13. Juni 2024

Radweg oder Radstreifen - beide habe ihre Nachteile

Autofahrende fragen sich selten, wie sich eine Straße anfühlt, die sie fahren müssen, sie sitzen sicher in ihrer gepanzerten Kabine.

Auch Radfahrende machen sich nicht immer bewusst, mit welchen Gefühlen sie die Straßen entlang fahren, auf Radwegen oder Radstreifen, auf Schlagloch-Nebenstraßen oder durch Kreisverkehre. Aber bei allen dürfte auf einer Radfahrt der Puls einmal oder mehrmals ziemlich hoch gehen. Autofahrende machen sich oftmals nicht klar, was sie bei Radfahrenden auslösen, wenn sie ihnen plötzlich zu nahe kommen. Und weder Radfahrstreifen noch Radweg schützen mich vor Nahtoderfahrungen. Ein Beispiel: 

11. Juni 2024

Gepflegtes Chaos am Marienplatz

Eine Viertelstunde herumstehen und gucken, wie der Verkehr funktioniert, mache ich ja gerne.  

An der Einmündung der Tübinger Straße zum Marienplatz erkennt man, dass das Angebot für Radfahrende und Fußgänger:innen nicht richtig passt. An dieser Stelle kreuzen sich der Autoverkehr und der Rad- und Fußverkehr aus vielfältigen Richtungen in verschiedene Richtungen (siehe Karte ganz unten). Auch wenn die Autofahrenden, die aus der Böblinger Straße kommen und in die Tübinger Straße einbiegen, nicht immer langsam fahren (und auch nicht blinken), sind hier im Grundsatz alle recht langsam unterwegs. Chaotische Verhältnisse sind deshalb auch nicht unbedingt unfallträchtiger als andere Stellen. Aber die Verkehrsführung ist nur für den Autoverkehr optimiert, für den Radverkehr und für Fußgänger:innen überhaupt nicht. 

10. Juni 2024

Ist das so gemeint oder kann das weg?

Warum müssen wir Radfahrende uns immer fragen, ob Verkehrszeichen für uns gelten oder nicht? Hat sich wer was dabei gedacht, ist das so gemeint, oder ist es ein Versehen? 

Ist denen, die solche Verkehrszeichen aufstellen klar, was sie bedeuten? Kennen sie ihren Sinn? Offensichtlich nicht. Denn, wer auch immer am vergangen Sonntagmorgen an der Hofener Straße, die sonntags für den Autoverkehr gesperrt ist, damit Radfahrende die Fahrbahn nutzen und Fußgänger:innen auf dem Gehweg ungestört sind, nicht nur die Schranken geschlossen, sondern auch noch diese extra Schranke aufgestellt hat, hat damit auch den Radfahrenden die Durchfahrt verboten. Das nämlich bedeutet das weiße runde Schild mit dem roten Rand. Durchfahrt verboten für alles, was Räder hat, außer Handkarren. Eine Radfreigabe hängt nicht drunter. 

9. Juni 2024

Einfach nur schamlos und frech

Scham kennen manche Autofahrende offenbar nicht. Sie haben gestern, am Samstag, dem 8. Juni, beim Fußballplatz der SpVgg Cannstatt die Grünanlage am Neckardamm erobert und zugeparkt. 

Ich sehe wohl nicht recht, dachte ich, als ich am Morgen (9:30 Uhr) da vorbei radelte in Richtung meines Ruderclubs. Als ich zurück radelte (13:38 Uhr) standen die immer noch so, und es war sogar noch ein Auto dazu gekommen. Auf dem Fußballplatz herrschte reges Treiben. Aber das ist samstags oft so, ohne dass Autos hier stehen. 

Vielleicht waren entlang der Hofener Straße die Parkplätze belegt, mit Sicherheit wollen Leute nicht weit laufen zur Sportveranstaltung. Vermutlich hat eine:r am Morgen angefangen und ist von der Hofener Straße aus reingefahren in den als Fußgängerzone ausgeschilderten Weg und hat sein/ihr Auto dort abgestellt. 

7. Juni 2024

Nicht am rechten Fahrbahnrand radeln!

Dicht am rechten Rand einer Fahrbahn entlang radeln, ist keine gute Idee. Man wird schlechter gesehen, enger überholt und womöglich von einer Autotür erwischt. 

Das am meisten unterschätzte Risiko geht vom Dooring aus. Also Autofahrer stößt seine Fahrertür auf, ohne sich vorher zu vergewissern, dass kein Fahrrad kommt. Das können wir als Radfahrende nicht vorhersehen, es geschieht für uns völlig überraschend. Wir haben auch nicht die geringste Chance der Kollision zu entgegen, denn unser Anhalteweg (Reaktionszeit + Bremsweg) ist bei gemäßigten 20 km/h bereits etwa zwei Autos lang. Auf dem Foto sieht man, wie weit eine Autotür in die Fahrradstraße (Tübinger Str.) hineinragt, nämlich deutlich über den blauen Begrenzungsstrich hinweg. Der Radfahrer, der uns links entgegenkommt, würde dem Kontakt mit der Türkante nur knapp entkommen oder mit dem Knie noch anstoßen. Hinzu kommt, dass Autofahrende jemanden, der ganz rechts an den Autos entlang radelt, noch schlechter sehen, wenn sie vor dem Türöffnen immerhin mal nach schräg hinten umgucken. Ein Radfahrer, der mitten auf der Fahrbahn kommt, hat größere Chancen, gesehen zu werden, ganz abgesehen davon, dass er nicht mit der Tür in Kontakt kommt. 

Es hat für uns aber noch weitere wichtige Vorteile, wenn wir mitten auf der Fahrspur radeln.

5. Juni 2024

Der dümmste Radweg Stuttgarts

Man glaubt es nicht, wenn man es nicht gesehen hat. Stuttgart führt einen Radstreifen auf einen Gehweg und hängt das Schild auf "Radfahrer absteigen." Denn auf dem Gehweg, wo der Streifen hinführt, darf man nicht radeln. 

Und dann ist da jetzt auch noch eine Baustelle entstanden und das Verkehrszeichen Parkverbot steht auf dem Gehweg. Wer denkt sich nur so was aus? Wie kann eine so irre Konstruktion wirklich in Stuttgart auf die Straße gelegt werden, samt Asphaltanwurf am Bordstein. Ist das ein Witz? Will man sich über uns Radfahrende lustig machen? Oder möchte man unbedingt in die internationale Liste der übelsten Radwege aufgenommen werden?

Langsame Autos und rasende Räder

Geschwindigkeiten richtig einzuschätzen, gelingt den Wenigsten. Und das hat einen physiologischen und einen psychologischen Grund. 

Die Geschwindigkeiten Fahrrädern werden meist überschätzt, die von Autos oft unterschätzt, die von Stadtbahnen gar nicht wahrgenommen. 

Die meisten Jogger:innen machen die Erfahrung, dass Fußgänger:innen viel zu spät reagieren und beiseite treten. Sie halten Joggende für viel langsamer als sie sind. Denn optisch sehen sie aus wie sie selbst, wie Fußgänger:innen, die sich immer in Schrittgeschwindigkeit bewegen. Die Geschwindigkeit von Radfahrenden wird dagegen zum einen unterschätzt, zum anderen überschätzt. Viele Radfahrende machen die Erfahrung, dass Autofahrende glauben, sie seien viel langsamer als sie sind, und noch vor ihnen links abbiegen oder sie überholen, um gleich darauf zu bremsen und abzubiegen, was jeweils ein Bremsmanöver auf dem Fahrrad nötig macht. Andererseits halten viele Fußgänger:innen Radfahrende für viel schneller als sie fahren, sie scheinen zu rasen, obgleich sie gerade mal 20 bis 25 km/h schnell sind, was man bei einem Auto für langsam halten würde. 

Wie nehmen wir überhaupt Geschwindigkeiten wahr?

3. Juni 2024

Wie wir den Radverkehr verdreifachen

Auf Wegen bis zu 30 km Länge kann der Radverkehr in Deutschland bis zum Jahr 2035 auf durchschnittlich 45 Prozent steigen. Das würde jährlich zusätzlich 19 Millionen Tonnen CO2 im Verkehr einsparen. 

Das hat das Fraunhofer Institut ISI im Auftrag des ADFC errechnet, wie auch die Tagesschau berichtet. Das geschieht aber nur dann, wenn die Politik sich zu umfangreichen Verbesserungen der Radinfrastruktur entschließt und ein positives Klima für den Radverkehr schafft. Das neue an dieser Potenzialabschätzung ist, dass die Forschenden erstmals nicht nur Wegzeiten und Kosten gegeneinander gestellt, sondern entscheidende Faktoren wie Durchgängigkeit und Dichte des Radwegnetzes, das Sicherheitsempfinden der Radelnden und die Verbindung des Radverkehrs mit Bus und Bahn in ihre Analyse mit einbezogen haben. 

1. Juni 2024

Infrastruktur und Kultur - oder die Angst, das Auto zu verlieren

Kultur steckt in uns wie in Stein gemeißelt. Über die Breite von Radwegen können wir entspannt reden, über die Parkplätze, die er kostet, nicht.
 

Wir haben alle schon den Begriff "Kulturkampf" gehört oder gelesen, wenn es um Fragen der Radinfrastruktur contra Autofahrspuren und Parkplätze geht. Autofahren ist ein Kulturverhalten, weite Teile der deutschen Gesellschaft assoziieren Auto mit Freiheit und Normalität. Wir sind mit dem Auto aufgewachsen und auch heutige Kinder wachsen damit auf. 

Der Alltag - insbesondere weitere Fahrten - lässt sich gar nicht anders bewältigen als mit dem Auto (übrigens dem Verbrenner, nicht dem E-Auto), so lautet die tief gravierte die Inschrift im Gehirn. Radfahrende erscheinen als irre Rebellen, Unangepasste oder Gesetzlose. In den letzten Jahren werden sie zunehmend auch als Ideolog:innen beschimpft, weil sie eine andere Vorstellung von der Organisation von Verkehr haben als die von einer Mehrheit als selbstverständlich und alternativlos akzeptierte. Dies ist allerdings ein Fortschritt, denn das Bedürfnis, diejenigen, die an einer Mobilitätswende arbeiten, verbal zu diskreditieren und das Autofahren als das (sozial-ökonomisch) einzig Vernünftige hinzustellen, zeigt, wie groß die Idee einer Minderheit bereits geworden ist, dass Menschen zu Fuß und auf Fahrrädern mehr Straßenraum bekommen müssen. Die Forderung nach einer Mobiltätswende wird inzwischen so ernst genommen, dass die Angst, sie könnte gelingen, bei vielen Menschen riesengroß geworden ist. Und diese Angst schlägt oft in Hass um.