29. Juni 2024

Cleaner Bahnhofsvorplatz mit Fahrradstraße in Cannstatt

Der neue Vorplatz des Cannstatter Bahnhofs ist rechtzeitig vor der EM fertig geworden.  

Es gibt eine freie Fläche mit vielen Bänken und Bäumen und einem Kiosk. Die Zugänge zum Bahnhof und die Bushaltestelle sind außerdem barrierefrei gestaltet. Und es gibt einen Trinkbrunnen. 

Bislang war der Bahnhofsvorplatz von Cannstatt Herrschaftsgebiet des Autoverkehrs, jetzt soll der Platz nach Aussagen der Stadt vorrangig den Fußgänger:innen und Radfahrenden zur Verfügung stehen. Zwischen Frösnerstraße und Parkhaus Wilhelmsplatz (König-Karl-Straße 69) soll die Durchfahrt für den Autoverkehr unterbrochen werden, heißt es in der Gemeinderatsdrucksache 1264/2021. Auf der Eisenbahn- und Bahnhofstraße soll eine Fahrradstraße eingerichtet werden. Bus und Taxis werden aber weiterhin dort fahren. 

27. Juni 2024

Vom Sadismus derer mit lauten Autos

Wrrummmm, durchs Wohngebiet
Wer Automotoren laut macht und durch Wohngebiete und Fußgängerzonen donnert, neigt zu Sadismus.  Sein Antrieb ist es, andere zu erschrecken. Er will bei anderen unangenehme Gefühle auslösen.
 

Das hat Psychologin Julie Aitken Scherner von der University of Western Ontario in Kanada in einer Pilotstudie festgestellt. Wie wollte wissen, welche Leute am Steuer auf laut getunter Autos sitzen. Sie befragte 529 Studierende, über 52 % davon Männer, was sie von getunten Auspuffen halten, und welche Beziehung sie zu ihrem Auto haben. Mit diesen Leuten wurde außerdem einen Standardtest gemacht, mit dem man die Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen wie Sadismus, Psychopathie und Machiavellismus bestimmt. Wie National Georgraphic  und Forschung und Wissen berichten, kam dabei heraus, dass vor allem junge Männer den Wunsch nach einem lauten Auto äußerten. Genau diese Männer besaßen häufiger ein Persöndlichkeitsprofil, bei dem Sadismus und Psychopathie stärker ausgeprägt waren als bei anderen. 

Dabei hatte Scherner eigentlich vermutet, dass Männer in getunten und lauten Fahrzeugen besonders narzisstisch veranlagt seien und mit ihren Autos vor allem ihren Wunsch nach Aufmerksamkeit befriedigen.

25. Juni 2024

EM-Stadt Stuttgart suspendiert den Radverkehr

Klar, große Veranstaltungen bringen Behinderungen mit sich. Ausnahmesituationen sind Ausnahmesituationen. Wenn wir mal nicht wie gewohnt mit dem Rad oder Auto irgendwo durchkommen, können wir das mit Fassung tragen. 

Aber das Fahrrad und die vielen tausend Radfahrenden dermaßen zu ignorieren, wie das in Stuttgart geschieht, ist schon bestürzend. Der Stadtkern ist für Radfahrende gesperrt, die Hauptradroute 1 unterbrochen, und es stehen eindeutig falsche Verkehrszeichen herum, die das Radfahren auch dort verbieten, wo es stattfinden muss. An den Radverkehr hat man nicht ernsthaft gedacht. 

"Die Ganze Stadt ein Stadion", heißt es stolz auf der Seite der Stadt Stuttgart. Dann werden die Einschränkungen für den Autoverkehr erklärt. Auch die Stuttgarter Zeitung interessiert sich (hinter der Bezahlschranke) beim Stichwort "Verkehrskonzept" nur für Leute, die in Autos fahren und ihr Auto abstellen wollen. Das der Radverkehr zum Verkehr gehört, weiß sie nicht. Das wissen anscheinend auch die Behörden nicht, die die Sperren einrichten und Verkehrszeichen aufhängen lassen. 

So ist beispielsweise flugs die Fahrradstraße Eberhardstraße zwischen 10:30 Uhr und und 1:30 Uhr nicht nur für den motorisieren Verkehr gesperrt (was sie immer ist), sondern - wie die Schilderkombination zeigt - auf einmal auch für den Radverkehr. Nur E-Scooter haben hier noch eine Ausnahmegenehmigung. Das weiße Schild mit rotem Kreis bedeutet nämlich Durchfahrtverbot für alle, auch Radfahrende. Das kann ja aber nicht sein, sagt sich die Radfahrerin in Stuttgart, und fährt. Wie sollte es auch anders gehen, das ist die Hauptradroute 1. Eine Alternative gibt es hier nicht. 

23. Juni 2024

Polizei verunsichert Radfahrerin massiv

Radlerin Ruth hatte den Charlottenplatz von der Planie her kommend über die Fußgänger-Radfurten überquert und fuhr an dieser Ampel auf die Charlottenstraße. 

Sie radelte dann auf der Abbiegespur hoch Richtung Kreuzung Olgastraße. Kurz davor wollte sie eigentlich dann auf dem Geradeausspur wechseln. Auf dieser Geradeausspur wurde sie aber von drei Polizeibussen überholt. Aus dem offen Fenster schrie einer der Polizisten ihr zu: "Radfahren hier verboten!" Radlerin Ruth war so verunsichert, dass sie an der Ecke Olgastraße auf den Gehweg fuhr, der ebenfalls  ab da nicht für den Radverkehr freigegeben ist. Das ist ihr normaler Nachhauseweg, und sie wusste, sie darf nicht nur, sie muss auf der Fahrbahn radeln. Wie hätte sie auch sonst mit dem Fahrrad die Charlotten- und dann die Hohenheimer Straße hochkommen sollen? Dennoch dachte sie ständig darüber nach und erzählte mir die Geschichte. Was, wenn diese Polizisten sie angehalten und in Erklärungsnot gebracht hätten? 

21. Juni 2024

Verkehrsversuche muss man machen. Und dabei die Nerven behalten.

Immer wieder versuchen Städte, einen mehr oder weniger kurzen Straßenabschnitt fürs Radfahren zu ertüchtigen oder sogar für Autos zu sperren und in deine Fußgänger- und Fahrradzone umzuwandeln. Die einen finden es toll, laut werden aber vor allem die aufs Auto Fixierten.  

Seit gut einem Monat ist die Augustenstraße in Stuttgart-West mit Durchfahrtssperren für Autos versehen und verkehrsberuhigt. Es gibt mehr Radabstellanlagen und an verschiedenen Stellen Parkletts, wo sich Menschen hinsetzen und aufhalten können. Dafür sind Parkplätze weggefallen. Allerdings nicht viele. Autofahrende kommen zwar noch überallhin in dieser Straße, die immer noch weitgehend zugeparkt ist, aber sie können nicht durchfahren, sie müssen an den Kreuzungen jeweils wieder abbiegen. Man nennt das Diagonalsperren. Radler:innen kommen durch.

19. Juni 2024

Viele Autos auf Rad- und Busspur Charlottenplatz

Autofahrende werden wegen einer Baustelle und der Sperrung der Hauptstätter Straße am ehemaligen Breuninger Parkhaus durch die Esslinger Straße zum Charlottenplatz geleitet. Dort dürfen sie nur noch nach links zur Planie abbiegen. Daran halten sich enorm viele nicht. 

Geradeaus fahren geht nicht mehr, da steht eine Sperre. Aber rechts zur Charlottenstraße abbiegen geht noch, es ist halt nur verboten. In diesen Straßenabschnitt reinfahren darf nur der Linienverkehr, also der Bus, der hier sein neue Haltestelle hat, und der Radverkehr. Die Verkehrsschilder sind eindeutig. Das aber interessiert viele Autofahrende nicht (siehe unten). 

Für Radfahrende hat man eine kleine Radspur links neben die Busspur gelegt. Links steht auch eine kleine Radampel. Die Sperre lässt eine Lücke für Radfahrende, die geradeaus zur Landesbibliothek wollen. Eine durchaus angenehme Strecke. Auch auf die Verkehrsinsel rüber zum Auslandsinstitut kommt man schnell. 

18. Juni 2024

Ähm - nein. Wofür sind Radbügel noch mal gut?

Die Fußball-EM hat Stuttgart gekapert. Offensichtlich gibt es mit der Stadt Stuttgart eine Vereinbarung, dass die Anbieter vermehrt E-Scooter aufstellen dürfen, damit das Gastvolk sie für seine Wege nutzen kann. 

Okay. Aber Radabstellanlagen sind nicht der Ort, wo man über Nacht Dutzende E-Scooter reinschiebt. Sie fehlen den Radfahrenden hier in der Eberhardstraße (die Fahrradstraße ist) zum Abstellen ihrer Räder. Diese Radbügel werden nämlich tagsüber ziemlich rege genutzt. 

Abgesehen davon wird der Radverkehr wegen der EM ohnehin schon massiv eingeschränkt. Eine Durchfahrt auf bislang erlaubten Wegen am Rathaus, am Karlsplatz, über den Schlossplatz, am Eckensee und durch den Oberen Schlossgarten ist so gut wie unmöglich. 

17. Juni 2024

Erfolgreicher Radentscheid in Göttingen

Es ist das erste Mal, dass Bürger:innen einer deutschen Stadt erfolgreich eine Verbesserung für den Radverkehr per Referendum durchgesetzt haben. 

Wie die taz berichtet stimmten 54 Prozent der Göttinger:innen für den "Radentscheid 1". Der viel weitergehende "Radentscheid 2" erhielt dagegen 55 Prozent Nein-Stimmen. Damit muss die Stadt jetzt den Radverkehr priorisieren, und zwar gegen über dem Autoverkehr und dem ÖPNV. Es soll Fahrradstraßen ohne Durchgangsverkehr von Autos geben, geschützte Radstreifen auf wichtigen Abschnitten, Kreuzungen fahrradsicher gestaltet und Ampeln rad- und fußgängerfrendlicher geschaltet werden. Radabstellanlagen sollen überdacht werden. Der "Radentscheid 2" enthielt konkrete Einzelmaßnahmen wie den Umbau einer Umgehungsstraße, den Abbau von Parkplätzen und Einbahnstraßenregelungen auf großen Straßen. Erzwungen hat die Klima-Initiative "Göttingen Zero" diese Abstimmung am 9. Juni per Bürgerbegehren, bei dem in kurzer Zeit mehr als die notwendigen Stimmen zusammengekommen waren. 

Und das gegen den massiven Widerstand aus der Politik und Verwaltung.

15. Juni 2024

Sieht aus wie ein Radweg, ist aber keiner

Blogleser Joachim hat mich auf ein Problem aufmerksam gemacht, das bei ihm in der Gegend neu entstanden ist, aber in Stuttgart vielerorts besteht. Fürs Radfahren nur freigegebene Gehwege werden optisch zu Radwegen. 

Er schreibt: "In Walzbachtal (Gemeinde Wössingen) wurden die Wege an den Ausfahrten farblich markiert und mit Rad-Symbolen versehen. Allerdings meinen die Autofahrer nun, es ist ein Radweg. Der Weg ist aber nur in eine Richtung mit blauem Fußgänger - Schild und darunter Radfahrer frei gekennzeichnet. Es handelt sich hier teilweise um eine 30er-Zone." Die roten Markierungen befinden sich an einer Straßeneinmündung und an den Ein- und Ausfahrten zweier Supermärkte. Er hat mir dieses Foto geschickt. Ein Anblick, den wir auch in Stuttgart gut kennen. 

13. Juni 2024

Radweg oder Radstreifen - beide habe ihre Nachteile

Autofahrende fragen sich selten, wie sich eine Straße anfühlt, die sie fahren müssen, sie sitzen sicher in ihrer gepanzerten Kabine.

Auch Radfahrende machen sich nicht immer bewusst, mit welchen Gefühlen sie die Straßen entlang fahren, auf Radwegen oder Radstreifen, auf Schlagloch-Nebenstraßen oder durch Kreisverkehre. Aber bei allen dürfte auf einer Radfahrt der Puls einmal oder mehrmals ziemlich hoch gehen. Autofahrende machen sich oftmals nicht klar, was sie bei Radfahrenden auslösen, wenn sie ihnen plötzlich zu nahe kommen. Und weder Radfahrstreifen noch Radweg schützen mich vor Nahtoderfahrungen. Ein Beispiel: 

11. Juni 2024

Gepflegtes Chaos am Marienplatz

Eine Viertelstunde herumstehen und gucken, wie der Verkehr funktioniert, mache ich ja gerne.  

An der Einmündung der Tübinger Straße zum Marienplatz erkennt man, dass das Angebot für Radfahrende und Fußgänger:innen nicht richtig passt. An dieser Stelle kreuzen sich der Autoverkehr und der Rad- und Fußverkehr aus vielfältigen Richtungen in verschiedene Richtungen (siehe Karte ganz unten). Auch wenn die Autofahrenden, die aus der Böblinger Straße kommen und in die Tübinger Straße einbiegen, nicht immer langsam fahren (und auch nicht blinken), sind hier im Grundsatz alle recht langsam unterwegs. Chaotische Verhältnisse sind deshalb auch nicht unbedingt unfallträchtiger als andere Stellen. Aber die Verkehrsführung ist nur für den Autoverkehr optimiert, für den Radverkehr und für Fußgänger:innen überhaupt nicht. 

10. Juni 2024

Ist das so gemeint oder kann das weg?

Warum müssen wir Radfahrende uns immer fragen, ob Verkehrszeichen für uns gelten oder nicht? Hat sich wer was dabei gedacht, ist das so gemeint, oder ist es ein Versehen? 

Ist denen, die solche Verkehrszeichen aufstellen klar, was sie bedeuten? Kennen sie ihren Sinn? Offensichtlich nicht. Denn, wer auch immer am vergangen Sonntagmorgen an der Hofener Straße, die sonntags für den Autoverkehr gesperrt ist, damit Radfahrende die Fahrbahn nutzen und Fußgänger:innen auf dem Gehweg ungestört sind, nicht nur die Schranken geschlossen, sondern auch noch diese extra Schranke aufgestellt hat, hat damit auch den Radfahrenden die Durchfahrt verboten. Das nämlich bedeutet das weiße runde Schild mit dem roten Rand. Durchfahrt verboten für alles, was Räder hat, außer Handkarren. Eine Radfreigabe hängt nicht drunter. 

9. Juni 2024

Einfach nur schamlos und frech

Scham kennen manche Autofahrende offenbar nicht. Sie haben gestern, am Samstag, dem 8. Juni, beim Fußballplatz der SpVgg Cannstatt die Grünanlage am Neckardamm erobert und zugeparkt. 

Ich sehe wohl nicht recht, dachte ich, als ich am Morgen (9:30 Uhr) da vorbei radelte in Richtung meines Ruderclubs. Als ich zurück radelte (13:38 Uhr) standen die immer noch so, und es war sogar noch ein Auto dazu gekommen. Auf dem Fußballplatz herrschte reges Treiben. Aber das ist samstags oft so, ohne dass Autos hier stehen. 

Vielleicht waren entlang der Hofener Straße die Parkplätze belegt, mit Sicherheit wollen Leute nicht weit laufen zur Sportveranstaltung. Vermutlich hat eine:r am Morgen angefangen und ist von der Hofener Straße aus reingefahren in den als Fußgängerzone ausgeschilderten Weg und hat sein/ihr Auto dort abgestellt. 

7. Juni 2024

Nicht am rechten Fahrbahnrand radeln!

Dicht am rechten Rand einer Fahrbahn entlang radeln, ist keine gute Idee. Man wird schlechter gesehen, enger überholt und womöglich von einer Autotür erwischt. 

Das am meisten unterschätzte Risiko geht vom Dooring aus. Also Autofahrer stößt seine Fahrertür auf, ohne sich vorher zu vergewissern, dass kein Fahrrad kommt. Das können wir als Radfahrende nicht vorhersehen, es geschieht für uns völlig überraschend. Wir haben auch nicht die geringste Chance der Kollision zu entgegen, denn unser Anhalteweg (Reaktionszeit + Bremsweg) ist bei gemäßigten 20 km/h bereits etwa zwei Autos lang. Auf dem Foto sieht man, wie weit eine Autotür in die Fahrradstraße (Tübinger Str.) hineinragt, nämlich deutlich über den blauen Begrenzungsstrich hinweg. Der Radfahrer, der uns links entgegenkommt, würde dem Kontakt mit der Türkante nur knapp entkommen oder mit dem Knie noch anstoßen. Hinzu kommt, dass Autofahrende jemanden, der ganz rechts an den Autos entlang radelt, noch schlechter sehen, wenn sie vor dem Türöffnen immerhin mal nach schräg hinten umgucken. Ein Radfahrer, der mitten auf der Fahrbahn kommt, hat größere Chancen, gesehen zu werden, ganz abgesehen davon, dass er nicht mit der Tür in Kontakt kommt. 

Es hat für uns aber noch weitere wichtige Vorteile, wenn wir mitten auf der Fahrspur radeln.

5. Juni 2024

Der dümmste Radweg Stuttgarts

Man glaubt es nicht, wenn man es nicht gesehen hat. Stuttgart führt einen Radstreifen auf einen Gehweg und hängt das Schild auf "Radfahrer absteigen." Denn auf dem Gehweg, wo der Streifen hinführt, darf man nicht radeln. 

Und dann ist da jetzt auch noch eine Baustelle entstanden und das Verkehrszeichen Parkverbot steht auf dem Gehweg. Wer denkt sich nur so was aus? Wie kann eine so irre Konstruktion wirklich in Stuttgart auf die Straße gelegt werden, samt Asphaltanwurf am Bordstein. Ist das ein Witz? Will man sich über uns Radfahrende lustig machen? Oder möchte man unbedingt in die internationale Liste der übelsten Radwege aufgenommen werden?

Langsame Autos und rasende Räder

Geschwindigkeiten richtig einzuschätzen, gelingt den Wenigsten. Und das hat einen physiologischen und einen psychologischen Grund. 

Die Geschwindigkeiten Fahrrädern werden meist überschätzt, die von Autos oft unterschätzt, die von Stadtbahnen gar nicht wahrgenommen. 

Die meisten Jogger:innen machen die Erfahrung, dass Fußgänger:innen viel zu spät reagieren und beiseite treten. Sie halten Joggende für viel langsamer als sie sind. Denn optisch sehen sie aus wie sie selbst, wie Fußgänger:innen, die sich immer in Schrittgeschwindigkeit bewegen. Die Geschwindigkeit von Radfahrenden wird dagegen zum einen unterschätzt, zum anderen überschätzt. Viele Radfahrende machen die Erfahrung, dass Autofahrende glauben, sie seien viel langsamer als sie sind, und noch vor ihnen links abbiegen oder sie überholen, um gleich darauf zu bremsen und abzubiegen, was jeweils ein Bremsmanöver auf dem Fahrrad nötig macht. Andererseits halten viele Fußgänger:innen Radfahrende für viel schneller als sie fahren, sie scheinen zu rasen, obgleich sie gerade mal 20 bis 25 km/h schnell sind, was man bei einem Auto für langsam halten würde. 

Wie nehmen wir überhaupt Geschwindigkeiten wahr?

3. Juni 2024

Wie wir den Radverkehr verdreifachen

Auf Wegen bis zu 30 km Länge kann der Radverkehr in Deutschland bis zum Jahr 2035 auf durchschnittlich 45 Prozent steigen. Das würde jährlich zusätzlich 19 Millionen Tonnen CO2 im Verkehr einsparen. 

Das hat das Fraunhofer Institut ISI im Auftrag des ADFC errechnet, wie auch die Tagesschau berichtet. Das geschieht aber nur dann, wenn die Politik sich zu umfangreichen Verbesserungen der Radinfrastruktur entschließt und ein positives Klima für den Radverkehr schafft. Das neue an dieser Potenzialabschätzung ist, dass die Forschenden erstmals nicht nur Wegzeiten und Kosten gegeneinander gestellt, sondern entscheidende Faktoren wie Durchgängigkeit und Dichte des Radwegnetzes, das Sicherheitsempfinden der Radelnden und die Verbindung des Radverkehrs mit Bus und Bahn in ihre Analyse mit einbezogen haben. 

1. Juni 2024

Infrastruktur und Kultur - oder die Angst, das Auto zu verlieren

Kultur steckt in uns wie in Stein gemeißelt. Über die Breite von Radwegen können wir entspannt reden, über die Parkplätze, die er kostet, nicht.
 

Wir haben alle schon den Begriff "Kulturkampf" gehört oder gelesen, wenn es um Fragen der Radinfrastruktur contra Autofahrspuren und Parkplätze geht. Autofahren ist ein Kulturverhalten, weite Teile der deutschen Gesellschaft assoziieren Auto mit Freiheit und Normalität. Wir sind mit dem Auto aufgewachsen und auch heutige Kinder wachsen damit auf. 

Der Alltag - insbesondere weitere Fahrten - lässt sich gar nicht anders bewältigen als mit dem Auto (übrigens dem Verbrenner, nicht dem E-Auto), so lautet die tief gravierte die Inschrift im Gehirn. Radfahrende erscheinen als irre Rebellen, Unangepasste oder Gesetzlose. In den letzten Jahren werden sie zunehmend auch als Ideolog:innen beschimpft, weil sie eine andere Vorstellung von der Organisation von Verkehr haben als die von einer Mehrheit als selbstverständlich und alternativlos akzeptierte. Dies ist allerdings ein Fortschritt, denn das Bedürfnis, diejenigen, die an einer Mobilitätswende arbeiten, verbal zu diskreditieren und das Autofahren als das (sozial-ökonomisch) einzig Vernünftige hinzustellen, zeigt, wie groß die Idee einer Minderheit bereits geworden ist, dass Menschen zu Fuß und auf Fahrrädern mehr Straßenraum bekommen müssen. Die Forderung nach einer Mobiltätswende wird inzwischen so ernst genommen, dass die Angst, sie könnte gelingen, bei vielen Menschen riesengroß geworden ist. Und diese Angst schlägt oft in Hass um.