Seit Mitte 2024 ist die Augustenstraße im Stuttgarter Westen mit modalen Filtern ausgestattet, die Radfahrende durchlassen, Autofahrende (und eigentlich auch Motorradfahrende) aber zwingen an jeder Querstraße abzubiegen. Mit dem Auto kann man sie nicht mehr zwischen Silberburgstraße und Schwabstraße ganz hoch oder ganz runter fahren. Für Radfahrende stellt sie dagegen eine wichtige (die einzige) autoarme Verbindung zwischen Süd/Innenstadt und Schwabstraße dar. Und es sind dort auch viele Radfahrende auf ihren Arbeitswegen und mit Lastenrädern und Kindern unterwegs.
Davor dominierten die Autos die Straße und machten das Radfahren ziemlich stressig. Es war keine gute Situation. Für den Begegnungsverkehr von Autos ist die Straße eng, sie war auch an Stellen zugeparkt, wo man nicht parken durfte. Radfahrende schlängelten sich durch, und immer wieder habe ich welche gesehen, die schließlich auf den Gehweg flüchteten, wenn der Autoverkehr zu drängelig wurde oder sich gegenseitig blockierte. Die Collage (rechts) habe ich 2018 gemacht.Die Augustenstraße liegt parallel zwischen der Reinsburgstraße und der Rotebühlstraße (Karte unten), die beide so stark vom Autoverkehr beherrscht sind, dass das Radfahren dort vielen Radler:innen nahezu unmöglich erscheint. Sie ist die Alternative zu diesen beiden Straßen. Seit der Umgestaltung können wir sie stressfrei als Verbindungsstrecke zwischen Silberburgstraße und Schwabstraße nutzen. Ich genieße jede Radfahrt dort, weil ich noch genau weiß, wie es vorher war.
Die Umgestaltung lief als Verkehrsversuch zum Thema Superblock, für das Barcelona das Vorbild ist. Das heißt, dass man den Durchgangs-Autoverkehr aus Vierteln heraushält und mehr Aufenthaltsqualität für alle ohne Auto schafft. Parallel zu den Filtern wurden an vielen Stellen Parkletts mit Sitzgelegenheiten aufgestellt. Einige Parkplätze fielen weg. Es wird aber immer noch dicht an dicht igeparkt. Da der Durchgangs-Autoverkehr wegfällt, ist die Augustenstraße dennoch ruhiger geworden.Selbstverständlich waren und sind Anwohner:innen sowohl dafür als auch dagegen. Von denen, die kein Auto haben, finden etliche die Regelung gut. Menschen ohne Auto sind hier übrigens die Mehrheit, denn in dicht besiedelten Wohngebieten wie im Bereich Augustenstraße besitzt nur ein Drittel der Leute ein eigenes Auto. Von denen, die ein Auto haben oder dort immer wieder hinfahren, beschweren sich etliche über Kurverei bei der Parkplatzsuche. Bei einer Veranstaltung im Oktober, über die die Stuttgarter Zeitung (Plus) berichtet, war das Meinungsbild ebenfalls geteilt. Einige forderten, dass man die Menschen nicht vergessen dürfe, die auf vier Rädern unterwegs seien und Taxifahrer, Müllfahrer und Rettungskräfte täten sich mit der Regelung schwer. Ein Anwohner hielt dagegen, die Zeit des Superblocks sei die beste Zeit, seit er dort lebe. Ein anderer sagte, eine Tageseinrichtung für Kinder habe die Verkehrserziehung in die Augustenstraße verlegt, weil es dort weniger gefährlich ist.
Weniger Gefahr für Kinder und alle ohne Auto, weniger Lärm und bessere Luft und eine gute Radstrecke zwischen zwei viel von Autos befahrenen Straßen sind sehr gute Gründe dafür, die modalen Filter beizubehalten. Es gewinnen mehr Menschen dadurch als verlieren. Würde man die Straße dem Autoverkehr als Durchgangsstraße zurückgeben, verlieren alle an Lebensqualität (Ruhe, mehr Sicherheit, Treffpunkte auf der Straße), nur damit eine Minderheit nicht mehr abbiegen und woanders fahren muss.Übrigens kostet auch der Abbau von Pollern und die Umgestaltung der Augustenstraße in den vorigen Zustand eine Menge Geld, das Stuttgart eigentlich gar nicht hat oder für weitere Maßnahmen für eine lebenswerte Stadt ausgeben könnte. Ein Zurück zu einer vom Auto-Durchgangsverkehr beherrschten Straße käme einem Schildbürgerstreich nahe.




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