17. September 2023

Fußgänger prügelt auf Radfahrer ein

Blogleser B. ist gestern Nachmittag Zeuge eines erschreckenden Vorfalls geworden, der den unbändigen Hass auf Radfahrende zeigt.
 

Er war mit einer großen Gruppe auf dem Gehweg entlang der Jahnstraße in Degerloch zwischen Reutlingerstraße und Hans-Neuffer-Weg unterwegs. Die Fußgänger:innen nahmen die ganze Breite des Gehwegs ein. Entgegenkommende Radfahrende kamen nicht durch und mussten anhalten. Ein Radfahrer kam von hinten und ein Mann, Mitglied der Gruppe, rief "Vorsicht Radfahrer" nach vorn. Der Radfahrer klingelte wohl auch. Man machte freundlich Platz. Der Radler fuhr sehr langsam an allen vorbei, bis er auf Höhe eines älteren Herrn mit Stock war. 

Der sah es nicht ein, einen Schritt beiseite zu treten. Statt dessen rammte er seinen Stock in die Speichen des Fahrrads. Der Radfahrer kippte, war aber natürlich so langsam, dass er nicht stürzte, sondern nur abstieg. Das an sich ist schon erschreckend. Noch erschreckender war aber, dass der Mann dann mit der Faust auf den Radler einschlug. Der Radler (auf dem Foto oben in weißer Tenniskleidung) versuchte die Schläge zu stoppen und fiel dem Schläger in den Arm. Der Mann, der anfangs die Gruppe auf den Radfahrer aufmerksam gemacht hatte, griff beherzt und deeskalierend ein, und nach einer Weile konnte der ältere Herr beruhigt werden. Auf dem Foto sieht man den Stock, das Fahrrad weiter hinten und den Mann in dunkler Kleidung und den Radfahrer in heller Kleidung.

15. September 2023

Warum Leonardo das Fahrrad nicht erfand

Das Fahrrad ist ein Zwischending. So beginnt Elmar Schenkel seinen Essay "Cyclomanie" übers Radfahren in der Literatur. 

Auto, Eisenbahn und Flugzeuge gehörten zum Drama und großem Roman, dem Fahrrad aber, das nicht auf Autobahnen fahren darf und dennoch zwischen Autos auftaucht, sei wie dem "hybriden Essay" eine Zwischenstellung eigen. 

Gleichzeitig teilten Radfahrer (Radfahrerinnen kannte man 2008 noch nicht) sich oft, ob legal oder nicht, Fußwege mit Fußgängern und Reitwege mit Reitern. "Überhaupt schlängeln sie sich manchmal durch das Gesetz." Der Autor stellt fest, das Fahrrad sei in einer "Zeit nach der elektronischen Sintflut" vorsintflutlich anmute, "eine gleitende Paradoxie. Aber es übertrumpft alle komplizierte Maschinerie in einem wichtigen, eines Tages vielleicht überlebenswichtigem Punkt: Es hat die beste Ratio von Energieverbrauch. Gebe ich einem Radfahrer ein Pfund Speck, so kommt er mit den Kalorien entscheidend weiter als alle anderen Fahrzeuge und Tiere dieser Erde." 

Das Trauma der Erfindung des Laufrads und Fahrrads wirkt bis heute nach. Immer schon hatte es etwas von einer Teufelsmaschine, einem Hexenbesen oder einem Umsturzvehikel. 

13. September 2023

Sozial wäre es wenn ...

Ich höre oft das Argument, es sei unsozial, wenn man Parkplätze verteuert oder eine City-Maut einführt, kurz das Autofahren teurer macht. Dann könnten sich arme Leute das Auto nicht mehr leisten. 

Kürzlich argumentierte eine Bürgerin in einem Fernsehbericht gegen Anwohnerparktgebüren von 300 Euro im Jahr damit, dass sich Rentner:innen, die von der Grundischerung lebten, das nicht leisten könnten. Die Grundrente beträgt derzeit ungefähr 1.100 Euro. Ein Kleinwagen kostet ungefähr 300 Euro im Monat, ein Mittelklassewagen 400, wenn man nicht mehr als 15.000 km pro Jahr fährt (darin eingerechnet, Werkstatt, Reifen, TÜV, Steuern, Versicherung etc.). Es dürften sich also nicht viele, die von der Grundsicherung leben, überhaupt ein Auto leisten können. Sie dürften sich aber sehr freuen, wenn der öffentliche Nahverkehr bezahlbar ist, erreichbar ist und vor allem oft genug fährt. Das Deutschlandticket kostet derzeit 49 Euro (Bonus-Card 24,50 €) im Monat. Ein Elektrodreirad ist in der Anschaffung zwar so teuer wie ein Gebrauchtwagen, aber im Unterhalt sehr viel billiger. Dafür aber bräuchte es eine Radinfrastruktur, die keine Angst macht. Auch die Krankenpflegerin würde sich freuen, wenn der ÖV auch nachts zuverlässig fährt, damit sie für die Nachtschichten kein Auto braucht, das viel von ihrem Einkommen auffrisst. Oder über sichere, gut beleuchtete und im Winter geräumte Radwege, damit sie den Weg mit dem Fahrrad zurücklegen kann. 

Mir kommt es so vor, als erinnerten sich die finanziell gut gestellten Leute immer erst dann der finanziell Benachteiligten, wenn sie selbst fürchten, ein Privileg zu verlieren, das mit ihrer Autonutzung zusammenhängt.

11. September 2023

Die Häme der Gestrigen

Noch ist nicht entschieden, wer in den kommenden Jahren politisch die Oberhand bekommt: Diejendigen, die wissen, dass unsere Kinder und Kindeskinder keine lebenswerte Zukunft haben, wenn wir mit den fossilen Brennstoffen so weitermachen wie bisher, oder die anderen, die wollen, dass alles so bleibt. 

In der Stadt Kempen wird eine Modalsperre, die den Anwohnern Ruhe bescherte, blitzschnell wieder abgebaut, weil der Gemeinderat einen Beschluss rückgängig machte. Die Autofahrenden, die legal gar nicht durch die Anliegerstraßen fahren dürfen, haben gewonnen. In Berlin zündelt die Verwaltung mit der Idee, Radwege zurückzubauen (scheiterte aber bisher vor Gericht). Die Angst vor den Veränderungen, die unser Kampf gegen die Klimaüberhitzung erfordern, ist größer als die Angst vor den furchtbaren Folgen der ansteigenden Temperaturen. Manchmal kommt es mir so vor, als sei unsere Lust am am Kaputtmachen unserer Welt riesengroß und als fänden wir Vernunft einfach zu öde. 

9. September 2023

Wenn die Alternative zum Autofahren fehlt ...

 ... dann bleibt das Auto das bevorzugte Verkehrsmitel. Das ist ein deutliches Zeichen, dass die Politik was falsch gemacht hat. 

Einige fahren ja gern Auto, aber viel mehr Leute, als wir denken, würden gerne anders zu ihren Zielen kommen. Mit Bus oder Bahn oder dem Fahrrad. Allein, es fehlt die Hoffnung, dass es geht. Das geht sogar aus der Umfrage der HUK-Coburg unter 4042 Menschen zum Mobilitätsverhalten hervor. 63 Prozent glauben nämlich, dass die Mobilitätskonzepte grundsätzlich neu gedacht werden müssen, denn das Auto wird zu teuer. Das Thema wird den Befragten auch deutlich wichtiger. Die Umfrage macht aber auch deutlich, dass in Deutschland eine Alternative zum Auto derzeit kaum vorstellbar ist. Und wenn es dann nicht-fossile Antriebe gibt, fällt auch das schlechte Gewissen weg. Auf die Frage, welche Fortbewegungsmittel werden Ihrer Meinung nach Ihre Auswahlkriterien für die nächsten fünf Jahre am besten erfüllen, wählten 72 Prozent das Auto (2022: 67 %) und 23 Prozent das Fahrrad (2021 waren es noch 30 %). Vor allem die jungen Leute setzen wieder aufs Auto. Keine große Sympathie hatten die Befragten für öffentliche Verkehrsmittel (so um die 10-16 Prozent).

7. September 2023

KI kann Rad- und Fußverkehr sicherer machen

Kameras an Autos übersehen nichts, der Mensch hinterm Steuer übersieht aber schon gern mal was. Autonom fahrende Autos können die Verkehrswelt auch für Radfahrende und Fußgänger:innen also sicherer machen. 

Allerdings weiß man noch gar nicht, wie Autofahrende, Gehende und Radfahrende im Gewusel des Straßenverkehrs eigentlich kommunizieren. Um herauszufinden, auf welche Signale die Autokameras achten und wie sie sie interpretieren müssen, hat das Institut für Verkehrssystemtechnkik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt vor zwei Jahren in Braunschweig eine VRU-Simulation mit in Gang gebracht. VRU steht für "Vulnerable Road Users", also für diejenigen, die bei Zusammenstößen mit Autos immer im Nachteil sind. Bei den Forschungen zum autonomen Fahren wurden sie bisher wenig berücksichtigt, müssen aber im Zentrum stehen. Um zu untersuchen, wie sich Radfahrende und Gehende im Straßenverkehr verhalten wurde eine Plattform mit VR-Brillen entwickelt, die das Radfahr- und Gehverhalten abbildet. So kann erforscht werden, wie es aussieht, wenn ein Fußgänger wirklich über einen Zebrastreifen will oder aber nur herumsteht und auf dem Handy daddelt oder abgelenkt wird und doch nicht geht und so weiter. 

5. September 2023

Der Kampfradler ist ein Hirngespinnst

Es gib ihn nicht, meint Steffen auf Bikefolks. Er existiert gewissermaßen nur in den Medien, dort aber so prominent, dass es bei Wikipedia sogar einen eigenen Eintrag dazu gibt. 

Dem angeblich rücksichtslos missionarischem Radler widmete die Süddeutsche Zeitung 2018 eine böse Glosse, mit der sie sicherlich die Vorurteile vieler Menschen nicht nur bestätigt, sondern auch noch tief befriedigt haben dürfte. Es ist ja so viel einfacher, Wut und Hass bei Menschen zu wecken als Verständnis und Kenntnis, und nichts taugt dazu so gut, wie der Radfahrer (sehr selten die Radfahrerin) permanenter Störfaktor in unserem Verkehrssystem, das strukturell vollständig aufs Auto ausgerichtet ist. 

3. September 2023

Probleme mit dem Sattel kann man lösen

Manche fahren nicht gern Fahrrad. Wenn man dann nachfragt, warum eigentlich nicht, kommt immer mal wieder heraus, dass sie Sitzprobleme haben, die Geschlechtsteile werden taub oder schmerzen.  

Wenn bei den Tagestouren, die wir im Urlaub vielleicht gemacht haben, der Hintern weh tat, dann müssen wir nicht aufgeben, sondern einen anderen Sattel suchen, der passt. Das ist nicht immer leicht, aber möglich. Frauen brauchen nicht grundsätzlich andere Sättel als Männer, sie brauchen beispielsweise keine breiteren, sie müssen aber unter Umständen auf andere Details achten. 2020 habe ich darüber ausführlich geschrieben. Hier der Artikel zum Wiederlesen. 

1. September 2023

Radfahren verändert unsere Denkweise

Wer nur das tut, was er/sie immer getan hat, bleibt, was er/sie ist. Mag sein, dass manche das gut finden. 

Doch die meisten Menschen sehnen hin und wieder nach einem Ausbruch aus dem Alltagstrott. Sonst würden sie nicht so viel reisen. Aber die große Reise kann auch eine ganz einfache sein. Mit dem Radfahren anfangen.  

Radfahren verändert unsere Denkweise. Zunächst wird man sich seiner körperlichen Verfassung bewusst, dann spürt man, dass man sie positiv verändern kann. Man konzentriert sich etwas mehr auf das, was einem gut tut, gutes Essen, mehr Bewegung, Licht und Luft. Der eigene Lebensstil wird etwas gesünder. Wenn wir radeln, sind wir von Menschen umgeben, die sich mehr bewegen und gesünder sind und Freude an dem haben, was sie tun. Das färbt auf uns ab und macht uns zufriedener. Wir blicken mit wacheren Augen auf die Welt und das seltsame Verkehrschaos, das unsere Autowelt in den Städten angerichtet hat. Wir kommen mit anderen Radfahrenden ins Gespräch, wir fahren mal eine Critical Mass mit, wir finden Leute, die sich für besserer Radverkehrsstrukturen einsetzen, und machen mit.  

Oder auch nicht, wir radeln lieber alleine für uns und beobachten Veränderungen an unserem Körper.