18. September 2022

Wir haben halt keine Radkultur in Stuttgart

Auf der Hauptradroute 1, in der Tübinger Straße beim Gerber gibt es eine Baustelle, und man hat die Fahrbahn in einen reinen Radweg umgewidmet. 

Das ist sehr gut. Danke an die Stadt Stuttgart, dass man an uns gedacht hat. Für Autos und Mopeds ist hier die Durchfahrt verboten. Die Verkehrszeichen stehen da und sind völlig eindeutig, wenn auch für die, die von der Paulinenbrücke her kommen, auf der falschen, der linken Seite (Foto ganz unten). Aber daran kann es nicht liegen, dass die Autofahrenden meinen: Scheiß drauf, ich will hier durch. In den zehn Minuten, die ich da stand, kamen vier Autos von dort, zwei Pkw, ein Lieferwagen mit Anhänger und ein Hermes-Paketdienst. Einer wendete und fuhr nicht rein. 

16. September 2022

Fancy Women Bike Ride am Sonntag

Zum zweiten Mal macht Stuttgart mit beim weltweiten Fancy Women Bike Ride. Wir treffen uns, am Feuersee (Johanneskirche) um 15 Uhr. Schirmherrin ist unsere Parlamentspräsidentin Muhterem Aras, die auch mit radelt. 

Die Tour beginnt am Feuersee und endet am Marienplatz. 

Erfunden wurde die "schicke/abgefahrene Frauen-Radtour" 2013 in der Türkei, in Izmir. Es ging darum, den Bürgermeister aufzufordern, den weltweiten Autofrei-Tag zu begehen und dafür zu sorgen, dass in Städten ein auch für Frauen einladender Raum zum Fahrradfahren geschaffen wird, damit sie ihre Stadt auf neue Art und Weise erleben können. Motto: Je mehr Frauen Rad fahren, desto mehr Frauen werden zum Radfahren ermutigt. Sei eine Frau, sei sichtbar! Mit den Jahren ist die Fancy Frauenradtour zu einem weltweiten Event geworden, das immer um den 19. September herum stattfindet.

14. September 2022

Doppelstock-Radparker

Die Radinfrastruktur rund um den Bahnhof Lindau-Reutin ist noch im Bau. Weil dennoch viele mit dem Rad zum Bahnhof kommen, hat die Stadt etwas provisorisch mehrere Einheiten einer doppelstöckigen Radabstellanlage aufgestellt. 

Keine teure Box, auch vorerst noch ohne Dach, aber wer hier ankommt, weiß, wohin mit dem Fahrrad. Es ist auch nicht allzu schwierig, das Fahrrad ins obere Stockwerk zu kriegen. 

Man muss Kraft aufwenden, um die Stellage runter zuziehen und runterzudrücken, denn starke Gummibänder halten gegen. Dann aber rastet sie ein, man stellt sein Fahrrad in die Schiene und bekommt dann - das ist der Witz dabei - durch die Zugbänder Hilfe beim nach oben Drücken des Fahrrads. Niemand muss hier ein schweres Pedelec nach oben stemmen. Da haben die Entwickler:innen an Frauen und ältere Menschen gedacht. An kleine allerdings nicht so, denn man muss sich schon ganz schön strecken, um das Rad so in die Schiene zu heben, dass es richtig steht.)

12. September 2022

Fahrradfahrten steuerlich absetzen - geht nicht immer

Blogleser Daniel hat mir geschrieben und mich auf eine Lücke im Steuerrecht aufmerksam gemacht, die freiberufliche Radfahrende benachteiligt. 

Er schreibt: "Als selbständiger Berater habe ich dadurch, dass ich mein Auto gegen ein Rad ohne Motor getauscht habe, eine vierstellige Mehrbelastung, was in erster Linie an der unkomplizierten Absetzbarkeit für KFZ-Kosten liegt. Für die Fahrt mit Rad ohne Motor gibt mir das Bundesreisekostengesetz keine Orientierung, wie ich das ansetzen kann. Während alle Fahrten mit einem Motor klar definiert sind (auch für E-Bikes oder Scooter) und ich meinen Kunden dann über das Kilometergeld entsprechende Reisekosten abrechnen kann, ist es offenbar nicht vorgesehen, dass man Geschäftsreisen auch mit einem normalen Fahrrad erledigen kann. Ganz zu schweigen davon, dass ich natürlich die Reisezeit nicht nach tatsächlicher Dauer abrechnen kann, das würden meine Kunden nicht mitmachen. Meine Steuerberaterin sagt, für das Rad bliebe mir nur die tatsächlich angefallenen Kosten anzusetzen - also, wenn mir zum Beispiel ein Schlauch platzt. Ich fahre alles gerne mit dem Rad und habe viele Vorteile durch meinen Umstieg aufs Rad, aber wenn ich steuerlich rechne, müsste ich mir eigentlich sofort wieder ein Auto kaufen."

Zumindest müsste er sich ein S-Pedelec kaufen.

10. September 2022

Gelbe Karte bei Störungen auf dem Radweg

In Stuttgart haben wir Radfahrenden eine schnell und wirksame Möglichkeit, mit der Verwaltung in Kontakt zu treten. Nämlich die Gelbe Karte. 

Viele von uns, vor alle, die, die dieses Blog lesen, wissen das und nutzen das Mittel auch. Sind Scherben auf dem Radstreifen, liegt Laub oder irgendwelches Gerümpel auf dem Radweg, dann wählt man den Online Service der Stadt und füllt das Formular aus, genaue Ortsangabe ist sehr wichtig, dann kann die AWS ausrücken und fegen oder weggräumen. Das klappt recht gut. 

Wuchert Grün in den Radweg, hängen Zweige zu tief, versperren Büsche die Sicht oder ragen aus privaten Gärten dornige Rosenzweige in den Radweg, dann kann man ans Garten- und Friedhofsamt schreiben. Wer sich beim Blick auf die Adressseite des GFF fragt, an wen er/sie jetzt schreiben oder wen anrufen soll, dem empfehle ich wiederum die Gelbe Karte ausfüllen, die wird dann weitergeleitet. Diese Kontaktadressen und Links hat die Stadt unter dem Titel "Fahrrad - Fahrrad und Service" veröffentlicht. Ich höre, dass das allgemein zufriedenstellend klappt und besser als früher. 

Das Kritischste sind nach unserer Erfahrung zugeparkte Radwege.

8. September 2022

Die Macht des Tabus, das wir Auto nennen

Tabu bedeutet eigentlich "unverletzlich", "heilig" und "unberührbar" und stammt aus dem Polynesischen. Was tabu ist, muss den religiösen Vorstellungen zufolge, streng gemieden werden, weil es gefährliche Kräfte besitzt. 

Das Auto, so sagt man, ist uns Deutschen (und nicht nur uns) heilig. Die meisten von uns haben große Scheu, ein fremdes Auto anzufassen. Findet ein Autofahrer einen Falschparker-Aufkleber an seiner Seitenscheibe, ist er vor allem deshalb aufgeregt, weil er sieht, dass jemand sein Auto berührt hat. Manche Autofahrer erden sogar bereits so wütend, dass sie zuschlagen, wenn man sie mit dem Fahrrad nur ausbremst oder sonstwie an der Weiterfahrt hindert. Die Polizei hat man dann als Opfer nicht auf seiner/ihrer Seite. 

Das Auto ist zugleich ein Gegenstand, der ein Tabu herstellt, nämlich rund um den, der es fährt. Das Auto ist der einzige Ort im öffentlichen Raum, in den niemand eindringen kann und darf. Es macht seine Insassen zu Unberührbaren, zu Heiligen und Unverletzlichen. 

6. September 2022

Gefährlicher Eingriff in den Fußgänger- und Radverkehr

Wie selbstverständlich werden Autos, Schilder und Gerümpel auf dem Gehweg abgestellt oder auf dem Radweg. 

Autos, Motorräder, E-Scooter, Fahrräder, Schilder, Tische und Stühle, alles steht einfach so im Weg herum, hauptsächlich auf Gehwegen. Parkplatzsuchen ist out. Man stellt das Auto einfach mal schnell ab. "Da geht ja niemand", heißt es dann. Kein Wunder, auf Gehwegen gehen ist nicht leicht, mit dem Rollstuhl und mit Kinderwagen oftmals unmöglich. Deshalb gehen auch so wenige Menschen zu Fuß. Ihre Wege sind nicht frei. 

4. September 2022

Ist Radfahren Ideologie und Autofahren nicht?

Im politischen Diskurs um die Verkehrswende haben die Rechten (also, die, die unbedingt wollen, dass der Verkehr so bleibt wie er ist: autobetont), das Wort "Ideologie" als Kampfbegriff gegen alle etabliert, die eine Verkehrswende wollen. 

Da heißt es dann "Rad-Ideologie" oder "Wir machen Verkehr ohne Ideologie", und alle verstehen das genau so, wie diese Leute es meinen: Fahrradpolitik sei ideologisch, eine Politik fürs Auto nicht. Also: Veränderung geschehe immer aus einer Ideologie heraus, das Beharren auf dem Status quo dagegen habe damit nichts zu tun. 

Es gibt ausgefeilte Definitionen von Ideologie, aber vielleicht können wir uns hier auf auf diesen Aspekt einigen: Ideologie unterwirft die Erkenntnis der Welt und die eigenen Argumente immer einer Absicht, die blind macht für Wirklichkeit. Ich habe mich schon vor sechs Jahren darüber gewundert, dass Radfahren eine Ideologie sein soll, Autofahren aber keine. 

2. September 2022

Mehr Fahrrad auf dem Land ist möglich

Auch auf dem Land geht viel mehr mit Fahrrädern, als man immer denkt. Zur Arbeit hat man vielleicht einen Weg von 20 bis 90 km. Andere Wege sind dagegen kürzer als in der Stadt. 

Dass auch längere Arbeitswege oftmals mit Pedelecs zu schaffen sind - und mit deutlich mehr Vergnügen und Wohlbefinden als mit dem Auto - schildert eine Familie aus Bayern hier B24. Die fährt Rad, auch weit und hat eins von zwei Autos abgeschafft und das Auto nur noch für Notfälle. 

Auf dem Land fällt der Umstieg manchen erstaunlich schwer, denn, weil man meint, ohne Auto gehe nichts, stehen (je nach Alter der Kinder) oftmals zwei bis drei Autos auf dem Hof, in der Straße oder auf dem Grundstück. Und dann nimmt man es auch für die kurzen Fahrten in den Ort zum Bäcker oder für Einkäufe. 

Jetzt, wo die Benzinpreise steigen, entdecken aber auch viele auf dem Land das Fahrrad für ihre Besorgungen.