4. Oktober 2021

Blutstreifen und Vorfahrtsfragen


Rot asphaltierte Radstreifen sehen immer so aus, als hätten wir darauf Vorrang. Das ist aber nicht deshalb so, weil die Fläche rot markiert ist. Fahrbahnfarbe allein schafft keine Verkehrsregel. 

Dass wir auf roten Radstreifen oft Vorrang haben, liegt daran, dass die Streifen dort rot sind, wo wir kreuzendem Verkehr gegenüber sowieso vorfahrtsberechtigt sind. Hingegen bedeutet die Rotmarkierung auf einem ganzen Kreuzungsbereich - wie auf dem Foto in Fellbach - nicht, dass wir bei einem Ausfall der Ampelanlage überall Vorrang hätten. 

Wir haben dagegen immer Vorrang an Einmündungen von Seitenstraßen in Vorrangstraßen mit Radstreifen, wenn wir parallel zur Vorrangstraße unterwegs sind. Komplizierter wird es, wenn Radstreifen parallel zu einem Zebrastreifen fern einer Kreuzung rot markiert sind.

2. Oktober 2021

Warum fährst du nicht Fahrrad?

Etwa die Hälfte der Menschen in Deutschland steigt nie oder nur sehr selten aufs Fahrrad. Bei den Frauen sind es 55 Prozent, bei den Männern 46 Prozent
. Das sind die ersten Daten der RadAktiv-Studie der Uni München.

Die Forscher:innen wollen wissen, warum Menschen im Alltag nicht Rad fahren, obwohl sie ein Fahrrad besitzen (nur ungefähr 13 Prozent der Bundesbürger:innen haben kein Fahrrad). Angst, Ablehnung und Ortswechsel scheinen die Hauptgründe zu sein. Mehr Frauen als Männer radeln nicht, und je älter der Mensch, desto weniger nutzt er das Rad. Nach Einschätzung von Professorin Rau ist das ein Zeichen dafür, dass die Radinfrastruktur noch zu unsicher ist. "Der Frauenanteil wächst mit steigender Sicherheit", sagt sie. 

Das soziale Umfeld scheint eine große Rolle zu spielen.

30. September 2021

Fahrradunfälle gehen im Land zurück

In Baden-Württemberg scheint die Zahl der Radfahrenden, die im Straßenverkehr einen Unfall erleiden, rückläufig zu sein. Bei Pedelec-Radler:innen gibt es keine nennenswerte Veränderung. An der Zahl der Getöteten änderte sich nichts. 

25 Radfahrende starben in der ersten Jahreshälfte in Baden-Württemberg. Wie das Pressereferat des Statistischen Landesamts mitteilt, verunglückten von Januar bis Juni dieses Jahres rund 4.100 Personen mit einem Fahrrad. Das sind 800 weniger als im gleichen Zeitraum 2020. Im Jahr 2019, vor der Corona-Pandemie, lag die Zahl bei 4.362 und damit über dem von diesem Halbjahr. 

28. September 2021

Baustellenumweg Bahnhof

Baustellen sind immer lästig. Besonders ist es die am Hauptbahnhof. Sie unterbricht sämtliche Rad-Pendler-Routinen und zwingt zu sehr großen Umwegen. 

Der Fußgänger- und Radübergang am Ende der Lautenschlagerstraße zum Bahnhof wurde gesperrt. Fußgänger:innen und Radler:innen sind verratzt und müssen weite Umwege machen. Kommt man die Lautenschlagerstraße entlang auf den Bahnhof zu, rasselt man in Sperren. 

Gut ausgeschildert ist die Umleitungsstrecke ja, vorausgesetzt, man sieht das erste Schild kurz vor der Kronenstraße, das doch recht weit vom Fahrbahnrand entfernt steht. Beim ersten Mal habe ich es nicht gesehen, bei der zweiten Fahrt habe ich danach gesucht und es gesehen.  Und dann geht die Schnitzeljagd los. 

26. September 2021

Die seltsame Verkehrsverpuffung

Quelle, Google Maps
Im Londoner Bezirk Lambeth sollte ein Knotenpunkt für den öffentlichen Verkehr geschaffen werden. Dafür brauchte man Straßenraum, der bisher den Autos vorbehalten war. 

Vauxhall Cross liegt an einer der Stellen, an der man die Themse überquert, hier kreisten Autos über mehrspurige Kreisverkehre, es gab Bushaltstellen und U-Bahnhöfe, die aber nicht miteinander verbunden waren. Fußgänger:innen mussten unterirdisch und oberirdisch mehrspurige Autobahnen queren, Radwege gab es gar keine. In dem Stadtviertel wohnen hauptsächlich Menschen, die sich kein Auto leisten können, aber knapp 10.000 Autos rollten hier zu Spitzenzeiten pro Stunde durch. Es sah also ganz anders aus, als auf dem Google-Maps-Foto von heute.

Computermodelle zeigten, dass es zu einem gigantischen Verkehrschaos kommen würde, wenn man hier  zugunsten des öffentlichen Nahverkehrs, des Fußverkehrs und des Radverkehrs den Autoverkehr um 20 Prozent verringern wollte. Die Verkehrsingenieur:innen waren dagegen. Die Befürworter verwiesen auf das Phänomen der Verkehrsverpuffung (Traffic Evaporation) und die Forschungsarbeit von Goodwin, Hass-Klau und Cairns "Traffic Impact of Highway Capacity Reductions", 1998. 

Das Verkehrschaos blieb aus. Ein Experiment, bei dem der Autoverkehr erst einmal um 15 Prozent reduziert wurde, zeigte, dass auch in benachbarten Bezirken nicht mehr Autos fuhren, und in Spitzenzeiten ging der Autoverkehr um zusätzlichen 2 bis 8 Prozent zurück, die Staus wurden kürzer. Ein Teil der Autos schien irgendwie verpufft zu sein. Sie waren einfach weg. 

24. September 2021

Wieso übersehen wir so oft die Straßenbahn?

Die Dinger sind doch nun wirklich groß. Das Übersehen von anderen Verkehrsmitteln als dem Auto scheint in unserem Straßenverkehr aber weit verbreitet zu sein. 

In Stuttgart hat am Donnerstagabend, den 19. August, eine E-Scooter-Fahrerin beim Leuze die Stadtbahnschienen überquert und ist von einer anfahrenden Bahn erwischt worden. Wer zu der Zeit auf dem Radweg unterwegs war, hat die Sperrung auf dem Radweg mitbekommen. Gefühlt beinahe wöchentlich biegt ein Autofahrer in Stuttgart regelwidrig über die Stadtbahngleise ab und wird von der Bahn erfasst. Solche Unfälle sind auch in anderen Städten häufig. Weniger oft passiert das Radfahrenden. Aber es passiert (wie hier kürzlich in Mannheim oder hier in Dresden) und endet nicht selten auch tödlich, allemal aber mit schweren Verletzungen. Im vergangenen Jahr starb in Ostfildern eine 16-jähriger Radler, der die Schienen überquerte, ohne die Bahn zu sehen. 

Dass wir Radfahrenden nicht gesehen werden, ist ein bekanntes Phänomen. Autofahrende achten nicht auf uns, sie achten auf alles mögliche andere. Worauf man nicht achtet, sieht man nicht. Das hat die Londoner Verkehrsbehörde mit einem Test-Video Autofahrenden vorgeführt. Auf dem Video soll man zwei Baseballmannschaften zusehen und übersieht dabei ein weiteres Element im Video.  Obgleich Radfahrende und Autofahrende nach eigener Einschätzung aufmerksam unterwegs sind, achten sie doch mehr auf ihr Fahrzeug, den Weg vor sich, auf die Instrumente und auf das, was sie als nächstes vorhaben. Je bekannter der Weg ist, desto eher sind wir von etwas überrascht, was dort sonst nie erscheint. 

Sporadische Erscheinung werden ausgeblendet.

22. September 2021

Im Straßenverkehr dürfen Männer Frauen ungestraft schlagen - stellt die Staatsanwaltschaft fest

Es erreichen mich immer wieder ähnliche Geschichten. Radfahrende waren im Recht, wurden von Autofahrenden mit dem Auto bedroht, dann in eine Schreierei verwickelt und sogar tätlich angegriffen, bekamen aber keinen Beistand von Polizei und/oder Staatsanwaltschaft. 

Die heutige Geschichte ist die: Eine Radfahrerin radelt die Seestraße hinauf, was erlaubt ist. Die Straße ist schmal, links und rechts parken Autos, unten beidseitig gegen die Fahrtrichtung der Radlerin. Ein Autofahrer kommt mit seinem breiten Auto herab, die Radfahrerin sieht, dass er noch mal beschleunigt, sie bremst zum Stillstand ab, er bremst so, dass er erst ein paar Zentimeter vor ihrem Vorderrad zum stehen kommt. Sie äußert ihren Unmut. Er beschimpft sie aus dem Auto heraus als Bitch und Fotze und fordert sie auf, mit dem Rad sofort von der Straße auf den Gehweg zu verschwinden.

20. September 2021

Wer hat hier Vorfahrt?

Baden-Württembergs Verkehrsminister hat im August auf Twitter ein Sharepic veröffentlicht (zweites Bild weiter unten). 

Dazu der Text: Auch bei der Einfahrt in den fließenden Verkehr gilt Vorsicht. Fahrradfahrer:innen sollten darauf achten, ob ein Auto kommt oder freie Fahrt ist. Deshalb Schulterblick nicht vergessen!

Aber wieso fahre ich hier denn in den fließenden Verkehr ein?, habe ich mich gefragt. Ich radle doch einfach nur geradeaus weiter, auf derselben Fahrlinie wie vorher. Die Antwort ist für Polizisten, Autofahrende und Verkehrsexperten sicherlich ganz einfach, für uns Radfahrende aber keineswegs und schon gar nicht intuitiv klar. 

18. September 2021

Kann es nicht schneller gehen?

Warum kommt eigentlich der Ausbau des Radverkehrs auch in den Städten, die sich dafür entschieden haben - mit Radentscheiden und Zielbeschlüssen - nur schleppend voran?  

Radwege beschlossen und in der Planung, Fahrradstraßen genehmigt, Radgaragen in Wohngebieten beschlossen und finanziert. Aber wir sehen das alles nicht, es ist nicht da. Wir warten. Ampelschaltung soll geändert werden? Wann endlich? Die Planung dauert, der Durchlauf durch die Gemeinderatsgremien dauert, die Detailplanung dauert, die Umsetzung dauert noch länger. Es dauert und dauert! 

Schuldige sind immer schnell benannt. Mal die Verwaltung, mal die Parteien, mal die Autofahrenden, mal die Radfahrenden, mal der Protest von Interessenvertretungen und Anwohner:innen. Irgendwer bremst immer, so scheint es. Und wenn eine Fahrbahnsperrung für Autos, die Wegnahme einer Fahrspur zugunsten des Radverkehr droht, dann tkommt sofort der Ideologie-Vorwurf. Und wenn solche Sprüche auftauchen wie "den Verkehrsfrieden herstellen" oder "gemeinsam mobil", dann ist damit immer gemeint, dass die Radfahrenden endlich Ruhe geben sollen, damit die Autogesellschaft so weitermachen kann wie bisher, so nach dem Prinzip: "Mir gebbet nix,  die Fahrräder können doch durch den Wald fahren." 

Ich vermute, der Gegenwind der Konservativen wird in den kommenden Jahren sogar noch schlimmer, denn nachdem sich Radentscheide, Grüne und Ökoparteien für die Verkehrswende positioniert haben, kommen jetzt die Hubraumfraktionen in der Gesellschaft so richtig auf Touren, starten Bürgerbewegungen und machen Stimmung gegen Radverkehr und für Parkplätze und Überall-Auto-Fahren.