4. August 2024

Kritik an Radfahrenden grenzt an Hysterie

Auf Fußgänger:innen schimpft niemand, auf Autofahrende auch nicht. Auf Radfahrende schimpfen - gefühlt - alle. Radfahrende darf man auch direkt beschimpfen. Warum eigentlich? 

Die Artikel sind zahlreich, in denen von "Kampfradlern", "Rüpelradlern" oder von beispielhaft aggressiven Radfahrenden die Rede ist. Oder es wird ausführlich beschrieben, welche Radtypen die Autofahrenden nerven (eigentlich alle). Radfahrende hassen geht immer. Den Zeitungsartikel, wo drin steht, welche Autofahrertypen Fußgänger:innen und Radfahrende nerven (und vor allem gefährden), habe ich noch nicht gefunden. Eigentlich seltsam.

Während die zivilisierte Gesellschaft es als richtig akzeptiert, dass wir nicht auf Menschen anderer Herkunft oder anderer sozialer Stellung oder Lebensweise hemmungslos schimpfen, ihnen Böses zurufen oder über sie verallgemeinernde negative Aussagen machen, lassen sich selbst gebildete, gut erzogene und an sich kultivierte und friedliche Menschen sofort darauf ein, hochemotional über Radfahrende zu schimpfen, sobald die Rede auf sie kommt.

2. August 2024

Das Auto dominiert unser Bild von der Zukunft

Wir wissen, was gut für Menschen in den Städten und auf dem Land ist: weniger Autoverkehr, mehr Radverkehr, mehr Fußverkehr und mehr öffentlicher Nahverkehr, der das Auto überflüssig macht. 

Für kurze Zeit war Radverkehr der Gewinner der Corona-Krise, und ein bisschen hat sich der Effekt auch erhalten. In Stuttgart nahm der Radverkehrsanteil am Modal Split von ca. 8-10 Prozent auf 14 Prozent zu.  Es fühlt sich fast ein bisschen wie Mobilitätswende an, ist es aber nicht. Denn die die Pandemie hat - auch wegen unzuverlässiger öffentlicher Verkehrsmittel - letztlich nur der Autoindustrie in die Hände gespielt, nämlich dem Individualverkehr, und zwar in Autos oder auf Fahrrädern. Und weil das Fahrrad für weite Strecken nicht als tauglich betrachtet wird, gewinnt dabei das Auto, übrigens das mit Verbrennungsmotor. Zukunfsszenarios wiederum werden als Albtraum für die Autohersteller uminterpretiert. 

Zwei gegensätzliche Narrative ringen heftiger denn je um Zustimmung. 

31. Juli 2024

Nutzen Sie unseren Parkplatz!

Wie kommt man da hin, zur Kirche, zum Sportplatz, zum Treffen im Biergarten, zur Kultur? Auf fast allen Seiten von viel besuchten Einrichtungen findet man unter "Anfahrt" oder "Anreise" Beschreibungen für den Autoverkehr. 

Die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln wird in der Regel auch noch dargestellt, zum Teil auch sehr detailliert. Manchmal wird auch der Fußweg zum Ziel noch beschrieben. Aber die Frage, wie man mit dem Fahrrad hinkommt, und ob es am Ziel Fahrradbügel oder gar geschützte Radparkplätze gibt, wird oftmals nicht beantwortet. 

Zum Beispiel:

29. Juli 2024

Schiefe Mobilitäts-Bilder im Fernsehen

In unseren Fernsehserien kommen unverhältnismäßig viele Autos und Autofahrten vor. Zuweilen werden sie regelrecht inszeniert. 

Fahrrad fährt nur der schrullige Kommissar oder Privatdetektiv, und wenn es ernst wird, steigt er ins Auto um. Mit Stadtbahnen oder Bussen fährt kaum jemand. E-Scooter kommen gar nicht vor. 

Die Verkehrswelt, die beispielsweise im "Tatort" dargestellt wird, ist aus dem vorigen Jahrhundert, benzinreich und vom Auto dominiert. Das hat eine Studie über "Mobilität in den Medien" ergeben, die vom Umweltbundesamt in Auftrag gegeben und 2021 teilweise veröffentlicht wurde. Die Autor:innen haben Veröffentlichungen über Mobilität ausgewertert und bei diversen Fernsehserien die in Fimszenen dargestellte Mobiltät ausgezählt. Je jünger die Zielgruppe, so ein Ergebnis, desto eher werden umweltfreundliche Arten der Fortbewegung gezeigt, Radfahren und zu Fuß Gehen.

27. Juli 2024

Warum diese Wut vieler Autofahrender auf Radfahrende?

Falsche Erwartungen und eine zu optimistische Planung führen zu Frust im Auto, sagt der Kognitionswissenschaflter Rul von Stülpnagel der Zeit (Bezahlschranke). Der Frust entlädt sich gegen andere. 

Vermutlich meint er: Man hat sich gedacht, man steigt ein, fährt schnell hin, steigt aus und ist da. Aber dann steht man plötzlich Stau, gerät in Stress, weil man zu spät kommen wird, und sieht einen Radfahrer sich am eigenen Auto vorbei nach vorne zur Ampel schlängelt. Die Parkplatzsuche dauert dann auch länger. Und dabei sieht man ein Fahrrad an einem Mast auf dem Gehweg gleich neben der Tür abgestellt. 

Radfahrende haben die Freiheit, die Autofahrende sich wünschen. Mit dem Fahrrad ist man nie in einem Stau gefangen, man kommt fast überall durch, ist unabhängig von der Verkehrslage und kommt immer pünktlich an. Man muss nie Parkplatz suchen. Das Auto garantierte eben nicht die Freiheit, für das es in unserer Kultur steht, zu jeder beliebigen Zeit einzusteigen, zügig zum Ziel zu rollen, es abzustellen und angekommen zu sein. Im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr steht man im Stau, die Parkplatzsuche kostet Zeit und Nerven, für den Parkplatz muss man bezahlen. Währenddessen rollen die Radfahrenden leicht und tänzerisch an einem vorbei, so als gälten für sie die Regeln des schwerfälligen Autoverkehrs nicht (weshalb auch viele behaupten, Radfahrende hielten sich an keine Regeln). Dem gestressten Autofahrer erscheint die Leichtigkeit des Radfahrens als Provokation. Und wenn es ihm dann auch noch Radwege und Fahrradstreifen leichter machen, an der Autoschlange vorbeizurollen, fühlen sich Autofahrende benachteiligt. 

25. Juli 2024

Warum parken die auf dem Gehweg?

Die Falkenstraße in Stuttgart-Sonnenberg wurde neu gemacht: Fahrbahn und Gehweg, alles fein und schön glatt. 

Die Wohnstraße ist Richtung Möhringen Einbahnstraße und als solche in Gegenrichtung für den Radverkehr freigeben. Viel Radverkehr ist hier nicht, viel Autoverkehr auch nicht. Faszinierend ist es für mich zu sehen, wie sich die Autofahrenden verhalten. Sie parken alle linksseitig. Niemand parkt am rechten Bordstein, obgleich das nicht verboten ist. Als die Gehwegbordsteine noch hoch waren, parkte man auf der Fahrbahn, jetzt, da sie teils keine drei Zentimeter hoch und abgerundet sind, stehen in diesem Abschnitt (zwischen Fuchs- und Haldenwaldstraße) alle mit den linken Reifen auf dem Gehweg.  

Das erleichtert zwar den Begegnungsverkehr mit Radfahrenden. Aber nötig ist es nicht. Warum die Bordsteine hier keine mehr sind, erschließt sich mir nicht. Es sei denn, sie sollen als Parkverbot fungieren. Denn eigentlich darf an abgesenkten Bordsteinen niemand parken (kostet aber nur 10 Euro).

23. Juli 2024

Wenn die Seele ihren Weg findet

Radfahren bei Nacht ist aufregend. Besonders, wenn die Straßenbeleuchtung aufhört. Dann sind wir plötzlich allein in einer schwarzen Blase und folgen dem wackligen Schein unserer Beleuchtung. 

Ich radle eher selten bei Dunkelheit (im Winter natürlich öfter als im Sommer), und wenn, dann bin auf auf dem Heimweg und fahre durch bekannte, jetzt stillere Straßen. Es sind weniger Radfahrende unterwegs, der Autoverkehr hat weitgehend aufgehört, riesige Kreuzungen liegen verwaist vor mir, an den Masten tanzen die Ampeln von Rot auf Grün und Gelb zu Rot, irgendwo am anderen Ende fährt ein Auto. Die Nebenstraßen sind still, alle Autos sind geparkt, die Leute zuhause. Manchmal quert ein Fuchs die Fahrbahn. 

21. Juli 2024

Blockiert unsere Sprache die Verkehrswende?

Positive Bilder und Begriffe sind wichtig, wenn wir unsere Städte menschlicher machen wollen. Das Auto hat unsere Sprache und Vorstellungskraft jedoch so korrumpiert, dass das beinahe unmöglich erscheint. 

Bekannt ist das Beispiel der "gesperrten Straßen". Selbstverständlich nehmen wir an, dass sie für Autos gesperrt sind. Denn die Straße ist für uns ein Raum, der einzig und allein Menschen vorbehalten ist, die Auto fahren und ihre Autos abstellen. Gesperrt ist sie derzeit tatsächlich immer für Menschen zu Fuß, für spielende Kinder, für nachbarschaftliche Treffen, für Ballspiele, für Tische und Stühle. Die Formulierung, die dem entgegenwirken will, lautet: "Die Straße wird geöffnet für Menschen". Weniger bekannt ist die Tücke des Begriffs "autofrei" ("autofreie Straßen", "autofreie Innenstadt").

19. Juli 2024

Der gute Radweg

In Deutschland könnten wir den Radverkehr verdreifachen, wenn wir unser Radinfrastruktur so ausbauen, dass niemand mehr Radfahren als gefährlich empfindet. Das ist bekannt. 

Das Geld für Radwege muss allerdings überlegt ausgegeben werden. Nur Farbe und Pfeile auf der Fahrbahn, Kreisverkehre im Mischverkehr und Fahrradweichen sind wenig hilfreich. Wenn Radwege oder Radstreifen urplötzlich aufhören und Radfahrende sich zwischen schnellen Autos wiederfinden, schreckt das ab. Wenn Radwege oft von Autofahrenden gekreuzt werden, erhöht das die Gefahr von Zusammenstößen. Und dann heißt es: Radfahren ist gefährlich. Die Seite We Love Cycling zeigt krasse Beispiele, wie unüberlegt, lieblos und zynisch Radwege angelegt werden können, im Zickzack, durch Fußgängeraufstellplätze, plötzlich endend. Solche Beispiele haben wir auch in Stuttgart, bis hin zu Radspuren, die gegen ein Gerüst führen, weshalb ich hier ein paar Bilder einfüge, die die fünf Punkte, die Discerning Cyclists für eine gute Radinfrastruktur auflistet, konterkarieren.