16. Januar 2023

Das Zwei-Ampel-Problem von Karlsruhe

Ist die Radlerin bei Rot gefahren oder bei Grün? Darüber stritten sich in Karlsruhe Polizei und eine Radfahrerin. Schließlich vor Gericht. 

Karslruher Radler:innen waren sehr gespannt auf das Urteil, denn die Situation ist ziemlich komplex, so komplex, dass man aus dem ersten Bericht der  Badischen Neuesten Nachrichten nicht erschließen konnte, was passiert war, und der Radfahrerin Recht geben musste. Die Richterin hat aber der Polizei Recht gegeben, und das hing nur mit der Route zusammen, die sie genommen hatte. Das geht aus dem nachfolgenden Artikel über das Urteil hervor. 

Die Situation an dieser Kreuzung ist so kurios, dass ich das hier mal auseinanderklamüsern will. Auch weil wir wieder einmal sehen, wie verzwickt die Verkehrssituationen und die sich daraus ergebenden Regeln für Radfahrende sind und dass sie beim Wechsel aus einem Fußgänger-/Radwegbereich auf die Fahrbahn eigentlich nur Fehler machen können. 

14. Januar 2023

Eine Geschäftsfrau kann nicht Rad fahren

Diese Auffassung vertrat ein ehemaliger Kantonsrat in der Schweiz, der sich für nachhaltigen Stadtverkehr einsetzt bei dem Thema "Die Hälfte der Stadt für den Radverkehr". Alte Leute, Geschäftsfrauen und Pendler aus dem Umland könnten nicht Rad fahren. Punkt. 

Ich komme immer ins Grübeln, wenn alte Leute - er meint vermutlich Mobilitätseingeschränkte - und Frauen in einem Atemzug genannt werden. Was ist mit den Frauen - in diesem Fall den Geschäftsfrauen - passiert, dass sie so bewegungseingeschränkt sind, dass sie nicht mehr Rad fahren können? An welcher Behinderung leiden sie? 

Die Antwort kennen wir alle: Das Manager-Magazin stellt fest, die Frau solle weiblich und seriös zugleich auftreten. Eine Stilberaterin rät: "Die Frau soll attraktiv auftreten, ruhig auch mal im Kostüm, das die Figur zur Geltung bringt, aber nicht zu bunt." Auf keinen Fall dürfe sich die Frau nur um ihre Karriere kümmern und darüber ihr Äußeres vernachlässigen. Wenn Geschäftsfrauen älter werden, gilt es zudem, die Haut unter Blazern zu verbergen, auch im Hochsommer. Klingt alles ein bisschen nach Geschäftsburka.

12. Januar 2023

Stuttgarter Radverkehr nimmt langsam zu

Wenn es auch nicht in Sprüngen, sondern in kleinen Schritten aufwärts geht. Inzwischen messen elf Zählstellen den Radverkehr. 

Vergleicht man die Daten der Zählstellen von 2021 mit denen von 2022 gibt es zwei Auffälligkeiten und insgesamt eine Zunahme des Radverkehr von ungefähr 8,5 Prozent. Die größten Steigerungen gab es auf der Stuttgarter Straße in Feuerbach mit knapp 28 % und in der Lautenschlagerstraße in der Innenstadt mit knapp 22 %. Auf der König-Karls-Brücke ging der Radverkehr hingegen im vergangenen Jahr leicht zurück, so etwa um 1,5%. Vielleicht haben sich Radler:innen Alternativwege gesucht. Auch in der Waiblinger Straße gab es eine Steigerung von gut 10 %, obgleich der Anschluss über den Wilhelmsplatz in Cannstatt suboptimal ist. Auch über den Samara-Weg (das ist bei den Leibfriedschen Gärten zwischen Nordbahnhof und Pragsattel) ist man auffällig fleißiger geradelt (kapp 15 %). Hier mein Diagramm: 

10. Januar 2023

Riemen oder Kette

Bis vor zwei Jahren bin ich immer mit Kette geradelt, sei zwei Jahren fahre ich mit einem Riemen. Deshalb versuche ich jetzt mal einen Vergleich. 

Der Riemen geht nur, wenn man eine Nabenschaltung hat oder ein Fixie oder ein Single-Speed oder ein Rad mit Schlumpfschaltung fährt. Eine Kettengangschaltung (die außen liegt) braucht eine Kette. Ich bevorzuge die Nabenschaltung, weil sie das Schalten in der Stadt leichter macht. Schnell bremsen, aber man ist noch im hohen Gang: Die Nabenschaltung erlaubt das Runterschalten für den Start, eine Kettenschaltung erlaubt den Gangwechsel nur beim Pedalieren. Wechselt man den Gang bei einer Nabenschaltung, darf man wiederum das Pedal nicht belasten, muss also kurz Kraft rausnehmen, was manche beim Runterschalten auf Bergfahrten als Nachteil empfinden. Nicht entscheiden können sich die Fachleute, ob der Wirkungsgrad von Riemen oder Kette größer ist. 

Die Kette:

8. Januar 2023

Wenn der Radweg gefährlicher ist als die Fahrbahn

Fährt der Radfahrer nicht auf dem Radweg, sondern auf der Fahrbahn, holt ihn die Polizei raus und belegt ihn mit einem Bußgeld. Denn, wo das blaue Radwegschild steht, müssen wir radeln. 

Genau das ist einem Blogleser im August auf der Holzstraße passiert, als er nicht auf dem Radweg, sondern nebendran auf der Fahrbahn radelte. Er bevorzugt ohnehin das Fahrbahnradeln. Auf Twitter hat er die Chronologie des Konflikts mit Polizei und den Behörden dargestellt. Miteinander telefoniert haben wir auch. Geklärt ist die Sache noch nicht. 

Es handelt sich um ein ganz grundsätzliches Problem. Wie rigoros darf eine Stadt Radfahrende auf einen unsicheren Radweg zwingen? Darf sie das überhaupt? Die Lösung kann und darf hier an der Holzstraße nicht heißen, den Radler auf den Radweg zu verdammen, sie muss heißen: Hier die Radwegbenutzungspflicht aufheben! 

6. Januar 2023

Nudging - die sanfte Suggestion

Wir handeln und entscheiden meist aus Gewohnheit. Und gute Vorsätze reichen nicht aus, um beispielsweise mit dem Rad zu fahren. Sanfte Suggestion könnte helfen, Gewohnheiten zu verändern, ohne Vorschriften zu machen. 

Man nennt es nudging, was sowas wie "anstupsen" heißt. Die Werbung macht das und in Supermärkten wird es gemacht, indem das, was wir kaufen sollen, aber nicht vorhatten zu kaufen, in unserem Blickfeld liegt. Schilder mit Handlungsempfehlungen haben den gleichen Zweck. Aus Coronazeiten kennen wir Schilder zum richtigen Händewaschen, die noch vielerorts hängen. Ein typisches Nudging auch ist der Geschwindigkeitsanzeiger mit Smiley und Merkel-Mund, der Autofahrenden eine direkte Rückmeldung gibt, wenn sie zu schnell sind. Was wir in Stuttgart nicht haben, aber gut wäre, sind Ampeln, die für Fußgänger:innen und Radfahrende die Wartezeit herunterzählen. Das hilft, dass Leute warten, statt irgendwann ungeduldig loszulaufen oder loszuradeln. Solche Nudges stupsen die Leute in Richtung eines gewünschten Verhaltens, ohne es anzuordnen. 

Leider wird in Deutschland massiv in Richtung Auto gepusht. Wir beginnen aber durchaus, auch in Richtung Radfahren zu stubsen. 

4. Januar 2023

Besser als reflektierende Westen

Wenn ich im Auto sitze, erkenne ich bei Nacht einen Radfahrer weit vor mir an den sich auf und ab bewegenden Rückstrahlern der Pedale. Nichts ist so eindeutig wie das. 

Das rote Rücklicht fällt erst später auf, vor allem, wenn er winzig ist. Von der Seite sind Radler oft an den Radreflektoren zu erkennen, auch nicht schlecht. Hilfreich sind aber auch Reflektoren an den Knien oder Knöcheln, um aus der Ferne sofort als Radler:in identifiziert zu werden. 

Wenn man als Mensch auf dem Fahrrad auf reflektierende Kleidung setzt, scheint es tatsächlich entscheidend zu sein, wo man die Reflektoren trägt. Die Süddeutsche berichtet, dass eine Studie von 2012 herausfand, dass 67 Prozent der Verkehrsteilnehmer:innen (vermutlich Autofahrende) einen Radfahrer im Dunkeln anhand der reflektierenden Weste erkannte. Aber 94 Prozent erkannten ihn, wenn die Radfahrenden die Reflektoren am Knie oder an den Knöcheln trugen. Es geht im Verkehr nicht nur darum, wahrgenommen zu werden, sondern auch darum, als Radfahrer erkannt zu werden. Nur dann können Autofahrende richtig reagieren. Und wenn das reflektierende Material die Tretbewegung betont, dann wird das schnell mit einem Menschen auf dem Fahrrad in Verbindung gebracht. 

Der Artikel in der Süddeutschen aus dem Jahr 2017 zählt noch sieben weitere Sicherheitstipps für Radfahrende auf. 

2. Januar 2023

Gewalt durch Mobilität

Ich habe oft darüber geschrieben, dass unser Verkehrssystem gewalttätig ist. Im Juni hat das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung eine Analyse veröffentlicht, die den Titel hat: Gewalt durch Mobilität. 

Die beiden Autorinnen vertreten Ansicht, dass es im Straßenverkehr, der vom privaten Autoverkehr geprägt ist, gewaltsam zugeht: "Viele Menschen werden bei Unfällen verletzt oder sterben, durch Lärm, Abgase und Feinstaub werden Menschen krank und deren Lebenserwartung verkürzt, das Primat des Autos bestimmt den öffentlichen Raum. Die Verkehrswende, weg vom Pkw, würde nicht nur einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Sie würde Menschen vor dieser täglichen Gewalt schützen." 

1. Januar 2023

Es gibt schon noch reichlich zu tun

Mit dem Radverkehr sind wir zwar auf dem Weg in die Moderne, aber noch ziemlich am Anfang. 

Das Foto von der Holzsstraße (von einem Haus gegenüber fotografiert) zeigt symbolhaft fast alles, woran es in Stuttgart noch hakt. 

Enorm viel Platz für Autos: Wir sehen den Beton-Schacht der B14, der Autobahn, die die Innenstadt durchschneidet und dem Autoverkehr teils auf zehn Spuren Platz gibt, während es dort keinen für den Radverkehr gibt. Es ist nicht die einzige solche Stadtautobahn. Radfahrenden ist es auf ihnen fast immer verboten, über die großen Kreuzungen nach links abzubiegen, sie müssen die Fußgängerampeln nehmen.  

Nicht sichere Radwege: Wir werden über schmale Radwege geleitet, die wie hier an der Holzstraße, von Autos überquert werden, deren Fahrer:innen nicht immer mit dem Radverkehr zurecht kommen. Meistens geht es glimpflich ab, aber immer mal wieder fährt ein Autofahrer einen Radler um. Konsequenzen hat das keine. Eigentlich hätte die Dorotheenstaße schon autofrei sein sollen (was in Stuttgart immer heißt: Busse, Taxis und Lieferfahrzeuge dürfen durch, oft gibt es auch Behindertenparkplätze), doch vor Weihnachten wurde die Umgestaltung abgebrochen und die Straße dem (fahrenden und stehenden) Autoverkehr überlassen.