wenn ich auf einem Radweg oder Radstreifen radle, ist der zumindest in Stuttgart so schmal, dass hier nichts entgegen komm darf (weder ein KFZ, ein Fußgänger oder ein anderes Zweirad). Leider meint die Stadt, das dann als Zweirichtungsweg auszuweisen, selbst wenn der Weg nur 80 cm breit ist. Wir haben hier die Gefällstrecken (das ist in Leipzig kein Thema), wo jeder von uns richtig schnell wird und wo dann der unvermutete Gegenverkehr (sei es durch Anordnung der Stadt, sei es durch Ignoranz der anderen Verkehrsteilnehmer oder sei es durch völlig unzureichende Berücksichtigung unserer Bedürfnisse (wie im obigen Blog beschrieben)) sehr gefährlich wird. Wir sollten eigentlich erwarten können, dass eine vernünftige Infrastruktur angeboten wird -- aber dafür wird wie an der Liederhalle lieber eine riesige Sperrfläche markiert als (mit weniger Farbe ...) einen sinnvollen Radstreifen uns anzubieten. Bei den Zweirichtungswegen fehlt jedesmal ein sicherer /komfortabler Zuweg (sprich wir müssen entweder den Göppel über den Zebrastreifen schieben oder uns todesmutig über eine mehrstreifige Ausfallstraße wagen, um dann anschließend in den "Genuss" eines zu schmalen Zweirichtungsradweges zu kommen).

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  5. Kann man sich das als Autofahrer denn überhaupt vorstellen? Also auf einem "falschen" Streifen fahren zu müssen, bei dem jederzeit von links ein anderes Auto aus einer Einmündung kommt, das dann nach dem Rechtsabbiegen rechts an einem vorbeifährt? Gruselig.

    Ich denke, nicht umsonst sind linksseitige Radwege innerhalb von Ortschaften lt. VwV-StVO "eigentlich" nicht erlaubt. Bei "uns hier" werden sie leider von den StVBs mit Klauen und Zähnen verteidigt, weil die Alternative - keine Benutzungspflicht - immer noch völlig undenkbar ist. Wir kriegen sie eigentlich nur durch Klagen los, mühselig, aber Stand der "Verkehrwende" :-)

    Ich hätte da einen Gegenvorschlag: Wir erklären bei allen innerörtlichen Straßen eine Hälfte für "Autos frei", die andere für "Fahrräder frei". Wenn zwei entgegenkommende Autos nicht aneinander vorbeikommen, liegt das vermutlich an den zwei leeren Beifahrersitzen, die keinen Platz nebeneinander haben. Das ist mir persönlich aber sowas von wurst.... :-)

    Stefan, Fürstenfeldbruck, Bayern

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  6. Immer daran denken: Insbesondere ältere benutzungspflichtige Radwege wurde wurden angelegt um radfahrerfreie Fahrbahnen zu bekommen und nicht etwa um die Sicherheit des Radverkehrs zu erhöhen.

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    1. Danke. Genauer:

      Vor 25 Jahren gab es eine "Radfahrnovelle", die erstmals KfZs und Fahrräder gleichstellte. Eine "Radweg-Benutzungspflicht" wurde nur vorgesehen für diese Fälle
      1) auf der Fahrbahn herrscht eine außergewöhnliche Gefahrenlage (z.B. außerorts ohne Beleuchtung und ohne Tempobeschränkung) und
      2) der benutzungspflichtige "Ausweichweg" ist für Radfahrer überhaupt geeignet

      Die Realität: Um den StatusQuo von 1997 aufrecht zu erhalten ("Radfahrer haben auf der Straße nichts zu suchen") wurde alles, jeder noch so kleine Gehweg, auch innerorts, zum benutzungspflichtigen Radweg erkoren. Und wird es immer noch. Der Ruf ist immer noch zu hören.

      Es ist für mich absolut erstaunlich, dass das noch nicht einmal thematisiert wird, statt dessen nach immer mehr Radwegen gerufen wird.

      Es ist so, als hätte man den US-Civil Rights Act von 1964 komplett ignoriert und würde statt dessen nach immer mehr Rassentrennung rufen.

      Eine thematische inhaltliche Auseinandersetzung ist m.E. absolut überfällig, die "Fronten" scheinen aber leider total verhärtet.

      Stefan, Fürstenfeldbruck, Bayern

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  7. Scheindebatte. Zweirichtungsradwege sind nicht gefährlich, es sind Autofahrer, die nicht schauen und Verwaltungen, die Radwege zu schmalbauen. Man stelle sich mal vor, Autofahrer oder Fußgänger dürften kein Gegenverkehr haben- statt dessen ist es normal, auch in der engsten Nebenstraße in Parklücken auszuweichen, um den Gegenverkehr passieren zu lassen.
    Eine andere Sache ist die Tatsache, dass es immer dann ok ist, wenn es grad ins Bild passt und diese Tatsache ist auch bei Gehwegradeln zu sehen: Völlig OK; wenn es dem Autoverkehr dient. Aber wenn es eine andere Straßenseite gibt, dann ist Gehwegradeln plötzlich Lebensgefährlich.
    Entweder fährt man eine Linie, oder man lässt es gleich.

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    1. Falsch, keine Scheindebatte. Linksseitige Radfahrer sind wie Linksverkehr (in England). Da haben die Autos das Lenkrad rechts. Weil bei uns rechtsverkehr ist, haben wir das Lenkrad links. Wenn ich mit einem Linkslenker im Linksverkehr fahre, kann ich den Gegenverkehr beim Rechtsabbiegen nicht sehen. Das liegt daran, dass ich am Vordermann nicht richtig vorbeisehen kann. Daher ist Linksradverkehr die Pest und man als Autofahrer immer der Depp, selbst wenn man noch so rücksichtsvoll ist. Irgendwann ist immer die Physik zu Ende.
      Karin

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