17. August 2022

Die neurotische Angst vor Radfahrenden

Ein bisschen kurios ist es schon, was zur großen Pause des Katharinen-Stifts im Schlossgarten passiert. 

Wenn die Schüler:innen des Katharinenstifts große Pause haben, dürfen sie raus, queren die Hauptradroute 1 an der Oper und können gegenüber auf dem provisorischen Pausenhof herumstehen. 

Weil Stadt und Schule die Befürchtung haben, dass die Radler:innen die Kinder dabei über den Haufen fahren, stehen Schüler:innen in orangefarbenen Warnwesten herum. Sobald sich ein Radfahrer nähert, wedelt eine Schülerin oder ein Schüler (sofern er/sie nicht gerade abgelenkt ist) mit einem weißen Stock. Nicht in jedem Fall klappt das, bevor der Radfahrer kommt, manchmal auch erst hinterher. Hier auf dem Foto nähert sich gerade die Fahrradstaffel der Polizei. Auch die wird gewarnt, verlangsamt aber ihre Fahrt nicht. Sie radelt so mit 20 km/h. Es ist ja auch gerade kein Kind auf dem Weg. Was für eine Heidenangst vor Radfahrenden wird hier kultiviert. Und völlig unnötig! 

15. August 2022

Eine gute Radinfrastruktur hilft gegen Regelverstöße

Autofahrende missachten sehr viel häufiger die Regeln als Radfahrende. Und wo es nur eine schlechte oder keine Radinfrastruktur gibt, verletzen auch mehr Radler die Verkehrsregeln.


Das ist das Ergebnis einer Studie im Auftrag der dänischen Regierung. Demnach verletzten nur 5 Prozent der Radfahrenden die Verkehrsregeln, während das 66 Proznet der Autofahrenden taten. 

Weil diese Radampel am Wilhelmsplatz sehr, sehr, sehr lange Rot zeigt, radeln die meisten über die parallele Fußgängerampel, die meistens Grün zeigt. Regelwidrig, aber gut begründbar und ohne Gefährdung anderer, ganz im Gegensatz zur Rotlicht- oder Gehwegfahrt im Auto, bei der man Fußgänger:innen und Radler:innen irre gefährdet. 

13. August 2022

Ein Radparkplatz zum Beten

Im katholischen Oberschwäbischen sind Kreuzwege so wichtig, dass man zuweilen sogar Radfahrenden einen Parkplatz anbietet. 

Der hier befindet sich in Niederwangen. Man hat sogar ein Stahlseil durch Ösen an der Wand entlang gezogen, damit man das Fahrrad auch anschließen kann (Bild siehe unten). Sehr aufmerksam. Wenn es ums Seelenheil geht, gehen offensichtlich auch Radparkplätze. 

Kreuzwege, in katholischen Gegenden weit verbreitet, beschreiben in vierzehn Stationen in kleinen Kästen mit Bildern oder Plastiken den Weg von der Verurteilung Jesu durch Pontius Pilatus bis zu seiner Kreuzigung. Sie gehen immer den Berg hinauf (gerne auch entlang von steilen Straßen), weil es für Jesus den Kalvarienberg hinauf zur Kreuzigung ging. Am Ende befindet sich eine Kapelle oder eine Kirche. 

11. August 2022

Ich bin ein radelndes Überholverbot

Die Straße ist schmal, der Autofahrer hinter mir kann mich nicht überholen. Es sei denn, er schrappt eng an mir vorbei, was verboten ist. 

Auf vielen  Straßen sind wir Radfahrende fahrende Überholverbote. Nicht, dass sich Autofahrende sonderlich um Überholverbote scheren, das wissen wir. Aber wenn sie es legal tun wollen, dann geht es eben nicht, sie müssen - auch bergauf - hinter Radfahrenden bleiben. Wie schrecklich sie das finden, erleben Radfahrende auf der Böblinger Straße bergauf. Da lassen geparkte Autos und der sogenannte Schutzstreifen für Radfahrende den Autos nicht die nötigen 1,5 Meter Platz zum Überholen, weil die Fahrbahn durch die Stadtbahngleise begrenzt wird. Weil sich viele Autofahrende nicht an Überholverbote  halten, auch wenn man zur Bekräftigung Überholverbotsschilder für Zweiräder aufgestellt hat, muss die Stadt tätig werden und legt dort einen Radweg an. Die Parkplätze fallen dafür weg. Anders geht es nicht. Ein deutliches Zeichen, dass Autofahrende eigentlich Radstreifen brauchen - nicht wie, sondern sie -, weil sie nur dann auch an Radfahrenden vorbei kommen. 

9. August 2022

Dann klappt das auch mit der Mobilitätswende

Ich finde das Thema so wichtig, dass ich dazu ein paar Worte sagen will, obwohl es nur sehr mittelbar mit dem Radfahren zu tun hat. 

Wir hören und lesen gerade überall, das 9-Euro-Ticket für den Bahnverkehr habe kaum jemanden bewegt, Autofahrten durch Bahnfahrten zu ersetzen, vielmehr seien die Leute mobiler gewesen und hätten mehr Zugfahrten gemacht. Schlagzeile lautet fast immer: Das 9-Euro-Ticket hat mehr Verkehr erzeugt. Das erweckt den Eindruck, es handle sich um das, was mit "Verkehr" assoziieren, nämlich Autoverkehr. Es hat aber mehr Mobilität erzeugt. Leute, die vielleicht kein Auto haben und sich Zugfahrten nicht immer spontan leisten konnten, konnten jetzt mal mit Zügen reisen. Laut der Zusammenfassung auf Tageschau.de ging der Autoverkehr in den drei Monaten nur um rund 3 Prozent zurück. Eine echte Auswertung der Daten hat noch nicht stattgefunden, es sind eher Eindrücke, die die verschiedenen Verkehrsforscher:innen schildern. Fazit: Ohne echten und massiven Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs wird es nicht zu einer Mobilitätswende kommen.  

7. August 2022

Alle Argumente für Parkplätze sind falsch

Der VCD räumt mit beliebten Parkplatz-Mythen auf. Denn sobald in einer Stadt Parkplätze zugunsten einer Busspur, eines Radstreifens oder von Aufenthaltsflächen von Menschen wegfallen sollen, tobt der Widerstand. Die Argumente, die wir dann hören, sind alle falsch. 

Richtig ist nur, dass Menschen in Panik geraten, wenn sie bislang ihr Auto in ihrer Straße geparkt haben. Wohin mit der Karre so schnell? Ich habe schon mehrmals darüber geschrieben, dass viele Autos allerdings ganz schnell einfach verschwinden, wenn die Parkplätze verschwinden, nämlich in Garagen und auf Stellplätze auf dem Grundstück, in Hinterhöfen und ganz woandershin. Dann haben die, die keine andere Möglichkeit haben, als ihr Auto an den Straßenrand zu stellen, genauso viel Platz dafür wie vorher. Diese Kenntnis ist allerdings nicht weit verbreitet, deshalb lohnt es, immer wieder darüber zu reden. 

Weniger Parkplätze bedeuten auch nicht, dass man noch länger nach einem Parkplatz sucht.

5. August 2022

Elektronische Falschparkerüberwachung ist möglich

Eine Ordnungshüterin kann ungefähr 300 parkende Fahrzeuge pro Tag abwandern und kontrollieren. Ein ScanCar schafft 2000 in der Stunde. 

In Berlin und Dortmund gab es bereits Versuche mit Autos, die per Kamera auf dem Dach Falschparker registrieren. Wobei Berlin erst einmal nur damit beschäftigt war, die Straßenränder zu filmen und den Parkraum zu erfassen. Jetzt soll der ScanCar aber zur Kontrolle eingeführt werden. In Genf hat man schon 2016 damit Erfahrungen gesammelt. Hier geht es nicht so sehr um die Erfassung von Falschparkern in Parkverbotszonen, sondern um die Erfassung derer, die nicht zahlen oder deren Parkschein abgelaufen ist. In den Niederlanden sind seit 2012 Autos, Fahrräder oder Motorroller als Scan-Fahrzeuge unterwegs, wie Die Zeit berichtet. Sie erfassen 1000 Autos pro Stunde, Kontrolleure zu zweit aber nur 200. In Amsterdam soll die Quote der Autos, die ohne Gebühr auf kostenpflichtigen Parkplätzen stehen, um ein Drittel gesunken sein.

Digitale Systeme dazu gibt es in den Niederlanden und in Polen zu kaufen. Es funktioniert so: Wer sein Fahrzeug parkt, bezahlt entweder per App oder gibt am Parkscheinautomat sein Kennzeichen ein. Ein Auto mit Kameras fährt die Straßen ab und gleicht die Kennzeichen mit der Datenbank des Parkbetreibers ab. Wenn ein erfasstes Kennzeichen nicht drinsteht oder die Parkzeit abgelaufen ist, wird es direkt an die Bußgeldstelle weitergeschickt. Voraussetzung ist, dass die Parkraumbewirtschaftung digitalisiert ist. Dass soll jetzt auch allmählich in Stuttgart kommen. 

3. August 2022

Radfahren ist doch gar nicht gefährlich!

Wir alle, die wir gerne und oft Rad fahren, hören sie oft: Die Ausreden der Autofahrenden, warum sie nicht aufs Fahrrad umsteigen können. 

Die Seite chrismon hat auf 13 Ausreden ausführlich und klug geantwortet. Blogleser Christian hat mich darauf aufmerksam gemacht. Er hatte vor allem ein Anliegen: Radfahren ist gefährlich - nein, stimmt eben nicht.

Wir tun uns schwer mit Wahrscheinlichkeiten, und wenn wir von Radunfällen hören oder in der Zeitung lesen (wo sie öfter stehen als reine Auto-Auto-Unfälle), dann fühlen sich die, die nicht Radfahren wollen, bestätigt. Dazu tragen auch solche Artikel wie vom Spiegel bei, wo die Unfallversicherer behaupten, wer zum Radfahren auffordere, ohne für mehr Radwege zu sorgen, nehme mehr Tote in Kauf. Dem steht entgegen, dass Radfahren gesünder erhält und das Leben insgesamt verlängert. Das größte Risiko für Radfahrende ist die Luftverschmutzung, das aber sinkt, je mehr Menschen Rad fahren und je weniger mit dem Auto. Luftgifte verkürzen die durchschnittliche Lebenszeit von Radlern um 40 Tage, Unfälle um 9 Tage. Dem steht ein Gewinn an Lebenszeit durch Bewegung und Zufriedenheit von 3 bis 14 Monaten gegenüber. Auch chrismon und der VCD stellen fest: Eine Studie aus England zeigt: Wer regelmäßig Fahrrad fährt, verringert das Risiko, verfrüht zu sterben, um 20 Prozent – und gegenüber Autofahrern sogar um 24 Prozent. Und eines gilt in jedem Fall: Ohne Radfahren lebt man nicht gesünder, sondern ganz im Gegenteil.

1. August 2022

Die leiseste Lobby der Welt

Sie trifft sich am Samstag, dem 27. August in Stuttgart und radelt dann in zwei Wochen über Erfurt nach Berlin. Die TourDeVerkehrswende geht bis zum 10. September.

"Die leiseste Lobby der Welt ist unabhängig von Parteien, Öl und Wetter", sagt Ragnhild Sørensen von Changing Cities. Sie fordert eine feministische Verkehrswende. „Feministische Mobilitätspolitik bedeutet für uns ein komplett anderer Blick auf Mobilität und den öffentlichen Raum. Wer hat Zugang dazu? Wer bewegt sich wie fort und welche Privilegien oder Nachteile sind damit verbunden?“ Und: "Wir müssen uns vom toxischen motorisierten Individualverkehr, dem traditionellen männlichen Familienversorger-Modell, verabschieden: Unser Ziel ist ein neuer, friedlicher und inklusiverer Umgang miteinander im öffentlichen Raum zum Vorteil aller."
Der Zweirat lädt an diesem Abend außerdem zum Nightride ein (siehe unten).