1. Februar 2023

Die Lüge von der Gefährlichkeit des Radfahrens

Das Fahrrad sei das tödlichste Verkehrsmittel, titelte einst der Spiegel. Nein, ist es nicht: Das Auto ist das tödlichste Verkehrsmittel.  

Die Medien neigen grundsätzlich dazu, Radfahren als gefährlich hinzustellen und uns mit Ratschlägen zu bedrängen, die unser Risiko mindern sollen, getötet zu werden (Warnwesten, Glitzerkleidung, Helme). So entsteht der Eindruck, als seien wir Radfahrende hauptverantwortlich dafür, dass Autofahrende uns verletzen oder töten. Das spiegelt sich auch in zahllosen Polizei- und Pressemeldungen über Zusammenstöße von Autofahrenden mit Fußgänger:innen oder Radfahrenden wider, übrigens aus wirtschaftspolitischen Gründen. Die Folge: Viele Menschen, die hauptsächlich Auto fahren, halten Radfahren für so riskant für ihr eigenes Leben, dass sie es als Fortbewegungsmittel für den Weg zu Arbeit ausklammern. Berichte in den Medien (auch hier im Blog) über getötete Radfahrer:innen tragen ein Übriges zur Angst bei. Wobei im Gegensatz dazu Berichte über getötete Fußgänger:innen nicht dazu führen, dass man das eigene zu Fuß Gehen infrage stellt. Und das hat einen guten Grund. 

31. Januar 2023

Genial! - Schotterpiste statt Hauptradroute

Huch! Wie bitte? Etliche Radler:innen fragten sich gestern und heute morgen, was das ist. 

Zwischen Ferdinand-Leitner-Steg und Innenministerium wurde die Verkehrsführung geändert. Bis Freitag bleibt das so, dann soll der Steg über die Baustelle von der Bahn verrückt worden und wieder befahrbar sein. 

Bis dahin radeln wir auf einer Schotterpiste, die kein Radweg mehr ist, sondern ein Gehweg mit Rad frei. Nicht etwa ein gemischter Geh-und Radweg. Wozu soviel Luxus? Und sonst würden Radler:innen ja wieder mal reihenweise  Fußgänger:innen anfahren, tun sie ja immer, wenn da ein Radwegzeichen steht.  

Fußgänger:innen irren nun meandernd über die ganze Breite der Fläche - macht nichts - wir dürfen ja eh nur Schrittgeschwindigkeit radeln. Ein E-Scooter-Fahrer, der bis dorthin auf Radwegen fuhr, steigt ab, vermutlich nicht, weil das hier auf einmal Gehweg ist und er nicht fahren darf, sondern weil der Untergrund steinig und hoppelig ist. In den vielen überraschenden Kurven sollten auch Radfahrende nicht zu schnell sein, sonst rutscht ihnen das Rad weg. 

30. Januar 2023

Lautenschlager Straße autofrei

Endlich ist die Lautenschlagerstraße für den Autoverkehr gesperrt. Bisher durfte man nur nachts am Wochenende nicht durchfahren. Man wollte ja nur das Posen verhindern. 

Wer mit dem Auto vom Bahnhof her kommt, liest zuerst auf einem Schild, dass die Verkehrsführung geändert wurde, und sieht dann dieses Linksabbiegegebot. Darunter hängt das Schild, das dem Lieferverkehr erlaubt, von 5-11 da reinzufahren. Als ich das Foto aufnahm war es 11:28 Uhr. Die meisten Autofahrenden bremsen, manche halten sogar an (wie der Fahrer des dunklen Autos auf dem Foto), studieren die Verkehrszeichen am Straßeneingang und biegen dann doch noch nach links ab. 

28. Januar 2023

Warum radeln so wenige im Winter?

Weil es kalt, dunkel und nass ist. Die Menschen in den Niederlanden oder Kopenhagen sagen das allerdings nicht. Die meisten radeln das ganze Jahr über. 

Die Zeit fragt, warum radeln die Deutschen nicht im Winter? Der Artikel verschwindet allerdings auf Seite 2 hinter der Bezahlschranke. Aber auch der Deutschlandfunk Kultur hat die Frage an  denselben Soziologen Ansgar Hudde gestellt, der Fahrraddaten auswertet.  

Aus dem Gespräch erfahren wir: Im Sommer fahren die Niederländer:innen ein gutes Drittel mehr Fahrrad als wir, im Winter dagegen fast doppelt so viel. Womit auch klargestellt ist, dass nicht nur weniger Niederländer:innen im Winter radeln, sondern auch dass viele Menschen - auch in Stuttgart - selbstverständlich im Winter ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs sind, nur eben deutlich weniger als bei gutem Wetter. Aus den Radnutzungsdaten, die Hudde auswertet, geht hervor, dass wir in Deutschland auf Temperaturen und Dunkelheit empfindlicher reagieren als woanders. Hudde meint, wir hätten eine andere (oder keine) Fahrradkultur. Das verrate schon das Wort "Fahrradsaison", mit dem die Medien im März oder April in ihren Artikeln operieren, um über Fahrradkauf, Fahrradreparatur und dergleichen zu informieren. Wenn es eine Fahrradsaison gibt, gibt es natürlich auch eine, die nicht fürs Radfahren da ist. In traditionellen Fahrradstädten wie Münster oder Freiburg scheint es etwas besser zu sein (Daten gibt es dafür nicht), zumindest die Student:innen radeln wohl das ganze Jahr, denn für die ist es Normalität.

Wie überzeugt an aber nun die Schönwetter-Radler:innen, im Winter nicht aufs Auto (oder in Busse und Bahnen) umzusteigen? Hudde meint: 

26. Januar 2023

Das Experiment Dorotheenstraße

So, jetzt sind die Parkplätze auf der Dorotheenstraße weg. Nur Taxis dürfen dort noch stehen. 

Und eigentlich soll die Straße, die die Markthalle mit der Holzstraße verbindet, ja autofrei werden, wie alle Straßen in der inneren City. Nur die Zufahrten zu Parkhäusern sollen noch befahrbar sein. Allerdings muss dafür der Busparkplatz verlegt werden, denn Busse müssten sonst wenden. Und die Taxis müssten auch weg. Solange das noch nicht so ist, fahren immer noch zu viele Autos unten über den Radweg Holzstraße raus auf die Fahrbahn mit den bekannten Konflikten. Und Taxifahrende sind da nicht unbedingt die defensivsten. Der samstägliche Parkplatzsuchverkehr dürfte auch erst aufhören, wenn vor der Markthalle keine Parkplätze mehr sind. 

24. Januar 2023

Fahrrecht statt Fahrpflicht auf Radwegen

Viele Radfahrer:innen dürften wissen, dass Radwege benutzungspflichtig sind, wenn an ihnen die blauen Schilder stehen, auf denen ein Radzeichen zu sehen ist. 

Nur unter ganz bestimmten Bedingungen erlischt diese Benutzungspflicht. Auf manchen Radwegen wollen manche aber eigentlich lieber nicht radeln, weil man an jeder Einmündung in gefährliche Konflikte mit unachtsamen Autofahrenden geraten kann. Überzeugte Fahrbahnradler:innen fluchen über die Benutzungspflicht, die das Radfahren komplizierter macht. Die meisten fühlen sich allerdings auf Fahrbahnen so unwohl, dass sie unbedingt auf baulich getrennten Radwegen fahren wollen. Wir wissen, dass vom Autoverkehr getrennte Radführungen den Radverkehr steigern. Fehlen sie, radeln viele gar nicht, weil sie sich unsicher fühlen. Fußgänger:innen müssen auf Gehwegen gehen, wenn es sie gibt, Radfahrende müssen auf Radwegen fahren, wenn sie so beschildert sind. Aber ist das noch zeitgemäß? Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass Radwege nicht sicherer sind als Radfahrstreifen oder das Radeln im Längsverkehr mit den Autos. 

22. Januar 2023

Lernen auf Rädern

Erfunden hat es ein österreichischer Lehrer und Sportwissenschaftler 2007. Seit über zehn Jahren sitzen dort in einigen Schulen Schülerinnen und Schüler nicht auf Stühlen, sondern auf Radergometern. 

In Deutschland folgten je eine Schule in Aschaffenburg und Bremen dem Beispiel. In Bremen sind zu den Radergometern auch noch Laufbänder dazu gekommen. Ausgangslage war die Forderung nach einer Stunde Sport pro Schultag, was nicht machbar war. Also bewegten sich die Kinder und Jugendlichen  eben eine Stunde pro Schultag auf einem Fahrradergometer. Der Lehrer Martin Jorde stellte in seiner Gymnasialklasse fest, das sich nicht nur die Fitness seiner Schüler:innen positiv veränderte, sondern auch ihr Sozialverhalten und ihre Noten. Die Schülerinnen und Schüler finden das gut. Sie sagen, sie könnten sich besser konzentrieren, wenn sie dabei moderat treppeln, sie könnten Stress abbauen und auch mal auspowern. Die Klasse ist insgesamt viel ruhiger.

20. Januar 2023

Erst wenn die Stadt fahrradfreundlich ist , fahre ich Rad

Viele wollen abwarten, bis die Stadt fahrradfreundlich ist. Bis dahin fahren sie Auto, weil ihnen Rad fahren zu gefährlich erscheint. 

Die taz hat im November eine junge Leserin aus der Schweiz eine "Verständnisfrage" stellen lassen. Sie fragt, warum Autofahrer:innen in der Stadt nicht längst aufs Rad umsteigen. Eine ältere Autofahrerin aus Krefeld antwortet sehr ausführlich und durchaus nicht autofreundlich. Sie habe tatsächlich vor einem Jahr mit dem Gedanken gespielt, sich ein Fahrrad zu kaufen, es aber verworfen. Denn so wie sie hinterm Lenkrad den Verkehr wahrnehme, erscheine ihr das Radfahren zu gefährlich. Die Stadt priorisiere das Auto, und Autofahrende würden sogar durch die Fahrradstraße brettern, in der sie wohnt. Sie mag Autos nicht, das ist klar. Allerdings ist sie Fotografin und muss 10 kg transportieren und das oft frühmorgens (also vermutlich bei Dunkelheit). Durch den Wald würde sie ja radeln, aber offenbar keinen Meter durch den Stadtverkehr. 

18. Januar 2023

Vizepferd, Flitzepie und andere Fahrrad-Wörter

Wir wissen, dass die Niederländer das Fahrrad "fiets" nennen. Aber nicht einmal die Niederländer wussten bis vor zehn Jahren, wo das Wort herkommt. 

Als ein Sprachwissenschaftler aus Gent Freunden im südlichen Rheinland eine Flasche Cider schenkte und sie den Apfelwein "Viez" nannten, was für Vizewein, also Ersatzwein steht, kam er ins Grübeln und besprach sich mit anderen Linguisten. Offenbar nannte man in Deutschland das Fahrrad, als es erfunden wurde, zunächst Vizepferd, und daraus wurde in den Niederlanden das fiets.* 

Die Briten griffen dagegen auf ihre klassische Bildung zurück.